Video: Mithilfe von KI: Zeitreise durchs Gängeviertel (4 Min)

KI-Zeitreise: So war das Leben in Hamburgs Gängevierteln

Stand: 19.12.2025 21:00 Uhr

Enge Hinterhöfe, dunkle Kneipen, Familien mit vielen Kindern: Das machte die Hamburger Gängeviertel aus. Vom "größten Slum Europas" war Ende des 19. Jahrhunderts die Rede. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz werden historische Fotos zum Leben erweckt.

von Stefan Mühlenhoff und Oliver Ende

Bereits im Mai 2025 war im Hamburg Journal ein mit Unterstützung von Künstlicher Intelligenz produzierter Film gelaufen. Er erzählt die Geschichte des vegetarischen Restaurants an den Alsterarkaden, das lange als die älteste Institution dieser Art in der Hansestadt galt. Für die Zeitreise Hamburg: KI bewegt Geschichte wurden historische Fotos zum Leben erweckt.

Hamburg: Kleine Alster und Alsterarkaden mit "Vegetarischem Restaurant" im Obergeschoss, 1910er-Jahre (koloriert, Screenshot)

Bratkartoffeln, Grünkohl, Spargelfrikassee: Hamburgs fleischlose Restaurantgeschichte beginnt im 19. Jahrhundert - erzählt mit KI-Hilfe.

Dicht bebaute und verwinkelte Wohnquartiere

Nun dreht es sich also um die Hamburger Gängeviertel. Sie waren geprägt von Armut, Enge und Dunkelheit. Die verwinkelten, dicht bebauten Wohnquartiere der Alt- und Neustadt waren mit gedrungenen Fachwerkhäusern und winzigen Stuben bebaut. Die Bezeichnung Gängeviertel geht darauf zurück, dass die Wohnungen meist nur durch schmale Gassen, zum Teil verwinkelte oder labyrinthartige Hinterhöfe, Torwege und die namensgebenden Gänge - auch Twieten genannt - zwischen den Häusern zu erreichen waren. Diese Wege hatten eine Breite von 1,70 bis 3,40 Metern. In den Gängevierteln wohnten in der Regel mittlere und ärmere Bevölkerungsschichten.

In den Hamburger Gängevierteln standen damals viele gedrungene Fachwerkhäuser. (Szene mit KI generiert)
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Hamburger Gängeviertel: Viele Menschen auf engstem Raum

Ein berühmter Sohn der Stadt wurde in den Gängevierteln geboren: Der Komponist Johannes Brahms kam am 7. Mai 1833 in der Speckstraße zur Welt. Auch der Philosoph Arthur Schopenhauer wuchs ab 1793 in den Gängevierteln auf.

Robert Koch schockiert von "Pesthöhlen"

Kinder in den Hamburger Gängevierteln  (Szene mit KI generiert)
Die hygienischen Zustände in den Vierteln waren oft katastrophal.

Die Viertel galten einst als "größter Slum Europas". Die Bewohner nahmen ihr Trinkwasser oft direkt aus den Flüssen und Fleeten. Dort fanden sich aber auch Kot und Unrat in jeder Form wieder. Außerdem wurden tiefer gelegenen Bereiche der südlichen Alt- und Neustadt bei Sturmfluten und Elbhochwassern regelmäßig überschwemmt. Das verschlimmerte die bereits sehr schlechten sanitären Verhältnisse. Nicht zuletzt deshalb galten die Gängeviertel im 18. und frühen 19. Jahrhundert als Brutstätten für Seuchen.

1892 forderte die Cholera in Hamburg 8.600 Tote in nur sechs Wochen, ein Großteil davon in den Gängevierteln. Der Mediziner Robert Koch, Direktor des preußischen Instituts für Infektionskrankheiten, zeigte sich erschüttert über die Zustände in Hamburg. "Ich vergesse, dass ich in Europa bin", sagte er. "Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie hier."

