Dagmar und Ivar Buterfas: "Ohne sie hätte es mich nicht mehr gegeben"
Dagmar und Ivar Buterfas-Frankenthal lernen sich im Januar 1953 in Hamburg kennen. Ihr jüdisches Schicksal schweißt sie zusammen: "Wir waren jeden Tag zusammen und es war keine einzige Stunde langweilig."
Ihre jüdischen Wurzeln prägen ihr Leben und ihre Ehe - das erfolgreiche Unternehmer-Paar setzt sich seit Jahrzehnten dafür ein, dass die Judenverfolgung nicht in Vergessenheit gerät. Dafür nutzen Dagmar und Ivar Buterfas-Frankenthal ihre guten Kontakte zu Prominenten, Politik und Medien. Bis zuletzt halten sie Vorträge über ihre Geschichte als Halbjuden in der NS-Zeit. Dabei geht es auch um sie als Paar, das seit fast 70 Jahren verheiratet ist.
Mehr als 1.600 Mal haben die beiden gemeinsam auf der Bühne gesessen. Inzwischen ist Schluss damit: In Ganderkesee hat Ende Januar 2025 die letzte Veranstaltung stattgefunden. "Wenn es meine Frau nicht gegeben hätte, hätte es keine erste und keine letzte Veranstaltung gegeben. Dann hätte es auch mich nicht mehr gegeben", erzählt Ivar Buterfas-Frankenthal dem NDR in der Dokumentation "Jahrhundertliebe" 2025 über den Rückhalt seiner Frau.
Weitere Paare der "Jahrhundertliebe" vom 9. Juni 2025:
Ivar Buterfas: Auf dem Schulhof als Judenlümmel beschimpft
Dagmar Frankenthal kommt am 25. Juli 1934 in Dresden zur Welt. Dagmars Vater ist Jude, ihre Mutter trennt sich wegen des Drucks der Nazis von ihrem Mann. Dagmars Vater stirbt später im KZ Buchenwald. Ivar Buterfas wird am 16. Januar 1933 in Hamburg als Sohn eines jüdischen Vaters und einer nichtjüdischen Mutter geboren. Zwei Wochen vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Die Eltern arbeiten bis 1931 als Step-Artisten, 1934 wird Felix Buterfas von den Nazis verhaftet und kommt zunächst ins KZ Börgermoor, dann ins Lager Esterwegen.
Als Ivar fünf Jahre alt ist, wird er von der Schule am Rhiemsweg in Hamburg-Horn geschmissen. Der Schulleiter knöpft sich ihn mit aller Härte vor: "Du bist ein kleiner Judenlümmel und du hast in dieser Gemeinschaft nichts verloren. Sieh zu, dass du verschwindest und lass dich hier nie wieder sehen." Anschließend beschimpfen, bespucken und treten die anderen Schüler den kleinen Ivar. "Ich heulte wie ein Schlosshund und verließ sofort den Schulhof", erzählt er rückblickend über seine Kindheit im Jahr 1938. "Demütigungen waren mein ständiger Begleiter. Eine war furchtbare Zeit", erinnert sich Ivar. Der Erstklässler weiß damals noch nicht mal, was ein Jude ist.
Auch nach Kriegsende verfolgt Ivar Buterfas seine Herkunft
Während des Zweiten Weltkriegs tut Mutter Orla alles dafür, um ihre Kinder vor der Vernichtung zu bewahren. Sie versteckt Ivar und seine sieben Geschwister bis zum Kriegsende. Zunächst muss die Familie aus einem Hamburger Judenhaus in eine Kate in der Tucheler Heide nach Pommern fliehen, die letzten Kriegsjahre verbringt sie in einem Keller eines zerstörten Hauses in Hamburg, ohne Wasser und Strom. Die Not ist groß: Kleidung und Essen klauen sie aus zerbombten Häusern zusammen. Auch nach Kriegsende verfolgt ihn seine Herkunft: Ivar besucht wieder eine Schule in Billstedt, verlässt diese aber nach der achten Klasse. Auch die familiäre Situation bleibt schwierig, nach dem Krieg kehrt Ivars Vater aus dem KZ Sachsenhausen zurück, aber nicht zur Familie. Felix Buterfas hat eine neue Frau - und "ich hatte wieder keinen Vater", so Ivar. Er fühlt sich seiner Kindheit beraubt.
Dagmar und Ivar Buterfas verlieben sich sofort ineinander
Im Januar 1953 lernen sich Dagmar und Ivar in Hamburg kennen. Ivars Version für eine fantastische Ehe: "Im richtigen Moment am richtigen Ort sein. Die Sonne muss scheinen. Du kannst eine Flasche Rotwein dabeihaben, mit zwei Gläsern. Dann machst du die Augen ganz fest zu und öffnest die Arme. Und wenn du kein großer Sünder warst, dann lässt der liebe Gott dir so einen Schatz in die Arme fallen, wie ich ihn habe." In der Realität klingt das Ganze weniger romantisch und der Weg zu einem gemeinsamen Leben gestaltet sich schließlich nicht so leicht. Ivar lernt Dagmar kennen, als er sich bei ihrem Stiefvater um einen Job bewirbt. Sie verlieben sich sofort ineinander.
