Zerstörte Apotheke und die Ausweichstelle des 5. Polizeireviers im Kieler Stadtteil Gaarden nach dem Luftangriff in der Nacht vom 7. auf den 8. April 1941. (Stadtarchiv Kiel 49.935, CC-BY-SA 3.0 DE, http://fotoarchiv-stadtarchiv.kiel.de)

Erster schwerer Luftangriff trifft Kiel 1941 unvorbereitet

Stand: 07.04.2026 05:00 Uhr

Am 7. April 1941 zerstören britische Bomber in Kiel Teile der Werftanlagen und der historischen Innenstadt. Es ist der erste schwere Luftangriff auf die Stadt an der Förde im Zweiten Weltkrieg.

von Dirk Hempel

Gegen 23 Uhr heulen am Abend des 7. April 1941 in Kiel die Luftschutzsirenen. Dutzende Angriffe haben die Einwohner seit Kriegsbeginn schon erlebt. Größere Schäden hat es bisher kaum gegeben und nur wenige Tote. Doch in dieser Montagnacht vor Ostern fliegen die britischen Bomber den bis dahin schwersten Luftangriff des Zweiten Weltkrieges auf eine deutsche Stadt.

Marinestadt Kiel ist ein kriegswichtiges Ziel

Fähranleger mit Fährhaus und Schloss in Kiel um 1935.
Kiel ist schon damals als Schiffbaustandort für die Rüstungsindustrie bekannt.

Denn Kiel als bedeutendster Hafen der Kriegsmarine ist für sie ein wichtiges Ziel. Am östlichen Ufer der Förde konzentriert sich die Schiffbauindustrie, liegen die Großwerften Germania, Deutsche Werke und Howaldt, auf denen Kriegsschiffe gebaut werden. Außerdem werden in diesem Gebiet Lokomotiven, Waggons und Apparate gefertigt, etwa Kreiselkompasse für U-Boote. Und am Rand des Fabriken- und Werftengürtels wohnen Tausende Arbeiter der Rüstungsindustrie.

Piloten haben freie Sicht

In der mondhellen Nacht haben die Piloten der Wellington- und Hampdens-Bomber gute Sicht. Die bis zu 850 Kilogramm schweren Bomben fallen anfangs vereinzelt, dann immer dichter. In wiederkehrenden Wellen greifen die 229 Flugzeuge des Bomber Command an. Flakscheinwerfer suchen den Himmel ab, Abwehrgeschütze feuern unablässig Leuchtspurmunition in den Himmel. Granaten explodieren mit weißen Rauchwolken zwischen den Flugzeugen. Granatsplitter fallen auf Hausdächer und in die Gärten.

Am 23.11.2000 wird im Kieler Ostuferhafen die Ruine des alten U-Boot-Bunkers "Kilian" gesprengt.

Die Sprengung der Alliierten nach dem Krieg war unvollständig. Am 23. November 2000 kam das endgültige Aus für den U-Boot-Bunker in Kiel.

Nur wenige Bunker schützen die Bevölkerung

Zerstörtes Wohnhaus in Kiel-Ellerbek nach dem Luftangriff vom 7./8.4.1941 (Stadtarchiv Kiel 49.848, CC-BY-SA 3.0 DE, http://fotoarchiv-stadtarchiv.kiel.de)
Viele Wohnhäuser werden durch die Luftangriffe zerstört.

Als die Bomber an diesem Abend schon nach kurzer Zeit über der Stadt erscheinen, haben die Menschen kaum Schutz gefunden. Im dritten Kriegsjahr gibt es in Kiel nur wenige bombensichere Bunker, selbst behelfsmäßige Luftschutzkeller fehlen häufig. Viele Häuser haben gar keinen Keller, und nur wenige Hausbesitzer haben auf ihrem Grundstück eigene kleine Bunker errichtet. Selbst viele einfache Schutzmaßnahmen wie Splitterdächer, Brandmauerdurchbrüche oder Kellernotausstiege sind im Frühjahr 1941 noch im Bau.

Der Angriff in der Nacht des 7. April dauert insgesamt fünf Stunden. Die Bomben richten vor allem auf den Werften großen Schaden an. Die Arbeiter der Nachtschicht flüchten, der Betrieb wird zunächst eingestellt. Auch andere Fabriken, ein Munitionslager und Wohnhäuser sind getroffen. Der Strom fällt aus. An vielen Stellen brennt es in der Stadt. Sogar aus umliegenden Orten müssen Feuerwehrzüge zu Hilfe kommen.

Ein weiterer Angriff am nächsten Tag

Das ausgebrannte Reichshallentheater in Kiel nach dem Luftangriff 7./8.4.1941 (Stadtarchiv Kiel 49.876 , CC-BY-SA 3.0 DE, http://fotoarchiv-stadtarchiv.kiel.de)
Das Reichshallen-Theater an der Holstenbrücke war ein beliebtes Kino, es brennt vollständig aus.

Aus Angst vor weiteren Angriffen fliehen am nächsten Morgen Tausende Menschen in Autos, mit der Bahn und sogar zu Fuß mit Koffern und Taschen bepackt aus der Stadt. Und schon am Abend greifen erneut 160 britische Bomber die Fördestadt an. Tausende Brand- und Sprengbomben fallen diesmal vor allem auf Wohngebiete und die Innenstadt im Westen der Förde. Sie zerstören eine Bank, ein Museum, die Ingenieurshochschule sowie die Gaswerke und die Wasserversorgung.

