Rauchsäulen über der Westerplatte in Danzig nach dem Angriff deutscher Soldaten am 1. September 1939.
AUDIO: 1939: Der erste "Blitzkrieg" gegen Polen (3 Min)

Zweiter Weltkrieg beginnt mit Deutschlands Überfall auf Polen

Stand: 08.09.2026 17:45 Uhr

Am 1. September 1939 greifen deutsche Einheiten Polen an mehreren Orten des Nachbarlands an. Deutschland beginnt auf Geheiß Hitlers einen verbrecherischen Krieg ungeahnten Ausmaßes: den Zweiten Weltkrieg.

von Andrej Reisin

Der 1. September 1939 ist in Norddeutschland ein herrlicher Spätsommertag mit Temperaturen um die 27 Grad und einem lauen Wind aus nordwestlichen Richtungen. Wer es sich leisten kann, fährt übers Wochenende an die Küste oder besucht die Parks und Schwimmbäder der Städte. Selbstverständlich gilt dies nur für diejenigen Einwohner, die laut der Nürnberger Rassegesetze der Nazis "arischer Abstammung" sind: Juden wurde der Besuch von Bädern und Kurorten bereits 1937 verboten.

Schlachtschiff fährt unter falschem Vorwand nach Polen

Im Seebad Swinemünde auf Usedom brüstet man sich damit, bereits in den 20er-Jahren Hakenkreuzfahnen gehisst und den Ort nach und nach "judenrein" gemacht zu haben. Aus dem dortigen Hafen läuft am 24. August 1939 das deutsche Kriegs- und Schulschiff "Schleswig-Holstein" aus - offiziell, um der freien Stadt Danzig einen "Freundschaftsbesuch" abzustatten. Inoffiziell nimmt das Schiff in der Nacht vom 24. auf den 25. August auf hoher See 225 ostpreußische Marineinfanteristen an Bord. Kapitän Gustav Kleikamp war bereits am 16. August zum Oberkommando der Marine nach Berlin gerufen und dort in die Angriffspläne gegen Polen eingeweiht worden.

"Heim ins Reich": Die "Befreiung" Danzigs

Danzig mit seiner mehrheitlich deutschen Bevölkerung ist nach dem Ersten Weltkrieg zum Freistaat unter dem Schutz des Völkerbundes erklärt worden und liegt seitdem eingeschlossen vom polnischen Staatsgebiet zwischen den zum Deutschen Reich gehörenden Provinzen Ostpreußen und Pommern. Der Status der Stadt ist den Nationalsozialisten schon lange ein Dorn im Auge und Zentrum einer von Joseph Goebbels betriebenen Propagandaschlacht, die lautstark die Forderung erhebt, Danzig müsse "heim ins Reich". Dass dies nur als Vorwand für einen Angriff dient, hat Adolf Hitler gegenüber führenden Offizieren bereits am 23. Mai 1939 auf dem Obersalzberg deutlich gemacht: "Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht. Es handelt sich um die Erweiterung des Lebensraumes im Osten."

Deutsche Truppen besetzen im September 1939 die polnische Stadt Posen.
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Der Zweite Weltkrieg in Bildern

Verlauf des Überfalls auf Polen: Die ersten Schüsse

1.9.1939: Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges beschießt das Linienschiff "Schleswig-Holstein" die Westerplatte bei Danzig.
Das Schiff "Schleswig-Holstein" beschießt am 1. September 1939 die Westerplatte bei Danzig.

Am Vormittag des 25. August 1939 erreicht die "Schleswig-Holstein" den Danziger Hafen. Hans Lots aus Edemissen bei Peine, damals als Maschinist mit an Bord, erinnerte sich später: "Es durfte keiner an Land, die Marineinfanteristen sowieso nicht. Wenn sie auch nur an Deck wollten, mussten sie sich zur Tarnung Kleidung von uns leihen. Nach ein paar Tagen hieß es dann: 'Alle Mann raus, wir sind zur Befreiung Danzigs eingesetzt!'" Um 4.45 Uhr am 1. September 1939 beginnt der Angriff auf die Westerplatte, eine Halbinsel vor Danzig, auf der die polnische Armee ein befestigtes Munitionslager mit etwa 218 Mann Besatzung unterhält.

Auch Weichselbrücke als Ziel

Soldaten arbeiten 1939 an der Weichselbrücke bei Thorn, die von polnischen Streitkräften im Verlauf der Kämpfe gesprengt wurde.
Soldaten arbeiten 1939 an der Weichselbrücke und beseitigen zerstörtes Material.

Die Schüsse der "Schleswig-Holstein" gelten als Beginn des Zweiten Weltkriegs, so verbreitet es die deutsche Propaganda. Allerdings hat ein anderer Angriff nur wenige Minuten vorher stattgefunden. Kräfte einer Pioniereinheit sind mit einem Zug nach Polen eingeschleust worden, sie ermorden polnische Bahnangestellte. Ihr Ziel ist es, die strategisch bedeutsame Weichselbrücke bei Dirschau zu besetzen. Kampfbomber sollen Kabel zu Sprengladungen, die die Polen präventiv an der Eisenbahnbrücke angebracht haben, zerstören. Doch mit Verzögerungen gelingt es den Polen noch, die Brücke zu sprengen. Das Vorhaben der Deutschen ist gescheitert.

"Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!"

Führer und Reichskanzler Adolf Hitler begründet in seiner Rede vor dem Reichstag in Berlin am 1. September 1939 den Angriff auf Polen.
Am 1. September 1939 gibt Reichskanzler Adolf Hitler vor dem Reichstag den Kriegsbeginn bekannt.

In Deutschland wird die Bevölkerung über den Rundfunk dazu aufgefordert, sich für eine Ansprache des Führers vor den Radioempfängern einzufinden. Gegen 10 Uhr morgens lässt Adolf Hitler sich in Berlin zum Reichstag fahren. Auf die Ereignisse an der Weichselbrücke geht er nicht ein. Er spricht stattdessen die mittlerweile berühmt-berüchtigten Sätze, die eine völlige Umkehrung der realen Geschehnisse bedeuten und die Deutschen glauben machen sollen, man führe einen gerechten Verteidigungskrieg: "Ich will nicht den Kampf gegen Frauen und Kinder führen. Ich habe meiner Luftwaffe den Auftrag gegeben, sich auf militärische Objekte bei ihren Angriffen zu beschränken. Wenn aber der Gegner daraus einen Freibrief ablesen zu können glaubt, seinerseits mit umgekehrten Methoden kämpfen zu können, dann wird er eine Antwort erhalten, dass ihm Hören und Sehen vergeht! Polen hat heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!"

Beginn des Zweiten Weltkriegs - Audios
Spruchband 'Wir wollen kein Volk minderen Rechtes sein' über einem Spruchband 'Mit Hitler für einen Frieden der Ehre und Gleichberechtigung' bei einer Wahlkundgebung der SA 1933

Hohe Reparationsleistungen, wirtschaftliche Beschränkungen und das Gefühl der Demütigung: Die Wurzeln des Zweiten Weltkrieges liegen im Ende des Ersten und den Bedingungen des Versailler Vertrages.

Angehörige der SS-Heimwehr Danzig greifen am 01.09.1939 polnische Dienststellen in Danzig an, hier im Schutz eines Panzerwagens die Post.

Der 1. September 1939 zerstört alle Friedenshoffnungen. Nazi-Deutschland überfällt Polen. Zwei Tage später erklären England und Frankreich Deutschland den Krieg.

Adolf Hitler nimmt die Siegesparade deutscher Truppen in Warschau ab. (1939)

Vier Wochen nach dem Überfall auf Polen erobern die Deutschen Warschau. Polen kann der Wehrmacht nichts entgegensetzen und erhält auch keine militärische Unterstützung.

Birger Dahlerus, schwedischer Industrieller (06.02.1891-08.03.1957)

Um Hitler von einem Angriff abzuhalten, ergreift der Schwede Birger Dahlerus im August 1939 eine bemerkenswerte Initiative. Er organisiert ein Geheimtreffen mit Briten und Hermann Göring.

Beginn des Zweiten Weltkriegs: Die Älteren sind skeptisch

Auch wenn Hitler sich aus ungeklärten Gründen um eine Stunde vertut, verfehlt die Rede ihre Wirkung vor allem bei der jüngeren Generation nicht. Der Hamburger Ralph Brauer, Jahrgang 1927, berichtet von seiner Stimmung: "Als meine Mutter mir im Sommer 1939 erzählte, dass es wohl Krieg geben würde, freute ich mich. Es war ja keiner da, der sagte, das gibt eine Katastrophe." Allgemeine Kriegsbegeisterung wie teilweise zu Beginn des Ersten Weltkrieges herrscht dagegen vor allem bei den Älteren nicht. Werner Mork ist damals Angestellter in einem Radiogeschäft und bereitet den sogenannten Gemeinschaftsempfang der Führerrede vor. Er erzählt: "Alle standen ruhig auf, als das verklungen war, es war ein betretenes Schweigen. Ganz ehrlich: Mir erschien das damals zu wenig. Ich ging also auf den Dachboden, um die schwarz-weiß-rote und die Hakenkreuzfahne zu holen, weil ich dachte, jetzt müsse man doch die Fahnen hissen."

Nazis halten Versorgung aufrecht

Auch an der "Heimatfront" ändert sich der Alltag mit Beginn des Polen-Feldzugs: Bereits am 1. September 1939 werden Lebensmittelkarten für Fett und Fleisch, Milchprodukte und Zucker eingeführt, ab Oktober auch für Bekleidung. Es gelingt den Nazis, anders als im Ersten Weltkrieg, die Versorgung der Bevölkerung weitgehend aufrecht zu erhalten. Dafür sorgen auch die rücksichtslose Ausbeutung der besetzten Ostgebiete sowie die sofort mit Kriegsbeginn einsetzende Verschleppung von Millionen von Menschen zum "Arbeitseinsatz im Reich", der Unzählige das Leben kostet. Ab 1939 steigert sich die Zahl der Zwangsarbeiter kontinuierlich, bis Kriegsende leisten etwa allein in Hamburg 500.000 Menschen Zwangsarbeit, zumeist Sklavenarbeit unter unmenschlichen Bedingungen.

