30 Jahre Hurricane: Das Festival, das zunächst niemand wollte
In Scheeßel sind viele Menschen stolz darauf, dass "ihr" Hurricane-Festival den kleinen Ort bekannt gemacht hat. Umso erstaunlicher: Am Anfang stand große Skepsis, bevor im Juni 1996 das Festival zum ersten Mal stattfand. Eine NDR Doku beleuchtet die Hintergründe.
Auf eine Wand der Ablehnung stieß Folkert Koopmans beim Gemeinderat in Scheeßel 1996. Der junge Konzertveranstalter aus Hamburg trug dem Gremium seinen Plan vor, am Eichenring ein großes Rock-Festival zu veranstalten. Aber genau dort - auf dem Motorrad-Rundkurs am Ortsrand - war 20 Jahre zuvor ein Musikfestival im Chaos versunken. Die Ereignisse hatten sich tief ins Gedächtnis der Menschen in Scheeßel eingebrannt.
First Rider Festival 1977 sollte für Love and Peace stehen
Es sollten Tage voller Love and Peace an der Wümme werden: das First Rider Festival in Scheeßel vom 3. bis 4. September 1977. Getränkehändler Günter Meyer - damals 31 Jahre alt - hatte auf ein Zusatzgeschäft gehofft: 30.000 Musikfans wurden erwartet - da wollte der Scheeßeler mit vier Verkaufsständen dabei sein. Der heute 81-Jährige erinnert sich: "Da stand rechts und links so ein Übersee-Container, davor die Theke. Und daraus hat man verkauft: Bier und Limonade." Doch statt des erhofften Gewinns erlitt Günter Meyer am Ende einen Verlust von mehreren Zehntausend D-Mark.
Angekündigte Bands reisten nicht an
Am späten Abend des ersten Festival-Tages fiel auf, dass keine Band mehr spielte - stattdessen wurden die Rockfans mit Tanzmusik vom Band beschallt. Allmählich sickerte durch: Der Veranstalter - ein junger Mann aus Lüdenscheid im Sauerland - hatte sich offenbar übernommen und Bands auf die Plakate schreiben lassen, bevor die Verträge wasserdicht waren: Künstler wie Rory Gallagher und Quicksilver Messenger Service reisten gar nicht erst an.
Wütende Fans setzen Bühne in Brand
Als klar wurde, dass am Eichenring keine Band mehr spielen würde, zündeten wütende Fans kurzerhand die Bühne an, erinnert sich Bobby Meyer aus Scheeßel. Er war damals als junger Musikfan dabei: "Ich weiß noch, dass damals eine neue Light-Show groß angekündigt worden war. Ich gucke nachts aus dem Zelt raus und denke: 'Jetzt kommt endlich die Light-Show!' Aber leider brannte die Bühne."
Gewalt auch gegen Gastronomen
Getränkehändler Günter Meyer - nicht verwandt mit Bobby Meyer - erlebte dann, dass sich die Gewalt der meist auswärtigen Festival-Besucher auch gegen ihn und die Scheeßeler Gastronomen richtete: "Wir hatten noch kleine Verkaufsanhänger da stehen. Die hatte man uns auch schon angesteckt. Dann wurden die Schläuche von der Feuerwehr durchgeschnitten. Wie kann man so was machen, die Schläuche von der Feuerwehr durchzuschneiden?" Alle Getränke von Günter Meyer wurden geplündert. Die Fans sahen das wohl als Kompensation dafür an, dass bei einem Ticketpreis von 35 D-Mark von rund 25 angekündigten Bands gerade mal fünf gespielt hatten.
Chaos: "Golden Earring flitzten von der Bühne"
Schlimm erwischte es auch Hans Riebesehl. Der heute 77-Jährige hatte sich damals mit Ende 20 bereits einen Namen als versierter Ton- und Lichttechniker gemacht. Seit Kurzem besaß er ein eigenes Equipment, das er in dieser Nacht im September 1977 gleich wieder verlieren sollte: "Die Stimmung kippte. So schnell habe ich Golden Earring noch nie von der Bühne flitzen sehen. Dann flogen die ersten Flaschen. Dann ist auch kein Mensch mehr auf die Bühne gegangen. Und es war nur noch Chaos."
Equipment in Flammen aufgegangen
Mit der Bühne ging auch das teure Equipment von Hans Riebesehl in Flammen auf: "Wenn man dann vor diesen Trümmerbergen steht: Jeder, dem schon mal das Haus abgebrannt ist, der kann das nachvollziehen." Den Eichenring meide der gebürtige Scheeßeler seit diesem Tag, sagt er. Doch der Musikbranche blieb Hans Riebesehl trotz des Schocks von 1977 treu. Jahrzehntelang war er technischer Tourneeleiter unter anderem bei Boney M., Udo Lindenberg und Otto Waalkes.
Koopmans: "Natürlich waren die skeptisch"
Die Festival-Geschichte von Scheeßel hätte nach dem First Rider Festival zu Ende sein können. Doch ab 1996 wagt sich mit Folkert Koopmans erneut jemand daran, ein Festival in Scheeßel zu organisieren. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger verfügt der Ostfriese über Vorerfahrung als Konzert-Veranstalter. Dennoch muss Koopmans nach den Ereignissen 20 Jahre zuvor zunächst bei der Gemeinde Scheeßel Klinken putzen: "Natürlich waren die skeptisch, keine Frage. Aber wir haben mehrere Präsentationen gemacht und sie letztlich überzeugt."
Festival wird zum Erfolg und ist heute "wie ein Uhrwerk"
Zum ersten Hurricane-Festival im Juni 1997 kamen rund 20.000 Besucher. Koopmans hatte mit 12.000 gerechnet. Sie bekamen Bands wie INXS, Sheryl Crow, The Cardigans, The Lightning Seeds, Chumbawamba, Element of Crime und Rammstein zu sehen.
Spätestens dann seien die Scheeßeler überzeugt gewesen, sagt auch Getränkehändler Günter Meyer: "Der erste Versuch ist gut gelaufen und dann wurde das immer größer und immer besser organisiert. Und mittlerweile läuft das ja wie ein Uhrwerk ab."