Parallelen ihrer Kindheitsgeschichte schweißen zusammen
"Ich hatte das Gefühl, wir gehören zusammen, als wir uns verliebt hatten", schildert Dagmar rückblickend. "Wir müssen gespürt haben, dass wir unbedingt zusammen gehören, da gibt es telepathische Strömungen. Die müssen bei uns besonders ausgeprägt gewesen sein", konstatiert auch Ivar. Zwar heiraten sie im Juli 1955, aber Dagmars Eltern sind gegen die Beziehung mit einem Juden. Zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. "Je schwerer es uns gemacht wurde, desto enger kamen wir zusammen", erzählt Ivar rückblickend. Es sei unmöglich gewesen, sie zu trennen. Auch wenn der Stiefvater alles Mögliche versucht, ihn schlecht zu machen. Immer wieder.
Ivar Buterfas-Frankenthal verliert oft den Lebensmut
Ivar stürzt diese permanente Ablehnung in eine schwere seelische Krise. Diese verschlimmert sich, als ihm die Behörden die deutsche Staatsbürgerschaft verweigern, die ihm die Nazis entzogen hatten. Ivar verliert oft den Lebensmut, aber Dagmar vertreibt jeden trüben Gedanken. "Er hatte immer das Gefühl, er gehört hier nicht hin", beschreibt Dagmar die damalige Gefühlslage ihres Mannes. Sie gibt ihm das Gefühl, nicht allein zu sein.
"Ich habe mal mit einem Locher nach ihm geschmissen"
1964 bekommt Ivar die deutsche Staatsbürgerschaft zurück. Es geht bergauf für die Familie mit den beiden Kindern Andreas und Jasmin, die lange in bescheidenen Verhältnissen lebt. Auch beruflich: Dagmar und Ivar gründen eine Firma für Fassaden-Sanierung: Buterfas & Buterfas. Sie kümmern sich hauptsächlich um die alten Häuser, die vom Krieg verschont geblieben sind.
Dagmar und Ivar arbeiten eng zusammen, treffen alle Entscheidungen gemeinsam. Nicht immer einvernehmlich. "Ich habe mal mit einem Locher nach ihm geschmissen", erzählt Dagmar in der Rückschau. "Ich bin immer die, die ausgetickt ist. Aber sonst schlagen wir uns nicht", lacht Dagmar.
Buterfas-Frankenthal richtet Boxkampf mit Muhammad Ali aus
Seit mehr als 40 Jahren leben die Buterfas-Frankenthals in Bendestorf bei Hamburg. Ihr Partykeller hängt voller Fotos von Promis. Ivar arbeitet in den 1970ern als Boxpromoter, richtet selbst Kämpfe aus. "Das war eine schöne Zeit, durch die ganze Welt reisen, mein lieber Mann", schwelgt Ivar in Erinnerungen. Er richtet einen WM-Kampf in Südafrika mit Muhammad Ali aus, lässt sich mit Mike Tyson und Max Schmeling, der zu seinen Freunden zählt, ablichten. Dagmar ist immer an seiner Seite. Es gibt rein gar nichts, was die beiden nicht zusammen machen.
Aufbau der Hamburger Nikolaikirche als Mahnmal
Ab den 1980er-Jahren verfolgt das Paar ein Herzensprojekt: Sie setzen sich für den Erhalt der im Bombenkrieg zerstörten Hamburger Nikolaikirche ein, die als Mahnmal bestehen bleiben soll. Dafür werben sie um Spenden. Als Unternehmer und durch den Boxsport hat Ivar viele Kontakte zu Prominenz und Politik bis hin zu Michail Gorbatschow, Helmut Kohl und Papst Johannes Paul II. Darüber hinaus engagieren sie sich für den Ausbau des ehemaligen Strafgefangenenlagers Sandbostel zu einer Gedenkstätte.
Frankenthal ergänzt den Namen Buterfas im Jahr 2016
Ihre lebenslange Liebe und Verbundenheit zeigt sich auch im Familiennamen. Viele Jahre gehen sie als Dagmar und Ivar Buterfas durchs Leben. Nach der Diamanthochzeit im Jahr 2015 möchte Dagmar ihren Mädchennamen Frankenthal annehmen. Das sei eine glänzende Idee, findet Ivar. "Aber wenn du ihn annimmst, möchte ich ihn auch annehmen." Das sei für ihn eine wirklich glückliche Sekunde gewesen, dass er den Mädchenname seiner Frauen annehmen durfte, ergänzt Ivar. Seit 2016 tragen sie den Doppelnamen Buterfas-Frankenthal.
Endlich mehr Zeit für Zweisamkeit
Ivar steht bei all ihrem Engagement meist im Mittelpunkt, Frau Dagmar unterstützt ihn tatkräftig, ohne selbst im Mittelpunkt zu stehen. "Das störte mich nicht", sagt sie. Ein halbes Leben haben sich Dagmar und Ivar gegen das Vergessen jüdischer Geschichte engagiert. Erst jetzt beginnt ihr eigentlicher Ruhestand, mit über 90 Jahren und über 70 Jahren Zusammensein. Mit mehr Zeit für Zweisamkeit: "Wir haben alles, was wir brauchen. Jetzt wollen wir ein bisschen genießen", so Dagmar über ihre Zukunftspläne. Vorausgesetzt: Der liebe Gott spielt mit.