Video: DGzRS in Kiel: 160 Jahre Seenotrettung (2 Min)

Seit 1865: Die Geschichte der Seenotretter - die DGzRS

Stand: 27.07.2026 08:30 Uhr

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts leben viele Küstenbewohner vom Strandgut havarierter Schiffe. Hilfe für Seeleute bleibt aus. Das ändert sich mit Gründung der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger am 29. Mai 1865 in Kiel.

von Dirk Hempel

Jährlich rund 50 Segelschiffe geraten an der deutschen Nordseeküste Mitte des 19. Jahrhunderts in Seenot. Aber nur ein einziges Rettungsboot ist im Einsatz. Auch mangelt es an Leuchttürmen und Seezeichen, die den Seeleuten den Weg zwischen Sandbänken und Untiefen, durch Nebel und Sturm weisen könnten.

Zwei Seenotretter fahren an einem Hafen ein.

Doch auch am Ehrentag der Seenotretter geht der Dienst vor: Wenn die Pflicht ruft, müssen die Besucher schon mal warten.

Strandgut ist gern gesehenes Zubrot

An den Küsten hält sich noch immer das überlieferte Strandrecht, nach dem der Finder die von ihm geborgenen Teile eines Wracks oder auch der Ladung behalten darf. Zwar wünscht niemand Schiffbrüchigen den Tod - dennoch ist das Strandgut ein gern gesehenes Zubrot. "Gott segne den Strand", beten Bauern und Fischer in ostfriesischen Kirchen.

Der Untergang der "Alliance" läutet Wende ein

Den Beginn einer Kehrtwende gibt es 1860. Am Morgen des 10. September strandet die hannoversche Brigg "Alliance", die Kohlen von England nach Geestemünde bringen soll, vor Borkum. Melkerinnen hören die Hilferufe der neunköpfigen Besatzung. Einige Dorfbewohner geben sie vor den Badegästen als Gespenstergeschrei in den Dünen aus, während andere Insulaner schon am Strand auf Treibgut lauern. Augenzeugen, die trotzdem an den Strand geeilt sind, müssen mit ansehen, wie die Seeleute nach und nach von der Brandung über Bord gespült werden und ertrinken. Ihre Leichen liegen noch lange am Strand, während die Borkumer das Wrack plündern.

29. Mai 1865: Aufgerüttelte Bürger gründen die DGzRS

Die Gründerväter der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger Adolph Bermpohl, Georg Breusing und Arwed Emminghaus.
Engagierte Bürger und Gründer der DGzRS: Adolph Bermpohl, Georg Breusing und Arwed Emminghaus.

So berichten Zeitungen in ganz Deutschland und empören sich über diese "mittelalterliche Barbarei". Die Artikel liest auch ein Navigationslehrer an der Seefahrtsschule in Vegesack, Adolph Bermpohl, und fordert in Aufsätzen die Einrichtung von Rettungsstationen nach britischem Vorbild. Zwischen Emden und Sylt, Flensburg und Memel setzt nun ein Umdenken ein. Die Küstenbewohner finden sich endlich bereit, Seeleuten, die in Not geraten sind, zu helfen, und aufgerüttelte Bürger wie der Zollinspektor Georg Breusing in Emden gründen örtliche Vereine.

Die treibende Kraft beim Zusammenschluss der regionalen Stationen am 29. Mai 1865 zur "Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger" (DGzRS) in Kiel wird der Bremer Journalist Arwed Emminghaus. Den Vorsitz übernimmt der Reeder und Mitbegründer des Norddeutschen Lloyd, Hermann Henrich Meier.

100.000 Taler für 50 Rettungsstationen

Die DGzRS, die ihre Zentrale in Bremen einrichtet, benötigt 100.000 Taler, um zunächst 50 Stationen einzurichten, zusätzlich jährlich bis zu 15.000 Taler für die laufenden Kosten. Der Vorstand entwickelt schon damals ein zweigleisiges Spendenmodell, das noch heute gilt: Während Meier auf 1.000-Taler-Spenden setzt, favorisiert Emminghaus den Aufruf zu Klein- und Kleinstspenden, die bald aus ganz Deutschland eintreffen und den Aufbau des Rettungswerks vorantreiben. Seit 1875 gibt es dafür das schwarz-weiß-rote Sammelschiffchen, das schon damals sogar in Bayern und Österreich aufgestellt wird.

Rettung mit der "Hosenboje"

Renate Dargatz, Mitarbeiterin des Heimatmuseums von Warnemünde, zeigt 1996 eine sogenannte Hosenboje zur Rettung Schiffbrüchiger.
Mithilfe einer "Hosenboje" wurden Schiffbrüchige an Land gezogen.

