"Kultur für alle": Hamburger Fabrik öffnet 1971 ihre Türen
Als alternatives Vorzeigeprojekt gefeiert, abgebrannt und wiederaufgebaut: Die Fabrik hat turbulente Zeiten erlebt und viele prominente Künstler präsentiert. Seit dem 25. Juni 1971 gehört sie zum Hamburger Kulturleben.
"In Altona, da stand eine Fabrik. So mancher ging als Spießer hin und kam als Mensch zurück", reimte einst der Kabarettist Hans Scheibner. Er meint damit die Fabrik in Hamburg.
Die FABRIK in der Barnerstraße in Hamburg Altona ist weit über die Grenzen der Stadt und Deutschlands hinaus bekannt und ein frühes Beispiel für die Neu- und Umnutzung von Industriebauten zu Orten von Kunst und Kultur. Eigendarstellung der Fabrik
Ziel: Kreativität und Kommunikation fördern
Am 25. Juni 1971 in einer ehemaligen Maschinen- und Munitionsfabrik eröffnet, ist sie das erste Kultur- und Kommunikationszentrum in Deutschland. "Kultur für alle" hat sich die Fabrik auf die Fahnen geschrieben. Ziel ist es, Kreativität, Kommunikation, Eigeninitiative und Selbstbewusstsein zu fördern. Das Kulturzentrum Kinder- und Jugendarbeit veranstaltet Lesungen, Diskussionen, Theater und Live-Musik. Eine Medienwerkstatt, wo Fragen zu Computern, Internet und Social Media beantwortet werden, gehört inzwischen auch zum Angebot. Dort lernen Kinder auch viel über Online-Spiele und die Arbeit mit Medien.
Auf der Konzertbühne standen schon Größen aus den unterschiedlichsten Musik-Genres: von AC/DC über Miles Davis und Nina Simone bis John Zorn.
Sozialarbeit und großes Kulturprogramm
Die Auswahl des Angebots in der Fabrik ist groß. Am Tage ist sie Anlaufpunkt für Kinder und Jugendliche aus der Umgebung. Sie bekommen hier Rat und Hilfe bei Problemen und Anregungen für Freizeitaktivitäten wie Malen, Basteln, Werken, Kochen, Backen sowie Sport und Internet. Zwei Mal pro Woche wird eine Hausaufgaben-Betreuung angeboten. Zudem gibt es auf einem Areal direkt hinter dem Kulturzentrum einen "Bauernhof", der den Stadtkindern während der Sommermonate das Leben in der Natur vermitteln soll. In der Theaterwerkstatt werden unter Anleitung zeitgenössische Stücke zu Themen wie Leben, Liebe und Erwachsenwerden von Kindern und Jugendlichen erarbeitet. Erwachsene und Jugendliche können sich der Töpferei widmen, in der Fotogruppe oder im Tonstudio mitmischen. All das ist umsonst. Abends stehen Theater, Lesungen, Diskussionen und Live-Konzerte auf dem Programm.
Kunst und Kultur für alle
Rückblende: Im Jahre zwei nach Woodstock 1969 wollen der Maler Horst Dietrich und der Architekt Friedhelm Zeuner eine Utopie umsetzen. Die beiden stört es, dass "Kunst eine elitäre Angelegenheit ist". Kultur nicht nur für Schlips- und Kragenträger, sondern für die "Zu-kurz-Gekommenen", das will der gebürtige Altonaer Dietrich. Für 3.200 D-Mark Erbpacht im Monat übernehmen Dietrich und Zeuner im Herzen von Ottensen einen leer stehenden Klinkerbau aus dem Jahr 1830.
Für den Umbau der Industriehalle zeichnet Zeuner verantwortlich - später bekommt er dafür den Architekturpreis des Hamburger Senats. In dem sanierungsbedürftigen Arbeiterstadtteil gibt es viel Armut und Kriminalität. Aber gerade um Straßenkinder und Rocker wollen sich Dietrich und Zeuner kümmern. Am 25. Juni 1971 ist es so weit: Die Fabrik öffnet ihre Türen.
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Urzelle der Kommunikation
Im September 1971 kommt Mikis Theodorakis in die Fabrik. Der griechische Komponist wettert gegen die Militär-Junta in seiner Heimat. Das Konzert hat Signalwirkung. Die Hamburger kommen in Strömen in die alternative Trutzburg. Punker, Rocker, Hippies und auch Schlipsträger feiern in seltener Eintracht. Die Jugendkriminalität im Stadtteil sinkt. 1973 zeichnet die Bundesregierung die Fabrik für deren beispielhafte Umsetzung des neuen Kulturverständnisses und dessen Vermittlung aus. In ganz Deutschland entstehen Kulturzentren nach dem Vorbild der Fabrik.
Rechtsradikaler Brandanschlag?