Vernichtungskrieg gegen Polen: Luftwaffe greift zuerst an

In Polen führt die Wehrmacht von Anfang an einen Vernichtungskrieg. Noch bevor die Schüsse der "Schleswig-Holstein" fallen, greift die Luftwaffe an. Vom schlesischen Schloss Schönwald aus startet gegen vier Uhr morgens ein Geschwader von sogenannten Sturzkampfbombern (Stukas). Ihr Ziel: das militärisch völlig unbedeutende polnische Städtchen Wielun unweit der Grenze. Die Stadt ist vollkommen unbefestigt, ohne Garnison, Luftabwehr oder Bunker. Ungefähr um halb fünf in der Frühe beginnt der Bombenterror: In drei Angriffswellen werfen die deutschen Flieger 380 Bomben mit einer Sprengkraft von zusammen mehr als 45.000 Kilogramm ab. Rund 1.200 Menschen werden getötet, die Stadt durch den Bombenhagel und die anschließenden Brände zu 90 Prozent zerstört. Und das, obwohl selbst der Kommandeur des Geschwaders "keine besondere Feindbeobachtung" melden konnte.

Luftangriff amerikanischer Bomber

Der Bombenkrieg aus der Luft bedeutet eine neue Dimension der Kriegsführung. Seine Strategie ist allerdings umstritten.

Terror gegen die polnische Zivilbevölkerung

Während Hitler in Berlin also noch verkündet, die Luftwaffe beschränke sich auf militärische Ziele, haben die Hermann Göring unterstellten Verbände bereits ihr erstes Massaker verübt. Der Historiker Jochen Böhler konstatiert: "Die Luftangriffe auf Polen waren von vornherein nicht als rein militärische Angriffe, sondern als Terrorangriffe geplant. In den ersten Wochen des Krieges wurden Hunderte von Ortschaften bombardiert, unabhängig davon, ob sie mit polnischen Soldaten besetzt waren oder nicht."

Am Ende kehrt der Tod heim ins Reich

Zerstörte Gebäude in Hamburg-Eilbek nach den alliierten Luftangriffen im Sommer 1943.
Nach den Luftangriffen der Alliierten liegen viele deutsche Städte wie etwa Hamburg in Trümmern.

Nach der Besetzung Polens verheimlichte das Regime seine mörderische Kriegsführung übrigens keineswegs: Propaganda-Minister Goebbels lässt voller Begeisterung einen Film "über die gewaltigen Leistungen der Luftwaffe" drehen, den er voller Zynismus "Die Feuertaufe" nennt. Allerdings verfehlt der Streifen teilweise seine Wirkung, denn in den geheimen Berichten des Sicherheitsdienstes der SS heißt es, die Bilder der Zerstörung hätten vor allem bei Frauen "Stimmen des Mitleids mit den Polen" und eine "bedrückende, verängstigte Stimmung" hervorgerufen. Vielleicht ahnen einige der Kinobesucher bereits, dass die Schrecken des Krieges eines Tages heimkehren werden: Als Lübeck, Hamburg, Hannover, Bremen und andere deutsche Städte ab 1942 im Bombenhagel versinken, erntet die Bevölkerung in grauenvoller Weise jene Früchte des Terrors, den ihre Führung und Armee am 1. September 1939 entfesselt hat.

Der polnische Ministerpräsident Krzystof Bielecki und Bundeskanzler Helmut Kohl unterzeichnen am 17. Juni 1991 in Bonn den Nachbarschaftsvertrag.

Mit einem Freundschaftsvertrag haben sich Deutsche und Polen vor genau 35 Jahren für Partnerschaft statt für Feindschaft entschieden. Sie wurden zu engen Verbündeten in EU und NATO, aber das Verhältnis ist bis heute belastet.

Siegesparade der 8. Armee in Warschau am 5. Oktober 1939. - Vorbeimarsch vor der Führertribüne. -

Mit dem deutschen Überfall auf Polen beginnt am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Weltweit kostet er mehr als 50 Millionen Menschen das Leben.

Collage: Hans Georg Calmeyer auf einem alten Foto, daneben ein "Judenstern".

Hans Georg Calmeyer entschied als "Rassereferent" der nationalsozialistischen Verwaltung in Den Haag über Leben und Tod.

Montage: Historisches Foto von 1939. Wartende Menschen mit Gepäck; Kinder auf Bündeln sitzend. Ein Mädchen blickt in die Kamera. KI-restaurierte Version des Mädchens ins Farbe ist zentrales Motiv. Im HG ein Haus und ein Turm.

KI trifft Geschichte: Kann Autor Malte Herwig den Opfern auf einem Foto aus Opas Familienalbum einen Namen zu geben?

Dieses Thema im Programm:

NDR/NDR Info | 27.08.2014 | 20:15 Uhr --- Online-Beitrg zuerst veröffentlicht am 28.08.2014 | 13:15 Uhr

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