Im Jahr nach der Vereinsgründung retten die Männer an Nord- und Ostsee 141 Menschen aus Seenot. Am 14. Januar 1866 etwa birgt das Memeler Rettungsboot 15 Menschen von der preußischen Bark "Marianne", am 18. Juni holen Wustrower Rettungsmänner vier Seeleute von dem russischen Schoner "Constantin".

Die DGzRS setzt 1866 insgesamt 122 Rettungsboote ein - und auch 19 Rettungsgeschütze: Mit Raketen, die das königlich preußische Feuerwerkslaboratorium Spandau fertigt, werden dabei Leinen vom Strand aus zu havarierten Schiffen hinübergeschossen, bis zu 500 Meter weit. Über diese Verbindung werden Schiffbrüchige dann in einem Rettungsring mit angenähter Hose, der sogenannten Hosenboje, an Land gezogen.

Seenotrettung per Ruderboot

Eine historische Fotografie zeigt ein Ruderrettungsboot auf einem Ablaufwagen.
Die Boote werden oft von Pferdegespannen Hunderte Meter weit durch die Dünen gezogen, bevor die Rettungsmänner durch die Brandung hinausrudern.

Die Männer leisten Schwerstarbeit. Meist ziehen zunächst Pferde das Boot vom Schuppen durch den Dünensand an den Strand, oft Hunderte Meter weit, dann rudern die sechs bis zehn Mann Besatzung unter äußerster körperlicher Anstrengung durch die gefährliche Brandung hinaus. Sie tragen Ölzeug mit Südwester zum Schutz gegen das kalte Seewasser. Eine dicke, um den Oberkörper geschnallte Korkweste soll vor dem Ertrinken schützen. Das eigens entwickelte "Deutsche Normalrettungsboot" misst acht Meter Länge und zweieinhalb Meter Breite. Es ist aus Stahlblech hergestellt und wiegt nur 1.350 Kilogramm. Mit einem Tiefgang von 35 Zentimetern ist es auch für flache Strandgebiete geeignet.

Ein Einsatz kann viele Stunden dauern. Im November 1880 etwa rudern die Rettungsmänner von Süderhöft in Nordfriesland im Gewittersturm zu einem gestrandeten Segelschiff hinaus. Nach 14 Stunden kehren sie zurück. Der Einsatzbericht vermerkt: "Erst nachmittags, 4 Uhr, kamen wir wieder auf der Station an, vollständig durchgefroren, gänzlich erschöpft."

Eine historische Fotografie zeigt mehrere rudernde Männer in einem Rettungsboot.
9 Bilder

Vom Ruderboot zum Seenotkreuzer

Viele Helfer sterben im Einsatz

Das Boot kann nicht sinken, weil es außen von einem Korkgürtel umgeben ist und innen mit Luftkästen versehen. Aber die Seeleute können etwa über Bord gespült werden. Von 1869 bis 1918 sterben 21 Rettungsmänner auf See. Bis heute sind 45 Menschen im Einsatz tödlich verunglückt. Auch wenn die Schiffe mit den Jahrzehnten immer leistungsfähiger und sicherer werden, sich mittlerweile nach einem Kentern selbst aufrichten können, fordert der Dienst noch immer Menschenleben. So etwa 1967, als der Seenotrettungskreuzer "Adolph Bermpohl" im Einsatz bei Orkan vor Helgoland verunglückt. Die vierköpfige Besatzung und drei zuvor gerettete niederländische Fischer kommen ums Leben. 1995 kentert der Rettungskreuzer "Alfried Krupp" im Orkan vor Borkum in hoher See. Vormann und Maschinist werden von den Wellen über Bord gespült, ihre Leichen erst lange nach dem Unglück an Land getrieben.

Spender und Freiwillige werden Rückgrat der Seenotretter

Ein Sammelschiffchen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger steht am Hafen auf einem Tau.
Von Anfang an finanziert sich die Gesellschaft durch Spenden. Die Sammelschiffchen gibt es seit 1875.

In der Frühzeit der DGzRS bedeuten schon die in den 1870er-Jahren entwickelten Segelrettungsboote einen Fortschritt. Sie sind in Büsum, Cuxhaven und Dorumertief stationiert und verfügen bereits über Schutzräume an Deck. 1890 hat die Gesellschaft 111 Rettungsstationen an Nord- und Ostsee, in denen mehr als 1.000 Freiwillige Dienst tun. Fast 50.000 fördernde Mitglieder unterstützen sie mit Geldspenden.

