Geheimnis um Wrack im Watt: Welches Schiff liegt da vor Amrum?
Im 19. Jahrhundert strandete ein Segelschiff vor der Insel Amrum. Seine Überreste liegen noch heute im Wattenmeer. Der Seefahrtshistoriker Clas Broder Hansen hat sich intensiv mit der Geschichte des Schiffs beschäftigt.
In seiner Schreib- und Studierstube hat der Hamburger Volkskundler Clas Broder Hansen an einem geheimnisvollen Schiffsunglück geforscht: die Geschichte eines Wracks aus dem 19. Jahrhundert, das zwischen Amrum und Föhr liegt. Seiner Ansicht nach begann die letzte Fahrt dieses Schiffes im Hafen von Hamburg-Altona - und es strandete im Watt.
"Räuberpistole" mit Leichen am Mast
"Das guckt vielleicht 50 Zentimeter aus dem Wasser raus, aber man sieht so den Grundriss eines Schiffes. Da denkt man, es ist eine olle Schute vom Marsch- und Bauamt oder was", beschreibt Hansen die Lage der Schiffsreste. "Und dann kommt aber der Wattführer und erzählt einem eine 'Räuberpistole', der sagt dann: 'Das hier ist die 'City of Bedford', die ist 1825 gestrandet, im Orkan und vier Mann der Besatzung haben sich an den Mast gebunden und der Mast ist umgeknickt und über Bord gefallen und die Leichen sind mit dem Mast am Deich von Föhr angetrieben.' - Es gibt gar keine 'City of Bedford'", stellt der Seefahrtshistoriker klar, der über das Wrack ein Buch geschrieben hat. Hansen hat bereits mehrere Seefahrtsbücher verfasst, dazu zählt ein Buch über die Havarie der "Pella" 1964 , die ebenfalls vor Amrum gestrandet ist.
Alte Quellen durchforstet
Hansen ging der Sache weiter auf den Grund. Er studierte alte Quellen - besonders bei der Schiffs-Klassifikationsgesellschaft "Lloyd’s Register" in London, bei der Unterlagen von Reedern und Versicherern dokumentiert sind. "Ich hatte plötzlich ein Datum. Ein Datum von einem Schiff, das da gestrandet ist. Und wenn ich ein Datum hab, dann kann ich in den Archiven nachsehen und schon habe ich ein Strandungsprotokoll von diesem Schiff. Wobei da noch nicht klar war, ob es das tatsächlich ist", sagt Hansen dem NDR.
Thünen-Institut untersucht Holz des Schiffs
Dieses mysteriöse Schiff ist auch im 19. Jahrhundert auf der Nordsee in einen Orkan geraten und zwischen Föhr und Amrum gestrandet. Hansen machte sich noch mal auf ins Watt, nahm ein Stück vom Wrack mit. Damit ging er zum Thünen-Institut für Holzforschung in Hamburg-Bergedorf. Diesen Schritt erklärt er so: "Die Schiffe aus Europa sind damals nur aus Eichenholz gebaut worden. Und aus diesem Bericht von Lloyds weiß ich, dass das Schiff, von dem ich vermute, dass es das ist, aus anderem Holz gebaut ist und das Entscheidende ist der Steven. Der Vorsteven ist aus Birkenholz und es gibt kaum Fahrzeuge in Europa, die aus Birkenholz sind. Und deswegen ist die entscheidende Frage, ist das hier jetzt Birkenholz oder nicht?" Gemeint ist der vordere Abschluss des Schiffsrumpfs.
Endgültiger Beweis erbracht
Genau das prüfen für ihn die Holz-Experten vom Thünen-Institut. Dazu wird die Probe geschnitten und unter einem Mikroskop angeschaut. Holz-Anatom Volker Haag ist sich nach der Analyse sicher: "Ich kann hier mit sehr großer Sicherheit sagen, dass das Fragment, was wir hier untersucht haben, von Birke, botanisch Betula, stammt." Dieses Ergebnis bestätigt Seefahrtshistoriker Hansen in seinen Vermutungen: "Toll, das ist der endgültige Beweis dafür, dass wir das Schiff eindeutig identifiziert haben, dass ich das richtige Schiff gefunden habe. Das kommt aus Kanada. Das ist mit Auswanderern über den Atlantik gesegelt und ist mit voller Ladung Holz wieder zurückgesegelt. Es ist auch im Schwarzen Meer gewesen. Ist das nicht großartig?"
Buch über die Spurensuche geschrieben
Den Namen verrät er nicht - zumindest nicht direkt. "Der Autor eines Krimis verrät ja auch nicht, wer der Mörder ist oder wie der Mörder heißt", sagt Hansen. Denn die ganze Spurensuche - inklusive Namen - beschreibt der Historiker in seinem Buch über das geheimnisvolle Wrack im Watt zwischen Amrum und Föhr. Es handele sich um "einen alten Zeugen der Weltgeschichte. Dieses Schiff, das den Namen der Göttin der Weisheit trägt." So viel verrät der Autor dann doch über den Namen, ein Name so geheimnisvoll wie die ganze Geschichte des Segelschiffs.