Kopf im Kupferhelm: Als Tauchen noch ein reiner Knochenjob war
Gummianzug, Stahlbeschläge und ein Kupferhelm: Alte Taucheranzüge sind 80 Kilogramm schwer und bieten nur ein begrenztes Sichtfeld. Die Berufskleidung für Taucher wurde in den 1960ern bei Dräger in Lübeck gefertigt.
Eigentlich taucht sie mit leichtem modernem Gerät, doch dieses Mal trägt Emily Kurutz eine schwere Ausrüstung aus Gummi, Stahl und Kupfer - ein halbes Jahrhundert alt. Für einen eventuellen Toilettengang kommt eine Dose mit in den Anzug hinein. Mit dem alten Anzug geht es für die Feuerwehrtaucherin auf den Grund der Trave. Es ist für sie das erste Mal im Kupferhelm. Und der allein wiegt schon 25 Kilogramm.
Wrackbergung in schwerer Ausrüstung
"Sehr befremdlich. Das ist ein ganz anderes Gefühl. (…) Es ist schwer von oben, es ist alles enger. Das Sichtfeld ist ganz anders, als man das vom eigenen Tauchen kennt, was wir bisher immer gemacht haben. Das ist was ganz Neues", schildert Emily Kurutz die ersten Eindrücke vom Tragen des alten Taucheranzugs. Es ist bloß eine Vorführung für Tauchfreunde - im 20. Jahrhundert bestimmte diese Art der Ausrüstung allerdings den Berufsalltag. In Schleswig-Holstein braucht man damals Taucher: unter anderem für Wrackbergungen, den Tunnelbau unter dem Nord-Ostsee-Kanal und die Munitionsräumung in der Ostsee.
Mit dem Konfirmationsanzug in die Taucherausrüstung
Dieter Harst hat diesen Knochenjob gelernt. Als 20-Jähriger bewirbt er sich bei einer Lübecker Taucherfirma und wird zum Vorstellungsgespräch eingeladen. "Da haben sie mich so wie ich gekleidet war - in meinem Konfirmationsanzug - rein in den Anzug gesteckt und dann haben sie mich tauchen lassen. 'Ja, wie geht's dir denn da unten? Ja, kannst du was sehen?' - 'Ja, aber nur Sand und ein bisschen Schlick'. - 'Ja, dann kommen mal wieder rauf'", erzählt Dieter Harfst von seinen Tauchanfängen.
Mit selbstgemachten Neoprenhandschuhen ins kalte Wasser
Dieter Harfst wird Taucherlehrling, er arbeitet bis zu zwölf Stunden am Tag bei schlechter Sicht und eiskaltem Wasser, wie damals im Winter 1962 in Lübeck. "Wir kannten noch keine Neoprenhandschuhe. Das haben wir erst ein halbes Jahr später verwendet. Deshalb haben wir die Hände mit Staufferfett eingeschmiert, Arbeitshandschuhe darüber gezogen und sind damit rein ins Wasser. Die Finger waren nachher dick. Ein halbes Jahr später gab es Neoprenmaterial und wir haben uns selbst Handschuhe gefertigt - und haben gedacht, wir sind im Himmel", so der ehemalige Berufstaucher.
Firma Dräger in Lübeck fertigt die Technik fürs Tauchen
Die Technik, auf die sich Dieter Harfst verlassen muss, wird in den 1960er-Jahren in der Region hergestellt - von der Firma Dräger. Das Industriemuseum Herrenwyk in Lübeck zeigt in einer Ausstellung die Geschichte der Taucher rund um die Trave. Bei der Säuberung und Wiederinstandsetzung der deutschen Häfen und Flussmündungen braucht man mehr Taucher als je zuvor und mehr Taucherausrüstungen. In der Fabrik von Dräger in Lübeck wird modernes Gerät für dieses gefährliche Handwerk hergestellt. Jeder Taucherhelm bekommt ein Telefon. Die Gummianzüge werden zur Überprüfung aufgepumpt.
Dräger fertigte für die Feuerwehren und die Marine
"Dräger hat das mit erfunden, dass die Anzüge fest mit dem Kragen verbunden wurden und sie haben dann auch das Kreislaufgerät entwickelt (…) Der Weltmarkt kaufte bei Dräger. Und auch die Feuerwehr, alle öffentlichen Anstalten, die Marine müssen bei Dräger kaufen", erläutert Kurator Rainer Wiedemann vom Industriemuseum Herrenwyk.
"Viel wichtiger als der Taucher ist der Mann an der Leine"
Emily Kurutz merkt indessen, dass sie noch sehr viel Auftrieb in dem alten Anzug hat. Also muss sie jetzt ein bisschen mehr entlüften, das heißt, ganz langsam Luft herauslassen. "Viel wichtiger als der Taucher ist der Mann oben an der Leine beziehungsweise am Telefon und der Signalmann. Das war mein Credo über die ganze Zeit, als ich getaucht bin", so Dieter Harfst.
"Der Dräger-Helm hat mir wirklich das Leben gerettet"
Einmal ist es knapp: Bei einem Tauchgang bricht eine Felswand ein - Harfst wird eingeklemmt und muss Ruhe bewahren. "Ich habe dreieinhalb Stunden gebraucht, um mich freizumachen, und habe das nicht erzählt. Wenn die Schlauch und Leine rübergenommen hätten, (…) hätten sie mich totgerissen. Der Dräger-Helm hat mir wirklich das Leben gerettet. Mit der heutigen, ich sage immer Gummischeiße, Entschuldigung, wäre ich zu Tode gekommen. Hundertprozentig", schildert Dieter Harfst den gefährlichen Einsatz von damals.
Die museumsreife Technik funktioniert noch heute
Eine alte Taucherausrüstung wiegt 80 Kilogramm, darin kann man sich an Land nur schwer bewegen und auch mal jemanden schmerzhaft auf den Fuß treten. Und:
"Es ist viel dunkler, und ein ganz komisches Bewegen. Also, ich habe nicht mal gearbeitet, ich habe es ja nur erkundet quasi. Verrückt, was ganz anderes", fasst Emily Kurutz den Tauchgang zusammen.
Was vor 100 Jahren Berufsalltag war, ist heute museumsreif - doch die Technik funktioniert immer noch.