Helga und Horst Markwart: "Gib mir mal Dein Pfötchen!"
Helga und Horst Markwart kennen sich seit Dezember 1953. Der erste Kuss: ganz vorsichtig, beim zweiten Treffen. Ihre Liebesgeschichte beginnt in Chemnitz und geht in Mecklenburg-Vorpommern weiter.
Es ist der zweite Weihnachtsfeiertag, als sich die Kindergärtnerin Helga und der Berufsmusiker Horst kennenlernen. Helga ist zum ersten Mal mit ihren Freundinnen zum öffentlichen Tanz im Marmorpalast. "Auf den ersten Blick gefiel sie mir und ich dachte, die holste", erinnert sich Horst Markwart an die erste Begegnung. Auch Helga ist angetan: "Er war schon ein fescher Bursche, schön schlank, schneidig", beschreibt sie ihren damals Zukünftigen in der NDR Dokumentation "Jahrhundertliebe". Beide sind zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt. Als Profi-Musiker spielt Horst Markwart vor allem Marschmusik. Doch zu Hause gibt Helga den Takt vor - bis heute: "Gib mir mal Dein Pfötchen." Verheiratet sind wir schon 70 Jahre und wir vertragen uns immer noch", schwärmt Horst über die intensive Beziehung.
"Ein Kommunist hatte in der Verwandtschaft nichts zu suchen"
Helga Markwart, geborene Strauss, kommt am 10. März 1935 in Chemnitz zur Welt. Sie wächst in Sachsen auf. Ihre Mutter ist Näherin für weiße Wäsche, ihr Vater arbeitet in mehreren Berufen: als Schlosser, Bademeister, Masseur und Fußpfleger. Helga merkt schon früh, dass es ihre Eltern nicht leicht haben. Denn ihr Vater ist Kommunist, hilft unter anderem Kriegsgefangenen. Der Bruder ihrer Mutter sei Nazi gewesen. "Der war sogar bereit, meine Mutter, obwohl hochschwanger mit mir, in die Chemnitz zu werfen. Ein Kommunist hatte in der Verwandtschaft nichts zu suchen", schildert Helga die Umstände in den 1930er-Jahren. Im Zweiten Weltkrieg erlebt sie Bombardements auf Chemnitz, sie ist deshalb zeitweise im Keller untergebracht. Später tritt sie der FDJ bei, der 1946 gegründeten Jugendorganisation der DDR.
Musiker beim Stabsmusikkorps der Volksmarine
Horst Markwart wird am 8. August 1935 in Lauchhammer geboren, ehemals Sachsen-Anhalt, heute Brandenburg." Er wächst mit drei Geschwistern auf. Seine Mutter ist Hausfrau, der Vater Posaunist. Während des Kriegs wird die Familie wegen der Bombenangriffe aus Halle evakuiert, sie lebt dann beim Großvater in Hirschfeld. Auch Horst wird Musiker, ab 1949 besucht er zunächst die Musikschule Torgau, später ist er beim Orchester der Volkspolizei in Leipzig. 1952 wird er zu den See-Streitkräften nach Stralsund versetzt. Beim Stabsmusikkorps der Volksmarine, das bei Staatsakten, Militärparaden und der Ostseewoche auftritt, ist er zunächst Beckenschläger. Er kann auch Posaune, Fagott und Schlagzeug spielen. "Eine Ausbildung direkt mit Gewehr und allem Möglichen hatten wir nicht", erzählt Horst in der Rückschau.
Trotzdem macht ihm nicht alles Freude bei der Arbeit: "Schlimm waren die Stellproben für Militärparaden - eine Dreiviertelstunde auf der Stelle stehen", schildert er seine Eindrücke von damals.
1955: Hochzeit mit Hindernissen
Sein schönster Auftritt findet am 22. Oktober 1955 statt, der Tag der Hochzeit mit seiner Helga. Sie wohnt damals noch bei den Eltern im sächsischen Einsiedel, Horst 500 Kilometer entfernt in Stralsund. Doch die Umstände der Hochzeit sind nicht einfach, Horst darf nicht zum Polterabend - und er muss nach der Hochzeit sofort zurück. "Das habe ich seinem Chef nie verziehen", sagt Helga dem NDR.
