Transrapid-Unglück vor 20 Jahren: Wie ein Ingenieur den Unfall überlebte
Eine lebenslange Begeisterung, ein Vorstellungsgespräch bei Tempo 400 und ein tragischer Unfall: Das Innovationsprojekt Transrapid in Lathen hat das Leben von Dirk Dinnus geprägt - auch nach dem Unglück vor 20 Jahren.
Erst Praktikant, später Werkstudent und schließlich Ingenieur: Mehr als zwölf Jahre ist Dirk Dinnus Teil des Entwicklerteams an der Transrapid-Teststrecke in Lathen im Emsland. Aus dieser Zeit nimmt der heute 57-Jährige viele positive Erfahrungen und Erinnerungen mit. Als es am 22. September 2006 bei einer Besucherfahrt auf der Teststrecke in Lathen zum Crash kommt, ist auch er mit an Bord. Dinnus ist damals einer von zehn Überlebenden - 23 weitere Menschen sterben.
Erinnerungen an den Unfall
Bis heute erinnert sich Dinnus an diesen heißen, sonnigen Tag im September vor 20 Jahren. Er lebt damals mit seiner Familie in Grafeld im Landkreis Osnabrück. Am Morgen des Unfalls fährt er mit dem Motorrad zu seinem Arbeitsplatz im Emsland. Auf der Teststrecke in Lathen wird seit 1984 der Transrapid entwickelt. Die Grundlage für den Hochgeschwindigkeitszug ist die Magnetschwebetechnologie. Der Transrapid erreicht mehr als 400 Kilometer pro Stunde und wird in Lathen auf einer 32 Kilometer langen Strecke getestet.
Der Tag des Unfalls
Am Vormittag startet eine Besucherfahrt, wie nahezu täglich damals. 33 Menschen sind an Bord. Auch Dinnus ist dabei, als Ingenieur ist er für Messungen zuständig. "Mit einem Mal gab es einen riesigen Aufprall. Ich saß an einem Tisch, der nachher verbogen war. Mir ist die Brille vom Kopf gefallen", sagt Dinnus. Er hielt sich zum Zeitpunkt des Unfalls im hinteren Bereich des Transrapids auf - nur deshalb hat er den Aufprall überlebt und konnte das Fahrzeug später über Rettungsschläuche verlassen.
Erinnerung und mentale Belastung nach dem Unfall
Den Unfall überlebt Dinnus ohne größere Verletzungen - aber mental wird dieser ihn weiter begleiten. Besonders in den ersten Jahren danach kommt er häufig an den Unfallort zurück. Dort gibt es einen Gedenkort mit Erinnerungen an die Verstorbenen. Dinnus schaut sich Fotos an und liest in Kondolenzbüchern.
Dinnus: Bis dahin begeistert von der Technologie
Bis zum Unfall waren seine Erfahrungen mit dem Transrapid ausschließlich positiv. Schon früh begeistert er sich für Technologie. Im Jahr der Katastrophe blickt Dinnus bereits auf eine mehrjährige Karriere als Ingenieur zurück. In den 1990er-Jahren studiert der heute 57-Jährige in Osnabrück Maschinenbau. Aus dem Studium heraus bewirbt er sich für ein Praktikum an der Teststrecke.
Bewerbungsgespräch mit 400 Kilometern pro Stunde
Dinnus wird zum Bewerbungsgespräch eingeladen. Das findet überraschend in einem fahrenden Transrapid statt. Für den Technikbegeisterten ein Highlight. Zunächst beginnt das Vorstellungsgespräch, wie man es sich vorstellt. Dinnus sagt, er habe erstmal ein bisschen darüber erzählt, was er bisher so gemacht habe. "Dann irgendwann habe ich tatsächlich gewagt, zu fragen, ob ich denn einmal die Fahrt kurz genießen dürfte, weil es für mich so ein Riesenerlebnis war, mitfahren zu dürfen."
Transrapid heute noch in Shanghai im Einsatz
Dinnus bekommt am Ende die Zusage für das Praktikum. Es folgt eine Werkstudentenstelle und knapp zwei Jahre später auch die Festanstellung als Ingenieur. Dinnus erinnert sich an eine aufregende Berufszeit. In den frühen 2000ern ist er mehrmals in Shanghai, arbeitet mit an der Inbetriebnahme der Transrapid-Strecke. Dort fährt die Magnetschwebebahn bis heute, während die einst so hoffnungsvolle Zukunftstechnologie in Deutschland niemals in den Regelbetrieb ging.
Ein berufliches Highlight: Dinnus' Zeit in Shanghai
Sein beruflicher Ausflug nach Shanghai ist Dinnus besonders gut im Gedächtnis geblieben: "Es war wirklich viel zu tun und man wusste gar nicht, wo vorn und hinten war, aber das war die beste Zeit in meinem Berufsleben." Insgesamt vier Mal sei er in Shanghai gewesen, erzählt Dinnus. Beim Aufbau der Strecke in der chinesischen Metropole sei er mit Messaufgaben betraut gewesen. Etwas völlig Neues dabei: der Begegnungsverkehr. In Shanghai fährt der Transrapid nämlich, anders als in Lathen, auf zwei nebeneinanderliegenden Trassen in verschiedene Richtungen. Eins gilt für Shanghai wie für Lathen: das stark ausgeprägte Gemeinschaftsgefühl im Team: "Also das war wirklich so eine eingeschworene Gemeinschaft. Das war vor dem Unfall schon so und nach dem Unfall war es das eigentlich noch viel mehr."
Die Zeit nach dem 22. September 2006
Beim Unfall sterben auch drei Kollegen von Dinnus. Der Unfall beschäftigt den Ingenieur bis heute. In der unmittelbaren Zeit nach dem Unfall findet er für sich eine eigene Form der Bewältigung, wie er erzählt: "Für mich war es wichtig, auch beim Rückbau hier zu sein. Mehrere Wochen stand das Unfall-Fahrzeug hier auf dem Fahrweg und musste irgendwie weggeschafft werden." Nach seiner Zeit beim Transrapid ist Dinnus in verschiedenen technischen Berufen tätig. Heute arbeitet er in einem Ingenieurbüro im westfälischen Rheine. Der Transrapid ist dort kein Thema.
Die Technologie war nicht am Unfall schuld
Dinnus ist auch nach dem Unfall weiterhin von der Technologie der Magnetschwebebahn überzeugt. "Es wurde ein großer Fehler gemacht, aber der hatte letzten Endes überhaupt nichts mit der Technologie zu tun", sagt er. Tatsächlich war ein zurückgelassener Werkstattwagen der Grund für den Unfall. Der Transrapid prallt damals mit etwa 170 Kilometern pro Stunde auf diesen Wagen. 23 Menschen haben das nicht überlebt.