Video: Zeitreise: Als Tauchen noch Schwerstarbeit war (6 Min)

Kopf im Kupferhelm: Als Tauchen noch ein reiner Knochenjob war

Stand: 22.09.2026 05:00 Uhr

Gummianzug, Stahlbeschläge und ein Kupferhelm: Alte Taucheranzüge sind 80 Kilogramm schwer und bieten nur ein begrenztes Sichtfeld. Die Berufskleidung für Taucher wurde in den 1960ern bei Dräger in Lübeck gefertigt.

von Hanno Gröpper

Eigentlich taucht sie mit leichtem modernem Gerät, doch dieses Mal trägt Emily Kurutz eine schwere Ausrüstung aus Gummi, Stahl und Kupfer - ein halbes Jahrhundert alt. Für einen eventuellen Toilettengang kommt eine Dose mit in den Anzug hinein. Mit dem alten Anzug geht es für die Feuerwehrtaucherin auf den Grund der Trave. Es ist für sie das erste Mal im Kupferhelm. Und der allein wiegt schon 25 Kilogramm.

Wrackbergung in schwerer Ausrüstung

Taucherin Emily Kurutz trägt einen alten Kupferhelm.
Die Taucherin Emily Kurutz trägt einen alten Kupferhelm.

"Sehr befremdlich. Das ist ein ganz anderes Gefühl. (…) Es ist schwer von oben, es ist alles enger. Das Sichtfeld ist ganz anders, als man das vom eigenen Tauchen kennt, was wir bisher immer gemacht haben. Das ist was ganz Neues", schildert Emily Kurutz die ersten Eindrücke vom Tragen des alten Taucheranzugs. Es ist bloß eine Vorführung für Tauchfreunde - im 20. Jahrhundert bestimmte diese Art der Ausrüstung allerdings den Berufsalltag. In Schleswig-Holstein braucht man damals Taucher: unter anderem für Wrackbergungen, den Tunnelbau unter dem Nord-Ostsee-Kanal und die Munitionsräumung in der Ostsee.

Mit dem Konfirmationsanzug in die Taucherausrüstung

Dieter Harst hat diesen Knochenjob gelernt. Als 20-Jähriger bewirbt er sich bei einer Lübecker Taucherfirma und wird zum Vorstellungsgespräch eingeladen. "Da haben sie mich so wie ich gekleidet war - in meinem Konfirmationsanzug - rein in den Anzug gesteckt und dann haben sie mich tauchen lassen. 'Ja, wie geht's dir denn da unten? Ja, kannst du was sehen?' - 'Ja, aber nur Sand und ein bisschen Schlick'. - 'Ja, dann kommen mal wieder rauf'", erzählt Dieter Harfst von seinen Tauchanfängen.

Mit selbstgemachten Neoprenhandschuhen ins kalte Wasser

Der ehemalige Berufstaucher Dieter Harfst
Der ehemalige Berufstaucher Dieter Harfst hat bis zu zwölf Stunden am Tag bei schlechter Sicht und in eiskaltem Wasser gearbeitet.

Dieter Harfst wird Taucherlehrling, er arbeitet bis zu zwölf Stunden am Tag bei schlechter Sicht und eiskaltem Wasser, wie damals im Winter 1962 in Lübeck. "Wir kannten noch keine Neoprenhandschuhe. Das haben wir erst ein halbes Jahr später verwendet. Deshalb haben wir die Hände mit Staufferfett eingeschmiert, Arbeitshandschuhe darüber gezogen und sind damit rein ins Wasser. Die Finger waren nachher dick. Ein halbes Jahr später gab es Neoprenmaterial und wir haben uns selbst Handschuhe gefertigt - und haben gedacht, wir sind im Himmel", so der ehemalige Berufstaucher.

Firma Dräger in Lübeck fertigt die Technik fürs Tauchen

Ein alter Taucherhelm aus der Dräger-Fabrik in Lübeck.
Die Firma Dräger in Lübeck fertigt die Ausrüstung für Taucher in der ganzen Welt an.