1957: Umzug nach Kühlungsborn mit Baby und wenig Gepäck
Ihre erste Wohnung bekommen die Markwarts 1957 in Kühlungsborn. Die müssen sie sich zunächst mit einer fremden Frau und deren Kind teilen. "Unsere Tochter war sechs Wochen alt. Wir sind mit ihr mit dem Zug hier hochgezogen", erzählt Helga über den Ortwechsel in den Norden. Mit im Gepäck: Wassereimer, Kasserolle, Teller und Besteck. "Wir mussten warten, bis unsere Möbel hier oben ankamen. Wir hatten erstmal gar nichts", so Helga weiter. Zur Jahreswende bekommen sie die Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung endlich für sich, die Offiziersgattin mit Kind zieht aus. Und zu Tochter Silvia gesellt sich ein Jahr später Sohn Jens (1958). Jan (1963) und Jörg (1964) machen die Familie schließlich komplett.
Angst vor einer Trennung durchs ewige Getrenntsein
Mittlerweile lebt die sechsköpfige Familie in einer 4-Raumwohnung in einer Neubausiedlung im Rostocker Stadtteil Lütten Klein. Vier Kinder und voll berufstätig: Helga ist mit Leib und Seele Kindergärtnerin, arbeitet sich bis zur Leiterin hoch. Ihren Mann sieht sie an den Wochenenden kaum. Nur jeden zweiten Samstag und Sonntag. Als Musiker ist Horst ständig unterwegs. Manchmal erhascht sie einen Blick auf ihn im Fernsehen - in beliebten TV-Sendungen - umschwärmt von schönen Frauen. "Ich hatte Angst davor, dass die Trennung mal kommen könnte aus irgend so einem unangenehmen Grund, dass da noch ein paar Anhängsel hinterherlaufen", erinnert sich Helga. Bei Auftritten in Mecklenburg-Vorpommern sind Helga und die Kinder immer dabei, wie zum Beispiel im Rostocker Zoo. Sie bestaunen die Tiere und sind mächtig stolz auf den Papa.
Weitere Paare der "Jahrhundertliebe":
- Jahrhundertliebe: Die Geschichte von Helga und Wilhelm Allerheiligen
- Jahrhundertliebe: Die Geschichte von Ursula und Willi Müller
- Jahrhundertliebe: Die Geschichte von Margot und Siegfried Klöhn
- Jahrhundertliebe: Die Geschichte von Lydia und Josef Russnak
- Jahrhundertliebe: Die Geschichte von Hannelore und Edmund Schweden
- Jahrhundertliebe: Die Geschichte von Hajo und Manfred Hassemer
Wendezeit: Jobverlust und Vorruhestand
1989 kommt das Ende der DDR: Für die Markwarts und so viele aus ihrer Generation ein Schock. Plötzlich soll alles, wofür sie 40 Jahre gearbeitet haben, nicht mehr zählen. "Wir waren vom Weg des Sozialismus überzeugt, dass es richtig ist. Nun wirtschaftlich sind wir zurückgeblieben und konnten nicht mehr mithalten", schildert Horst seine Betrachtungsweise von damals. Helga verliert ihre Arbeit als Kindergartenleiterin. "Ich wurde in Vorruhestand geschickt. Wir haben die Kinder gegängelt, hieß es immer", begründet Helga den Jobverlust rückblickend.
Die Markwarts: Eine große Familie, die zusammenhält
Aber Helga ist auch versöhnlich gestimmt: "Im Prinzip haben wir es gut gehabt, wir sind so früh in Rente gegangen." Horst spielt noch 16 Jahre im freien Blasorchester weiter. Gemeinsam machen sie Reisen und freuen sich über ihre große Familie, die zusammenhält. Damit haben sich alle Träume für Helga und Horst Markwart erfüllt. Sie leben seit 2019 in Elmenhorst bei Rostock. Sohn Jan wohnt nebenan und kocht am Wochenende für die Eltern. In der Woche bestellen sie Essen auf Rädern. Und, die Partys bei den Markwarts einmal im Jahr sollen sensationell sein. Ihr nächstes Ziel: der 91. Geburtstag von Horst im August 2026.
Kindheitstraum lebt: Reise nach Neapel und zum Vesuv
Und Helga hat noch einen Wunsch: Sie möchte für vier Wochen lang nach Italien reisen, den Vesuv und Neapel besichtigen. "Das wollte ich schon als Kind." Helga und Horst beschäftigen sich auch mit dem Thema Tod: "Ich möchte zuerst gehen, klingt ein bisschen makaber, aber ist so. Wenn sie zuerst ginge, das würde mich ganz schön belasten", beschreibt Horst seine Angst. Helga sieht das etwas gelassener: "Noch ist es nicht so weit. Es ist so im Leben, einer muss den Anfang machen. Das kann man nicht bestimmen."