Hannelore und Edmund Schweden: "Ich war sofort hin und weg"
Kennengelernt haben sich Hannelore und Edmund Schweden auf einer Karnevalsfeier - typisch Düsseldorf eben. Ihr Rezept für 76 Jahre Ehe: nach einem Streit nie ohne Versöhnung abends ins Bett gehen.
Es ist der 11. Februar 1949, ein Freitagabend. Schlagzeuger Edmund spielt mit seiner Band auf einer Feier in der Karnevalshochburg am Rhein. Hannelore sieht ihn auf der Bühne - und ist "sofort hin und weg", erzählt sie in der NDR Dokumentation "Jahrhundertliebe". Fast 76 Jahre danach, genießt das Paar das gemeinsame Leben. Sie wohnen jetzt mit Tochter Birgit und deren Partnerin in einem Haus in Gifhorn zusammen. Alle helfen sich gegenseitig.
Hannelore Schweden, geborene Füßt, kommt am 23. Dezember 1929 in Düsseldorf zur Welt. Edmund Schweden wird am 1. Juni 1930 ebenfalls in Düsseldorf geboren. Als Teenager erleben beide hier den Zweiten Weltkrieg und die Bombenangriffe auf die Stadt.
NS-Zeit: Als Edelweißpiraten im Widerstand
Sowohl Hannelore als auch Edmund engagieren sich heimlich bei den Edelweißpiraten, sie tragen jeweils ein Edelweiß unterm Revers als Erkennungszeichen. Wie im gesamten Rhein- und Ruhrgebiet finden sich zu dieser Zeit auch in Düsseldorf kleine Gruppen Jugendlicher zusammen, die sich vom NS-System abwenden und sich gegen den Drill in der Hitlerjugend aufbegehren. Hannelore und Edmund gehören unterschiedlichen informellen Gruppen an. "Viel gegen die Hitlerjugend konnten wir ja nicht unternehmen, dafür waren wir ja viel zu schwach und auch zu jung."
Als sich Hannelore und Edmund nach dem Krieg kennenlernen, sprechen sie viel über diese Zeit. Das gemeinsame Erlebte schweißt die beiden zusammen.
Kriegsende: Verliebt und verlobt binnen zweier Monate
Vier Jahre nach Kriegsende spielt der gelernte Dachdecker Edmund auf einer Karnevalsfeier Schlagzeug in einer Band. Hannelore sitzt im Publikum. "Und dann habe ich zu meiner Mutter gesagt: Mama, wie gefällt dir denn der Schlagzeuger? Die Mutter reagiert mit Unverständnis: 'Was willst du denn mit so einem Zigeunerkind?'" "Das Aussehen, die Art, wie er sich benahm, hat mir sehr gut gefallen", beschreibt Hannelore rückblickend die erste Begegnung. "Ich mochte immer schon dunkelhaarige Männer. Und mein Mann sah früher aus wie ein Perser." Und auch ihm sind ihre "wunderschönen roten Haare" aufgefallen. "Da war ich direkt verliebt", beschreibt Edmund das Aufeinandertreffen. Da sei eine schöne Zeit gewesen. Ostern sind die beiden Verliebten schon verlobt.
1949: Hochzeit mit Einwilligung der Eltern
Nur ein halbes Jahr später - an Heiligabend 1949 - soll geheiratet werden. Es muss alles schnell gehen, weil Hannelore schwanger ist. Beide sind damals noch minderjährig, unter 21. Für die Hochzeit brauchen beide die Unterschrift der Eltern. Doch Edmunds Vater zögert: "Er sagte, ich brauche nicht zu heiraten. 'Da gibt es andere Möglichkeiten. Ich übernehme die Kosten'", erinnert sich der Sohn. Und Edmund bleibt stur: "Wir kriegen das Kind. Und ich will auch, dass das Kind ehelich geboren wird."