Die Technik, auf die sich Dieter Harfst verlassen muss, wird in den 1960er-Jahren in der Region hergestellt - von der Firma Dräger. Das Industriemuseum Herrenwyk in Lübeck zeigt in einer Ausstellung die Geschichte der Taucher rund um die Trave. Bei der Säuberung und Wiederinstandsetzung der deutschen Häfen und Flussmündungen braucht man mehr Taucher als je zuvor und mehr Taucherausrüstungen. In der Fabrik von Dräger in Lübeck wird modernes Gerät für dieses gefährliche Handwerk hergestellt. Jeder Taucherhelm bekommt ein Telefon. Die Gummianzüge werden zur Überprüfung aufgepumpt.

Dräger fertigte für die Feuerwehren und die Marine

"Dräger hat das mit erfunden, dass die Anzüge fest mit dem Kragen verbunden wurden und sie haben dann auch das Kreislaufgerät entwickelt (…) Der Weltmarkt kaufte bei Dräger. Und auch die Feuerwehr, alle öffentlichen Anstalten, die Marine müssen bei Dräger kaufen", erläutert Kurator Rainer Wiedemann vom Industriemuseum Herrenwyk.

Das "Roth-Dräger"-Narkosegrät begründete 1902 Drägers Ruf in der Medizintechnik.

"Pulmotor" oder "Alcotest": Mit seinen Erfindungen hat das Familienunternehmen Dräger aus Lübeck den Medizinmarkt revolutioniert.

"Viel wichtiger als der Taucher ist der Mann an der Leine"

Emily Kurutz merkt indessen, dass sie noch sehr viel Auftrieb in dem alten Anzug hat. Also muss sie jetzt ein bisschen mehr entlüften, das heißt, ganz langsam Luft herauslassen. "Viel wichtiger als der Taucher ist der Mann oben an der Leine beziehungsweise am Telefon und der Signalmann. Das war mein Credo über die ganze Zeit, als ich getaucht bin", so Dieter Harfst.

"Der Dräger-Helm hat mir wirklich das Leben gerettet"

Einmal ist es knapp: Bei einem Tauchgang bricht eine Felswand ein - Harfst wird eingeklemmt und muss Ruhe bewahren. "Ich habe dreieinhalb Stunden gebraucht, um mich freizumachen, und habe das nicht erzählt. Wenn die Schlauch und Leine rübergenommen hätten, (…) hätten sie mich totgerissen. Der Dräger-Helm hat mir wirklich das Leben gerettet. Mit der heutigen, ich sage immer Gummischeiße, Entschuldigung, wäre ich zu Tode gekommen. Hundertprozentig", schildert Dieter Harfst den gefährlichen Einsatz von damals.

Die museumsreife Technik funktioniert noch heute

Ein alter Taucheranzug aus der Dräger-Fabrik in Lübeck.
Die Technik der alten Taucheranzüge ist noch heute einsatzbereit.

Eine alte Taucherausrüstung wiegt 80 Kilogramm, darin kann man sich an Land nur schwer bewegen und auch mal jemanden schmerzhaft auf den Fuß treten. Und:
"Es ist viel dunkler, und ein ganz komisches Bewegen. Also, ich habe nicht mal gearbeitet, ich habe es ja nur erkundet quasi. Verrückt, was ganz anderes", fasst Emily Kurutz den Tauchgang zusammen.

Was vor 100 Jahren Berufsalltag war, ist heute museumsreif - doch die Technik funktioniert immer noch.

Hafentaucher Mike Engling sitzt an einer Kaimauer.

Taucher Mike muss in Emden quasi blind tauchen und im Imbiss für Hafenarbeitende geht der selbstgemachte Hackbraten aus.

Ein Unterwasserfotograf mit Feuerqualle.

Zwischen der Flensburger Förde und der Lübecker Bucht warten einige wunderschöne Tauchspots darauf erkundet zu werden.

Taucher bei einer Vermessungsübung.

Seit Montag treffen sich Taucher aus ganz Deutschland in Rostock zum 26. Schiffsarchäologischen Seminar. Dienstag geht es unter Wasser.

Ein Gebäude der Firma "Dräger".

Der Medizin- und Sicherheitstechnikkonzern profitiert von Rückerstattungen der US-Zölle. Auch der Umsatz ist gestiegen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Schleswig-Holstein Magazin | 20.09.2026 | 19:30 Uhr

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