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Das Hamburger Gängeviertel, ein historisches Arbeiterquartier, wird für den Neubau des Unilever-Hauses abgerissen. (ohne Sprecherton)

Abriss nach Cholera: 50.000 Menschen verlieren ihr Zuhause

Abbruch von Häusern in den Hamburger Gängevierteln, im Hintergrund der Michel  (Szene mit KI generiert)
Ganze Viertel wurden abgerissen, die Gänge verschwanden.

Kurz darauf ließ die Stadt ganze Viertel abreißen - 50.000 Menschen verloren ihr Zuhause. Bevor die Gänge verschwanden, dokumentierten Fotografen mit schweren Kameras das Leben vor Ort: enge Hinterhöfe, Kneipen, Familien mit vielen Kindern. Das Hamburg Journal lässt diese historischen Bilder per Künstlicher Intelligenz lebendig werden. Die Fotografien werden animiert, Gesichter und Szenen beginnen, sich zu bewegen.

So erzählt die KI-Zeitreise eindrücklich vom Alltag, der Armut und dem Wandel Hamburgs am Ende des 19. Jahrhunderts.

Nur noch wenige Häuser erhalten

Die Krameramtsstuben in Hamburg
Die Krameramtsstuben sind bis heute erhalten.

Die letzten Gängeviertel wurden nach dem Zweiten Weltkrieg abgerissen. Es entstanden unter anderem 1964 das Unilever-Hochhaus (heute: Emporio) am Dammtorwall und die große Ost-West-Straße, die später im östlichen Teil in Willy-Brandt-Straße und im Westen in Ludwig-Erhard-Straße umbenannt wurde. Heute existieren nur noch einige wenige Häuser, die an die historischen Gängeviertel erinnern. Dazu zählen auch die Krameramtsstuben, die einst Wohnungen für Witwen waren.

Gäste stehen im Verbrecherkeller des Hamburger Altstadt-Gängeviertels.
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Altes Gängeviertel: Ganoven-Unterwelt im Herzen Hamburgs

Logo "Hamburg Journal": Sonnenaufgang im Hamburger Hafen

Brände oder Kriege haben einen Großteil des alten Hamburger Gängeviertels vernichtet, den Rest hat die Stadt fast vollständig abgerissen - bis auf die Krameramtsstuben.

Das Hamburger Gängeviertel: Zugang zum Hof von Valentinskamp aus.

Bis in die 1920er-Jahre war Hamburg eine Gänge-Stadt - das Dreieck zwischen Mönckebergstraße, Kontorhausviertel und Hauptbahnhof war das Zentrum dieser Quartiere.

Auf einer alten Postkarte sind Menschen in der Hamburger Kneipe "Verbrecherkeller" abgebildet.

Suff und Eskapaden: Im Verbrecherkeller im Hamburger Gängeviertel trafen sich um 1900 finsterste Halunken. Der Schnaps floss in Strömen.

Historische Schwarz-weiß-Fotografie des Hamburger Fischmarkts

Der Collage-Film "Wir waren das dunkle Herz der Stadt" zeigt einen ganz privaten Blick auf das Gängeviertel der 1920er-Jahre.

Bewohner des Gängeviertels in der Hamburger Neustadt um 1900

In den übervölkerten Großstädten leben damals viele Menschen unter katastrophalen Umständen. Krankheiten sind die Folge.

Krankentransport während der Choleraepidemie 1892 in Hamburg.

Am 14. August 1892 meldet ein Arzt in Altona den ersten Verdacht auf Cholera. 8.605 Menschen sterben infolge der Krankheit in Hamburg.

Denkmal der Zitronenjette mit blank poliertem Finger in der Hamburger Neustadt

"Dein Leben war sauer wie die Zitronen", heißt es auf dem Denkmal nahe dem Hamburger Michel. Wer war die Frau hinter dem "Hamburger Original"?

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Hamburg Journal | 19.12.2025 | 19:30 Uhr

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