Helga und Wilhelm Allerheiligen: "Die Liebe war groß"
Die gemeinsame Liebesgeschichte von Helga und Wilhelm Allerheiligen beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg im Landkreis Verden. Seitdem haben sie unzählige Partien Scrabble gegeneinander gespielt - nicht ohne Gekabbel.
"Nun sieh zu, dass du nicht wieder verlierst." - "Ich verliere nicht." - "Das werden wir erleben." Wann genau Helga und Wilhelm Allerheiligen ihr erstes Scrabble-Spiel geschenkt bekommen haben, wissen sie nicht mehr genau. Irgendwann in den Jahren nach dem Krieg. Für jedes richtige Wort, das gelegt wird, gibt es Punkte. Was ein richtiges Wort ist: Auslegungssache. Und noch heute geht es nicht ohne liebevolle Neckereien: "Ja, mein Schatz, ich komm, ich mach doch alles, was du willst. Ich bin zu allen Schandtaten bereit", kommentiert Wilhelm Allerheiligen das tägliche Miteinander zwischen sich und seiner Frau in der NDR Dokumentation "Jahrhundertliebe".
Nach Kriegsende: Flucht und Gefangenschaft
Helga Allerheiligen kommt am 23. November 1928 in Breslau (heute Wrocław), im damaligen Schlesien, zur Welt. Nach Kriegsende muss sie mit ihrer Familie die völlig zerstörte Stadt verlassen. Nach monatelanger Flucht landen sie in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Verden. Das liegt nur drei Kilometer entfernt von dem Dorf, in dem Wilhelm Allerheiligen aufgewachsen ist.
Wilhelm Allerheiligen wird am 23. Oktober 1926 in Westen an der Aller geboren. 1943 wird er als 17-Jähriger eingezogen, 1944 gerät er in russische Kriegsgefangenschaft. Im Herbst 1945 kehrt er schließlich heim.
Nachkriegszeit: Unzertrennlich nach einem Tanzabend
Helga und Wilhelm wohnen dicht beieinander - noch, ohne sich richtig zu kennen. Auf einem großen Bauernhof sieht Helga immer zwei Jungs sitzen. "Und wenn ich mit dem Fahrrad vorbeikam, dann haben sie auch manchmal so lose Sprüche losgelassen", erzählt sie in der Rückschau. Wenig später lernt Helga einen von ihnen bei einem Tanzabend der britischen Armee im Mai 1946 kennen: Wilhelm. Er ist damals 19, sie 17. "Da wurde ja viel, viel getanzt", erinnern sich die beiden. Von diesem Abend an sind die Helga und Wilhelm unzertrennlich. Den jungen Mann, der ihr vor dem Bauernhof eben noch lose Sprüche hinterhergerufen hat, betrachtet Helga plötzlich mit ganz anderen Augen: "… dass er ein schicker junger Mann ist." Sie habe immer aufgepasst, dass da keine anderen rankommen. Keine Konkurrenz. "Die Liebe war groß", so Helga rückblickend.
Fernbeziehung stellt das junge Paar auf die Probe
In den ersten Jahren nach dem Kennenlernen führen Helga und Wilhelm eine Art Fernbeziehung. Helga arbeitet als Magd auf einem Bauernhof, einige Kilometer entfernt. Die beiden versuchen, sich so oft es irgendwie geht zu sehen. Wilhelm muss in dieser Zeit allein den Familienhof bewirtschaften. Sein Vater ist im Krieg gestorben, seine Mutter kurz danach. Helga unterstützt ihn, wo sie nur kann.
1950: Hochzeit im kleinen Kreis und mit knappen Budget
Nach vier Jahren endet ihre Wochenendbeziehung. Am 16. Juli 1950 heiraten sie im kleinen Kreis. Für ein großes Fest ist kein Geld da. "Meinen Brautstrauß hab' ich mir selbst beim Gärtner geholt. Ein kleines Sträußchen. Zu mehr hat es auch nicht gereicht. Es war alles sehr knapp", schildert Helga die damalige Lebenssituation. Und trotzdem hätten sie sich sehr schön durchgebissen.