Erstes Motorboot der DGzRS kommt 1911

Eine historische Fotografie zeigt das Motorrettungsboot "Oberinspector Pfeiffer" auf dem Wasser.
Mit Motorrettungsbooten kann die DGzRS ab 1911 auch in weiter Entfernung von der Küste Seeleute retten.

Als im März 1911 vor Laboe in der Ostsee das erste, zehn Meter lange Motorboot nach britischem Vorbild fährt, kommt das einer technischen Revolution gleich. Das Einsatzgebiet kann nun weiter ausgedehnt, Menschen auch aus strandfernen Seenotfällen gerettet werden. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs verfügt die DGzRS bereits über 14 motorisierte Rettungsboote. In den 1920er-Jahren folgen zahlreiche weitere, die mit Funk ausgestattet sind und von Land aus dirigiert werden können. Während des Zweiten Weltkriegs sind die Seenotretter der 34 Nordsee- und 67 Ostsee-Stationen weiterhin im Einsatz. Die Boote sind nun mit einem roten Kreuz versehen, stehen unter dem Schutz der Genfer Konvention und retten weiterhin Seeleute aller Nationen - sowie auch über See abgeschossene Flieger der Kriegsgegner.

Innovativer Schiffstyp: Rettungskreuzer richtet sich selbst auf

Nach 1945 ist die DGzRS weiterhin in der Deutschen Bucht und in der westlichen Ostsee im Einsatz. Der Seenotrettungsdienst der DDR hingegen wird bis zur Wiedervereinigung 1990 staatlich organisiert. Danach übernimmt die DGzRS wieder die Arbeit auf zunächst elf Stationen entlang der Küste Mecklenburg-Vorpommerns. Heute sind es 17.

Eine historische Fotografie zeigt den Seenotkreuzer "Theodor Heuss".
Nach ihrer Indienststellung war die "Theodor Heuss" zunächst auf Borkum stationiert, später dann in Laboe.

In den 1950er-Jahren baut die Gesellschaft dann einen neuen Seenotrettungskreuzer-Typen mit Tochterboot, das auch im Flachwasser einsetzbar ist. Das Typschiff "Theodor Heuss", 1957 in Dienst gestellt und bis 1985 für die DGzRS im Einsatz, kann sich unter anderem selbst aufrichten. In der Weiterentwicklung werden die Rettungskreuzer der neuen Typ-Klasse immer vielseitiger und sicherer.

Video: Seenotrettungskreuzer "Theodor Heuss" im Emder Hafen (10.05.1961) (1 Min)

Seenotretter haben bereits 87.770 Menschen geholfen

87.770 Menschen (Jahresbericht 2025) verdanken den Mitarbeitern der DGzRS in den vielen Jahren seit ihrer Gründung Rettung und schnelle Hilfe. Allein 2025 waren die Seenotretter in 1.775 Fällen auf Nord- und Ostsee im Einsatz und haben eigenen Angaben zufolge fast 3.400 Menschen Hilfe geleistet. 462 von ihnen wurden demnach aus Seenot oder anderen Gefahren befreit.

Die Seenotretter sind aktuell mit rund 60 Booten im Einsatz. Die private Initiative, die 1865 zur Gründung der DGzRS führte, ist bis heute ihre Grundlage. Auch wenn der Bundespräsident traditionell als Schirmherr auftritt, liegt die Organisation noch immer in den Händen der ausschließlich aus Spenden finanzierten Gesellschaft, ihrer rund 180 festangestellten und mehr als 800 freiwilligen Rettungsmänner und -frauen.

Video: Viele Einsätze in 2025: Seenotretter ziehen Bilanz (1 Min)

NDR produziert die Reihe "Die Seenotretter"

Zusammen mit Radio Bremen hat der NDR die Sendereihe "Die Seenotretter" produzierte. Alle bisherigen Folgen sind hier oder in der ARD-Mediathek abrufbar.

Staffel 1

Ein Seenotretter schaut durch ein Fernglas.

Mayday! In der Deutschen Bucht kollidieren zwei Frachter, einer sinkt sofort. Für die Seenotretter zählt jetzt jede Minute.

Ein Mann hält einen Telefonkopfhörer ans Ohr.

Die Suche nach den acht vermissten Seeleuten geht weiter. Trotz Sturm und kaltem Wasser gibt es Hoffnung.

Zwei Seenotretter stehen an Deck und Blicken aufs Meer.

Im letzten Moment retten die Seenotretter einen Segler aus dem Sturm - doch plötzlich droht eine neue Gefahr.