Doch dann kommt das Unheil: In der Nacht zum 11. Februar 1977 brennt die Fabrik bis auf die Grundmauern nieder. Die Brandursache ist bis heute nicht geklärt. Horst Dietrich vermutet Brandstiftung. Noch heute hält sich beharrlich das Gerücht eines Anschlags von Rechtsextremen. Einen Tag nach der Katastrophe pinselt Dietrich auf die rußgeschwärzten Außenmauern die Parole: "Wir machen weiter!". Für die Kultur in Hamburg wird der Wiederaufbau der Fabrik zur Ehrensache. Schnell finden sich Geldgeber und der Senat hilft.
Fabrik wird wieder aufgebaut
Dauergast Udo Lindenberg gibt ein Extra-Konzert. "Ich glaube, es ist unheimlich wichtig, solche Alternativ-Dinger zu pflegen und weiter auszubauen - alternativ zu den Verblödungsdiscos, die etwas seuchenmäßig um sich greifen", sagt er damals.
Das Architektur Büro gmp - Meinhard von Gerkan, Volkwin Marg und Partner - konzipiert einen feuerfesten Nachbau des Originals. Der Wiederaufbau kostet fünf Millionen D-Mark. Eine Firma stiftet einen 15 Tonnen schweren Lastkran, der seitdem als Wahrzeichen vor der Fabrik ins Auge fällt. Am 28. September 1979 wird die Kulturstätte mit einem dreitägigen Fest wiedereröffnet.
Schwierige Jahre folgen
Die neu errichtete Fabrik besticht durch ihre kirchenschiffartige, hohe Halle und die Holzträgerkonstruktion. Umlaufende Galerien auf zwei Etagen sorgen für einen guten Blick auf das Treiben in der Halle und auf der Bühne. Die Veranstaltungsfläche beträgt 990 Quadratmeter, davon befinden sich 680 im Erdgeschoss. Die Fabrik ist ausgelegt für 1.200 Personen, sofern keine Stühle aufgestellt sind. Ist der Raum vollständig bestuhlt, finden 370 Personen Platz.
Doch die Gagen für Musiker steigen und somit auch die Preise für Konzerte. Die Praxis, den Eintritt gering zu halten, lässt sich irgendwann nicht mehr fortsetzen. Auch die Hamburger Szene wandelt sich. Zusätzlich bekommt die Fabrik als Konzert-Location mit der Markthalle einen Konkurrenten.
Stiftung sichert Kinder- und Jugendbetreuung
Die Fabrik finanziert sich zu 80 Prozent durch Einnahmen aus den Veranstaltungen und der Gastronomie. Außerdem wird sie von der Hamburger Kulturbehörde bezuschusst. Doch seit der Gründung plagen die Institution Geldsorgen. Nachdem das Zentrum zum wiederholten Male städtische Kürzungen schlucken muss, wird es im Sommer 2006 in die Fabrik-Stiftung umgewandelt. Mit ihrer Gründung soll zum einen das kulturelle Angebot gestützt und ausgebaut und zum anderen die kostenlose Kinder- und Jugendarbeit für die Zukunft gesichert werden.
Zum Glück stellt ein anonymer Hamburger 800.000 Euro zum Stiftungskapital bereit. Ferner wird der Freundeskreis Fabrik e.V. gegründet, um die Förderer zu bündeln.
Naturoase Stadtteilgarten
2014 startet das vom Freundeskreis geförderte Gartenprojekt. Der Stadtteilgarten befindet sich auf dem Hof der Fabrik, hinter dem Gebäude. Der zuvor brachliegende Garten ist nach und nach in einen Nutz- und Ziergarten verwandelt worden. Er bietet Kindern und Jugendlichen naturkundliche Erfahrungsmöglichkeiten. Längst ist er zentraler Bestandteil der offenen Kinder- und Jugendarbeit.
Miles Davis und Chet Baker: Viel Musik-Prominenz
Vor allem Udo Lindenberg trat häufig in der Fabrik auf. Die legendäre Hamburger Szene wurde dort mit geboren. Auch grandiose Musiker wie Miles Davis, Chet Baker und Gil Scott Heron hatten unvergessene Auftritte in dem Kulturzentrum.
Zur "Hall of Fame" der Fabrik-Künstler zählen unter anderem: Albert Hammond, Alan Parsons, Anne Clarke, Bad Religion, BAP, Barclay James Harvest, Bob Geldof, Chris de Burgh, Chuck Berry, Debbie Harry, Die Toten Hosen, Die Ärzte, Element Of Crime und Eric Burdon.
Später folgen Künstler und Bands wie Selig, Jan Plewka, Clueso, Rocko Schamoni und Heinz Strunk.
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Beliebte Station auch für Politiker
Aber auch viele bekannte Politiker kommen im Laufe der Jahre in das Haus an der Barnerstraße, zum Beispiel die Altkanzler Willy Brandt und Gerhard Schröder.
Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) erinnert sich vor ein paar Jahren so: "Für mich ist die Fabrik auch ein Ort, wo ich auf beeindruckende Weise Politik erlebt habe."