Im April 1954 wird Helgas und Wilhelms erster Sohn Rolf geboren. Vier Jahre später kommt das zweite Kind Klaus auf die Welt. Beide sind absolute Wunschkinder. Rolf verwöhnen sie so gut, sie können. "Und dann kam der Freche", erinnert sich Wilhelm an den Zweitgeborenen. Die Beziehung sei immer inniger geworden - auch dadurch, dass man die Kinder miteinbezogen habe.
"Es gab keinen Abend ohne 'Gute Nacht' zu sagen"
Mitte der 1960er-Jahre bauen Helga und Wilhelm ein Haus, in dem sie noch heute wohnen. Es liegt direkt neben dem alten Bauernhof. Den geben Helga und Wilhelm damals auf, weil er zu klein und nicht mehr rentabel genug ist. Wilhelm arbeitet stattdessen als Verwaltungsangestellter beim Landkreis Verden. Helga kümmert sich um die Kinder. In dieser Zeit gibt es zwischen beiden auch mal Streit. "Es gab schon mal einen Tag Pause oder auch zwei Tage. Aber da kam auch der Moment, wo wir wieder zusammen waren. Der war dann auch noch schöner. Vor allen Dingen gab es keinen Abend, ohne 'Gute Nacht' zu sagen", erinnert sich Helga an diese Momente.
Weitere Paare der "Jahrhundertliebe":
- Jahrhundertliebe: Die Geschichte von Helga und Horst Markwart
- Jahrhundertliebe: Die Geschichte von Ursula und Willi Müller
- Jahrhundertliebe: Die Geschichte von Margot und Siegfried Klöhn
- Jahrhundertliebe: Die Geschichte von Lydia und Josef Russnak
- Jahrhundertliebe: Die Geschichte von Hannelore und Edmund Schweden
- Jahrhundertliebe: Die Geschichte von Hajo und Manfred Hassemer
1970er-Jahre: Auszug der Kinder und Empty-Nest-Syndrom
Mitte der 70er gehen beide Jungs aus dem Haus. Rolf besucht die Uni, Klaus geht zur Bundeswehr. Plötzlich sind Helga und Wilhelm wieder zu zweit - und das Haus ist leer. "Als der Klaus ausgezogen ist, da war ich ganz kaputt. Das konnte ich gar nicht ertragen", beschreibt Helga das zurückgelassene leere Nest. Doch sie wird versöhnt: "Wir haben eine nette Schwiegertochter und eine süße Enkeltochter." Sohn Klaus und Enkelin Kim kommen regelmäßig aus Bremen zu Besuch und unterstützen Helga und Wilhelm mit den Einkäufen und der Gartenarbeit.
Das Miteinander in der Familie ist herzlich und innig. "Ich bin in einer liebevollen Familie aufgewachsen. Ich habe eine wunderbare Kindheit und bis zum Krieg eine sehr schöne Jugend gehabt. Und das habe ich unseren Kindern mitgegeben. Und das haben sie wieder zurückgegeben. Es ist eine schöne Geschichte", erzählt Helga.
2020: Verlust des Sohnes reißt große Lücke in die Familie
Doch 2020 erleben Helga und Wilhelm einen schweren Schicksalsschlag: Sohn Rolf stirbt an Lungenkrebs. Das sei so bitter gewesen. "Eigenartigerweise kann ich seitdem nicht mehr weinen. Ich habe damals alles, was in mir war, rausgeweint", schildert Helga ihre Trauer über den Verlust. An jedem letzten Freitag im Monat fährt eine Freundin das Paar zum Kaffee-Nachmittag der Kirchengemeinde. Aktiv sein, ausgehen, unter Leute kommen, hilft den beiden, die Trauer zu bewältigen.
"Das Urvertrauen ist nie verloren gegangen"
Im Mai 1946 haben sich Helga und Wilhelm Allerheiligen zum ersten Mal gesehen. Haben getanzt und sich ineinander verliebt. Seitdem sind fast genau 80 Jahre vergangen. "Es ist ein Urvertrauen da, das ist nie verloren gegangen", resümiert Helga den Erfolg ihrer Beziehung. Das letzte Wort hat Wilhelm: "Ich hätte kein größeres Glück haben können. Das war Glück. Und bleibt auch Glück."