Schäden bislang unbekannten Ausmaßes

Aufgerissene Straße in Kiel-Gaarden nach einem Luftangriff 1941 (Stadtarchiv Kiel 49.911, CC-BY-SA 3.0 DE, http://fotoarchiv-stadtarchiv.kiel.de)
Der Kieler Stadtteil Gaarden ist von den Luftangriffen im April 1941 besonders betroffen. Hier haben Sprengbomben die Augustenstraße aufgerissen.

Insgesamt sterben in beiden Nächten 213 Menschen in den Kellern, bei Löscharbeiten, auf der Flucht. Hunderte werden verletzt und Dutzende unter den Trümmern vermisst. 650 Häuser sind unbewohnbar, 850 weitere schwer beschädigt, darunter 30 Schulen. 8.000 Menschen werden obdachlos und müssen in "Volksküchen" versorgt werden.

In den folgenden Tagen liegt die Stadt im Chaos. Die Straßenbahn hat den Betrieb eingestellt. Strom und Gas sind abgestellt. Lastwagen mit Wassertanks fahren durch die Straßen und verteilen Trinkwasser an die Bevölkerung. Noch Tage später finden Arbeiter Blindgänger unter dem Schutt der zerstörten Gebäude. Die Werften aber nehmen die Arbeit rasch wieder auf. Der Bau von U-Booten geht unvermindert weiter.

Der Wiederaufbau beginnt bald

Das NS-Regime, das selbst seit Kriegsbeginn immer wieder massive Luftangriffe gegen Städte wie Warschau, Rotterdam oder Coventry geflogen hat, zeigt sich erschüttert. Denn Schäden dieses Ausmaßes hat es bisher in einer deutschen Großstadt nicht gegeben. Luftwaffenminister Hermann Göring entsendet einen Vertreter und "Reichswohnungskommissar" Robert Ley erscheint persönlich an der Förde.

Um die Schäden zu reparieren, müssen allein 120.000 Quadratmeter Glas für neue Fenster bestellt werden. Und das Bunker-Bauprogramm wird jetzt vorangetrieben. Allerdings wird es auch zwei Jahre später nur für ein Zehntel der Kieler Bevölkerung bombensichere Unterkünfte geben.

Zerstörung der Stadt steht erst noch bevor

Am Ostersonntag 1941 suchen die Kinder neben Eiern auch Bombensplitter in den Gärten an der Förde. Doch schon wenige Tage später greifen die Briten Kiel erneut an. Diesmal verhindern Wolken einen größeren Einsatz und nur wenige Menschen sterben.

Trümmer im Bäckergang in Kiel 1945 (Stadtarchiv Kiel 35.190, CC-BY-SA 3.0 DE, http://fotoarchiv-stadtarchiv.kiel.de, Gotthold Sommer)
Die Kieler Innenstadt wird im Krieg fast vollständig zerstört.

Bis zum Kriegsende 1945 werden bei 90 Luftangriffen insgesamt 44.000 Sprengbomben, 500.000 Brandbomben und 900 Luftminen auf Kiel geworfen. Fast 3.000 Menschen kommen durch Bomben ums Leben. Bei den schlimmsten Angriffen im Dezember 1943 und August 1944 wird die Innenstadt fast vollständig zerstört. Es dauert Jahrzehnte, bis die Stadt wieder aufgebaut ist. Aber noch heute werden Blindgänger gefunden, die entschärft werden müssen.

Luftangriff amerikanischer Bomber

Die Zivilbevölkerung bleibt im Zweiten Weltkrieg lange von Kämpfen verschont. Doch ab März 1942 greifen Alliierte deutsche Großstädte an.

Marie Lina Smyrek in der Rolle der Außenreporterin in Norwegen beim Wrack der Tirpitz, daneben Moderatorin Anja Reschke. Thema der Sendung "Gefährlicher Nazimüll: Kriegswracks vergiften unsere Meere". (Reschke Fernsehen vom 17.07.2025 im Ersten)

Der zweite Weltkrieg ist achtzig Jahre her, doch wir kämpfen noch heute mit seinen Hinterlassenschaften: Tausende Schiffswracks verrotten auf dem Grund unserer Meere.

Eine Aufnahme der Kieler Förde um das Kriegsende 1945 herum

Kiel ist eine der im Krieg am stärksten zerstörten deutschen Städte. 35 Prozent aller Gebäude wurden zerbombt.

Detlef Boelck

Vom Rathausturm verfolgte Detlef Boelck die Bombenangriffe auf Kiel im Zweiten Weltkrieg. Der erste am 2. Juli 1940 wurde gar nicht richtig ernst genommen.

Ausschnitt aus dem zeitgenössischen Aquarell "Blick auf die Kieler Förde" von Friedrich E. Wolperding aus dem Jahr 1865.

Kiel wird 1233 gegründet. Aufschwung und Niedergang bestimmen über Jahrhunderte das Schicksal der Stadt an der Förde.

Dieses Thema im Programm:

ARD Sounds | WDR Zeitzeichen | 04.07.2025 Uhr, Online-Beitrag zuerst veröffentlicht am 05.07.2025 | 09:00 Uhr

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