Ein Seenotretter spricht in ein Mikro.

Schwarzer Rauch steigt aus einem brennenden Marineboot, für die Seenotretter beginnt eine extreme Herausforderung.

Eine Seenotretterin steht an Deck.

In einer stürmischen Nacht rettet die Station Travemünde einen Havaristen, doch der Zustand des jungen Seglers ist besorgniserregend.

Ein Seenotretter schaut über die Reling.

Ein Segler bricht auf See unerwartet zusammen – die Diagnose der Seenotärztin entscheidet über Leben oder Tod.

Ein Seenotretter setzt sich einen Helm auf.

Flammen lodern auf einem Öltanker vor Warnemünde. Die Seenotretter müssen die siebenköpfige Besatzung schnell von Bord holen.

Ein Seenotretter mit einem Fernglas in der Hand schaut auf das Meer.

Mastbruch auf der Nordsee: Die Seenotretter aus Cuxhaven suchen nach einem havarierten Segler ohne Beleuchtung und Funkkontakt.

Ein Mann blickt im Dunkeln aufs Meer.

Die Seenotretter aus Cuxhaven suchen nach einem havarierten Segler ohne Beleuchtung und Funkkontakt. Jede Minute zählt.

Ein Seenotretter steht an Deck und blickt aufs Meer. Er hält ein Fernglas in der Hand.

Ein Schlauchboot zieht einsame Kreise auf dem offenen Meer – ein Zeichen, das nichts Gutes verheißt.

Staffel 2

Ein Seenotretter beim  Einsatz auf dem Meer.

Eine junge Seglerin wird an Bord einer Yacht ohnmächtig und benötigt sofort medizinische Hilfe.

Zwei Seenotretter fahren mit einem Boot zu einem Rettungseinsatz.

Ein Angler stürzt ins Meer, die Strömung zieht ihn Richtung offene See.

Zwei Seenotretter fahren mit dem Schiff zu einem Rettungseinsatz.

Eine manövrierunfähige Jolle treibt im Fahrwasser einer großen einlaufenden Fähre. Für die Seenotretter beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.

Seenotretter Ingo Peters lenkt ein Schiff der DGzRS.

Ein alter Kutter meldet Wassereinbruch, die Funkverbindung ist abgebrochen. Kein gutes Zeichen für die Seenotretter.

Ein Seenotretter der DGzRS bei einem Einsatz auf dem Meer.

Die Seenotretter im Wettlauf gegen die Gezeiten zu einem Segelboot in Not bei Windstärke 5.

Seenotretterin Leonie Hintze steht an Bord eines Schiffes.

Schwarzer Rauch zieht über die Ostsee nach Travemünde. Es geht um Leben und Tod!

Bis zu 60 Freiwillige der DLRG sind in der Hochsaison allein zwischen Niendorf und Sierksdorf an der Lübecker Bucht im Einsatz.
Seenotretter Patrick Morgenroth

Trotz vieler Herausforderungen: Für Patrick Morgenroth ist das Retten von Menschen in Seenot eine Berufung.

Seenotretter bei einer Übung in Wilhelmshaven

Bei der Übung setzen sie Hubschrauber und Schiffe ein. "Unglücke sind jederzeit möglich", so die Seenotretter. (22.04.2026)

Drei Boote der Seenotrettung

2025 halfen die Besatzungen knapp 3.400 Menschen auf Nord- und Ostsee. Mehr als 1.700 Mal waren sie im Einsatz. (15.01.2026)

Seenotrettungskreuzer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, DGzRS.

Die DGzRS war im vergangenen Jahr mehr als 1.700 Mal im Einsatz. Allein rund 460 Menschen wurden aus Seenot gerettet. (15.01.2026)

Ansicht der Binzer Seebrücke von 1910

Die Gründung der DLRG geht auf ein tragisches Unglück zurück: Bei einem Unfall ertranken 1912 auf der Insel Rügen 16 Menschen.

50 Jahre Seenotrettungskreuzer ADOLPH BERMPOHL. Adolph Bermpohl nach dem Unglück.

Im Sturm verliert der Seenotkreuzer am 23. Februar 1967 bei einer Rettung vor Helgoland die Besatzung. Sieben Seeleute sterben.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen/Die Seenotretter/Die Seenotretter - Staffel 2 | 23.01.2026 21:15, NDR Fernsehen/Niedersachsen 18.00 | 15.01.2026 18:00 Uhr --- Online-Beitrag zuerst veröffentlicht am 23.01.2026 | 22:15 Uhr

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