KI-Zeitreise: So war das Leben in Hamburgs Gängevierteln
Enge Hinterhöfe, dunkle Kneipen, Familien mit vielen Kindern: Das machte die Hamburger Gängeviertel aus. Vom "größten Slum Europas" war Ende des 19. Jahrhunderts die Rede. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz werden historische Fotos zum Leben erweckt.
Bereits im Mai 2025 war im Hamburg Journal ein mit Unterstützung von Künstlicher Intelligenz produzierter Film gelaufen. Er erzählt die Geschichte des vegetarischen Restaurants an den Alsterarkaden, das lange als die älteste Institution dieser Art in der Hansestadt galt. Für die Zeitreise Hamburg: KI bewegt Geschichte wurden historische Fotos zum Leben erweckt.
Dicht bebaute und verwinkelte Wohnquartiere
Nun dreht es sich also um die Hamburger Gängeviertel. Sie waren geprägt von Armut, Enge und Dunkelheit. Die verwinkelten, dicht bebauten Wohnquartiere der Alt- und Neustadt waren mit gedrungenen Fachwerkhäusern und winzigen Stuben bebaut. Die Bezeichnung Gängeviertel geht darauf zurück, dass die Wohnungen meist nur durch schmale Gassen, zum Teil verwinkelte oder labyrinthartige Hinterhöfe, Torwege und die namensgebenden Gänge - auch Twieten genannt - zwischen den Häusern zu erreichen waren. Diese Wege hatten eine Breite von 1,70 bis 3,40 Metern. In den Gängevierteln wohnten in der Regel mittlere und ärmere Bevölkerungsschichten.
Ein berühmter Sohn der Stadt wurde in den Gängevierteln geboren: Der Komponist Johannes Brahms kam am 7. Mai 1833 in der Speckstraße zur Welt. Auch der Philosoph Arthur Schopenhauer wuchs ab 1793 in den Gängevierteln auf.
Robert Koch schockiert von "Pesthöhlen"
Die Viertel galten einst als "größter Slum Europas". Die Bewohner nahmen ihr Trinkwasser oft direkt aus den Flüssen und Fleeten. Dort fanden sich aber auch Kot und Unrat in jeder Form wieder. Außerdem wurden tiefer gelegenen Bereiche der südlichen Alt- und Neustadt bei Sturmfluten und Elbhochwassern regelmäßig überschwemmt. Das verschlimmerte die bereits sehr schlechten sanitären Verhältnisse. Nicht zuletzt deshalb galten die Gängeviertel im 18. und frühen 19. Jahrhundert als Brutstätten für Seuchen.
1892 forderte die Cholera in Hamburg 8.600 Tote in nur sechs Wochen, ein Großteil davon in den Gängevierteln. Der Mediziner Robert Koch, Direktor des preußischen Instituts für Infektionskrankheiten, zeigte sich erschüttert über die Zustände in Hamburg. "Ich vergesse, dass ich in Europa bin", sagte er. "Ich habe noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen wie hier."
Abriss nach Cholera: 50.000 Menschen verlieren ihr Zuhause
Kurz darauf ließ die Stadt ganze Viertel abreißen - 50.000 Menschen verloren ihr Zuhause. Bevor die Gänge verschwanden, dokumentierten Fotografen mit schweren Kameras das Leben vor Ort: enge Hinterhöfe, Kneipen, Familien mit vielen Kindern. Das Hamburg Journal lässt diese historischen Bilder per Künstlicher Intelligenz lebendig werden. Die Fotografien werden animiert, Gesichter und Szenen beginnen, sich zu bewegen.
So erzählt die KI-Zeitreise eindrücklich vom Alltag, der Armut und dem Wandel Hamburgs am Ende des 19. Jahrhunderts.
Nur noch wenige Häuser erhalten
Die letzten Gängeviertel wurden nach dem Zweiten Weltkrieg abgerissen. Es entstanden unter anderem 1964 das Unilever-Hochhaus (heute: Emporio) am Dammtorwall und die große Ost-West-Straße, die später im östlichen Teil in Willy-Brandt-Straße und im Westen in Ludwig-Erhard-Straße umbenannt wurde. Heute existieren nur noch einige wenige Häuser, die an die historischen Gängeviertel erinnern. Dazu zählen auch die Krameramtsstuben, die einst Wohnungen für Witwen waren.