"Steinhuder Hecht": Ein Fisch als Vorbild für ein U-Boot?
Hinter dem "Steinhuder Hecht" verbirgt sich der Entwurf für ein Schiff, das mit Segeln ausgestattet ist, aber auch tauchen kann. Ingenieur Praetorius entwickelte diese Idee für Graf Wilhelm von Schaumburg-Lippe bereits 1762.
Seit Jahrhunderten sind die Menschen fasziniert vom Meer, von seiner Kraft und seinen geheimnisvollen Tiefen. Auch im 18. Jahrhundert - eine Epoche, die von wissenschaftlichen Aufbrüchen und der Aufklärung geprägt ist. In der Grafschaft Schaumburg-Lippe war man von diesem Geist ergriffen.
Graf Wilhelm: Talentiert und ehrgeizig
Historiker Tillmann Bendikowski erläutert diesen damaligen Zeitgeist für DAS! historisch im Jahr 2022 so: "Zugegeben: Schaumburg-Lippe ist kein besonders mächtiges Reich, gerade 17.000 Einwohner leben hier zwischen dem Steinhuder Meer und der Hauptstadt Bückeburg. Aber das Ländchen wird seit 1748 regiert von dem ebenso talentierten wie ehrgeizigen Grafen Wilhelm." Dieser sei international bekannt gewesen für sein militärisches Talent. "Der Graf wird sogar ins ferne Portugal gerufen, um dort - mit Erfolg übrigens - die Verteidigung des Landes gegen spanische und französische Truppen zu befehligen", ergänzt Bendikowski.
Doch das ist noch längst nicht alles: "Und so ganz nebenbei wird ihm während dieser Zeit einer der spektakulärsten Entwürfe der Schifffahrtsgeschichte präsentiert: der Plan für ein völlig neuartiges Schiff, den "Steinhuder Hecht", verrät der Historiker.
Ingenieur Praetorius mit innovativen Ideen
Und das kommt so: Nach Portugal wird Graf Wilhelm von Schaumburg-Lippe von dem 32-jährigen Ingenieur Jakob Chrysostomus Praetorius begleitet, bekannt für seine innovativen Ideen. Dieser hatte schon zuvor ein Amphibien-Fahrzeug mit der Bezeichnung "Hippopotame" (See- oder Flusspferd) entwickelt und dem Grafen vorgestellt. Es sollte Soldaten über Meere und Flüsse transportieren.
"Erfindung ist sehr gut durchdacht"
1762 hat Praetorius eine weitere geniale Idee: Wie wäre es mit einem Schiff, das in nur sechs Tagen von Lissabon nach Bückeburg fahren könnte? Und zwar mit dem "Steinhuder Hecht". Selbstbewusst schreibt Praetorius: Die Erfindung sei sehr gut durchdacht. "Übrigens ist unterschriebener überzeugt, daß selbige nicht nur Practicabel, sondern auch daß kein Schiff in der Welt capabel - also fähig - seiy dieses anzuhalten."
Mehr über dieses mit Segeln ausgestattete Schiff weiß Bendikowski: "Der 'Steinhuder Hecht' hat die Form eines Raubfisches. Ein Deck ist im herkömmlichen Sinne hat das Schiff nicht. Die Ladung und die Besatzung müssen in dem Bauch des Schiffes Platz finden. Zugänge gibt es etwa an den 'Ohren'." Das Heck des aus Eichenholz bestehenden Schiffs ist konstruiert wie ein mächtiger Fischschwanz. "Und wenn die Besatzung nur kräftig genug an langen Seilen zieht, dann schlägt dieser Schwanz kräftig hin und her und bewegt das Schiff nach vorne."
Fantasie wird beflügelt
Diese Konstruktion habe die Fantasie der Menschen damals wie heute beflügelt, so Bendikowski: "Ist das in Wirklichkeit der Plan für ein Unterseeboot?" Wurde also am Hofe Wilhelms von Schaumburg-Lippe tatsächlich das erste deutsche U-Boot erdacht? Das wäre fraglos eine Sensation. Noch Mitte der 1960er-Jahre kommen Experten zu dem Schluss, dass es sich hier um den Plan für ein Unterseeboot gehandelt haben könnte: "Die Masten heißen in Anlehnung an das Vorbild der Flosse 'Segelstachel'; zum Tauchen sollten sie niedergelegt werden, um weniger Widerstand zu bieten", heißt es.
Zweifel an Bau und Testfahrt
Zehn Jahre nach dem ersten Plan für den "Steinhuder Hecht" soll dieses Boot 1770 im Steinhuder Meer nicht nur gebaut worden, sondern angeblich hier auch für etwa zwölf Minuten erfolgreich getaucht sein.
Leider gibt es weder für den Bau noch für die Testfahrt verlässliche Hinweise. Mit anderen Worten: Man muss es bezweifeln. "Das Steinhuder Meer ist ausgesprochen flach, zwischen 1,50 und 2,50 Meter tief - hier konnte beim besten Willen kein bemanntes U-Boot tauchen. Aber: Was sind schon Fakten gegen eine gute historische Erzählung? Niemand hat im Steinhuder Meer je ein U-Boot gesehen. Aber - was heißt das schon?", so Bendikowski.
Aus Schiffslisten des Wilhelmsteins im Steinhuder Meer geht zumindest hervor, dass Praetorius später eine kleine Variante des Schiffs gebaut hat, das angeblich erfolgreich getaucht sein soll.
Erstes U-Boot in Deutschland stammt von 1851
Als erstes tatsächlich erprobtes deutsches U-Boot gilt daher bis heute eine Konstruktion des bayerischen Erfinders Wilhelm Bauer. Er hat sich bei der Auswahl der Form seines Tauchapparats einen Seehund als Vorbild genommen, daher auch die Bezeichnung "Eiserner Seehund". Im Dezember 1850 führt Bauer erste Tauchversuche in der Kieler Förde durch. Dabei sinkt das U-Boot, es kann aber gehoben und instandgesetzt werden. Am 1. Februar 1851 wird der "Brandtaucher" ein zweites Mal in der Kieler Förde zu Wasser gelassen. Doch bei der Testfahrt gibt der Rumpf nach, die Konstruktion sinkt. Bergungsversuche scheitern, erst 1887 wird der "Eiserne Seehund" gehoben.
Das erste militärisch genutzte deutsche U-Boot stammt aus dem Jahr 1906: U 1. Kurze Zeit später gibt es die erste U-Boot-Flotte Deutschlands.