Im Juni 1950 wird schließlich Tochter Christa geboren. Im zerbombten Düsseldorf kommt die kleine Familie in einer ausgebauten Waschküche in Edmunds Elternhaus unter, ohne Strom und ohne fließend Wasser. Keine Isolierung. Im Winter ist es so eiskalt, dass sich sogar Eis auf dem Bett bildet. Fünf Jahre leben die Schwedens in diesem Provisorium.
Weitere Paare der "Jahrhundertliebe":
- Jahrhundertliebe: Die Geschichte von Lydia und Josef Russnak
- Jahrhundertliebe: Die Geschichte von Margot und Siegfried Klöhn
- Jahrhundertliebe: Die Geschichte von Dagmar und Ivar Buterfas-Frankenthal
- Jahrhundertliebe: Die Geschichte von Hajo und Manfred Hassemer
- Jahrhundertliebe: Die Geschichte von Ruth und Hans Stasch
1950er-Jahre: Hannelore arbeitet ohne Edmunds Wissen
Mitte der 1950er-Jahre geht es bergauf. Familie Schweden zieht in eine richtige Wohnung. Mit Heizung und fließendem Wasser. Edmund arbeitet weiter als Dachdecker und verdient an den Wochenenden als Schlagzeuger Geld dazu. Auch Hannelore sucht sich einen Job - allerdings ohne Edmunds Wissen. Sie putzt ein Treppenhaus. Bis Edmund dahinterkommt. In der damaligen Zeit dürfen Frauen ohne die Einwilligung des Mannes nicht arbeiten. Edmund muss einmal schlucken und gibt dann klein bei: "Wenn du das möchtest, dann mach das halt." Einige Jahre später wechselt erst Hannelore und dann Edmund zur Post. Dort bleiben sie ihr restliches Berufsleben.
Zwölf Jahre nach dem ersten Kind kommt die zweite Tochter Birgit auf die Welt. "Eigentlich wollten wir kein Kind mehr. Es war ein Unfall, den wir heute nicht mehr missen wollen."
"Wir wollen nicht im Streit ins Bett gehen"
Trotz aller Freuden herrscht bei Hannelore und Edmund nicht immer eitel Sonnenschein. "Aber wir haben immer gesagt, wenn der Tag zu Ende ist, dann müssen wir uns wieder vertragen haben. Wir wollen nicht im Streit ins Bett gehen. Das haben wir auch beibehalten. Dann haben wir das Ganze ausdiskutiert, und dann war es gut", erzählt Hannelore über den Umgang mit Meinungsverschiedenheiten.
2000er-Jahre: Umzug von Düsseldorf nach Gifhorn
2004 wagt das Paar nochmal einen großen Schritt: Die überzeugten Großstädter Hannelore und Edmund verlassen das Rheinland und ziehen ins ländliche Niedersachsen. Gifhorn wird ihre neue Heimat. Beide sind zunächst ein bisschen besorgt, hier nicht reinzupassen. Vor allem Edmund fällt der Umzug aufs Land anfangs schwer. Sie beschließen, für die gesamte Nachbarschaft eine große Feier zu veranstalten: "Und dann war der Bann gebrochen." Das machen sie bis heute immer noch ab und an.
Mittlerweile fühlt sich das Paar im Norden sehr wohl. Sie haben viele neue Freunde gefunden. Bis heute spielen sie mit Paaren aus der Nachbarschaft im Keller regelmäßig Billard. An ihre 76 Ehejahre kommt hier in der Umgebung aber niemand ran.
Nach 76 Jahren: "Ich liebe meine Frau immer noch"
Das größte Glück von Hannelore und Edmund ist ihr Garten. Selbst Ende Oktober, wenn sich ab und an doch noch mal die Sonne zeigt, sitzen die beiden noch gern auf einer kleinen Holzbank vor dem Hühnerstall und blicken ins Grüne. "Ich liebe meine Frau immer noch. Da hat sich nichts geändert. Ich wüsste nicht, was wir falsch gemacht haben", resümiert Edmund die lange gemeinsame Zeit.