Rügen 1979: Eine Notfall-Geburt mitten im Schneesturm

Stand: 08.01.2026 12:15 Uhr

Jahreswechsel 1978/79: Nach Sturm und extremen Schneefällen ist die Insel Rügen von der Außenwelt abgeschnitten. Bei der hochschwangeren Rotraud Hoge im abgelegenen Posewald haben die Wehen eingesetzt, die Fruchtblase ist geplatzt.

Die Hebamme steckt noch im Sturm fest, sie ist zu Fuß mit ihrem Mann unterwegs: Die beiden haben sich mit einem Seil zusammengebunden, um sich in dem dichten Schneetreiben nicht zu verlieren. Teilweise acht Meter hoch türmen sich die Schneewehen. Als sie endlich bei Familie Hoge eintrifft, kann sie nicht helfen, rät dazu, einen Arzt zu rufen. Auf Skiern bahnt sich der von der Inselhauptstadt Bergen aus den Weg nach Posewald in der Nähe von Putbus. Doch auch der Arzt weiß nur einen Rat: Die Hochschwangere muss dringend in ein Krankenhaus.

Zwei Männer schieben ein Auto an, das im Schnee stecken geblieben ist.

Viele Menschen erinnern sich noch an frostige Zeiten im Norden: an den Eiswinter auf Juist oder die letzte "Eiswade" der Holmer Fischer.

Mit dem Schlitten zur Ambulanz nach Putbus

Ehemann Hans-Jürgen Hoge macht sich sofort zu Fuß auf den Weg, organisiert einen Schlitten, ein Bauer hilft mit zwei Pferden. Die freiwillige Feuerwehr schaufelt einen Weg frei. "Meine Frau im Schlitten richtig warm eingepackt und los ging die Fahrt Richtung Putbus. Das waren ungefähr dreieinhalb Kilometer." Dort angekommen, verbringt Rotraud Hoge die ganze Nacht in der Ambulanz. Doch das Baby kann nicht kommen, der Kopf des kleinen Mädchens ist zu groß. Und die Zeit drängt: Inzwischen ist es fast drei Tage her, dass die Fruchtblase geplatzt ist, es drohen lebensgefährliche Komplikationen für Mutter und Kind.

Schneechaos Norddeutschland Winter 1978/79: Helfer der NVA auf der Autobahn.

Extreme Schneefälle mit meterhohen Verwehungen und klirrende Kälte stürzen den Norden ins Chaos - ab dem 13. Februar 1979 erneut.

Die Rettung kommt per Helikopter

Die werdende Mutter muss in ein Krankenhaus gebracht werden. Möglich ist das im Schneechaos nur per Hubschrauber. Rotraud Hoge wird auf eine Trage gelegt und zum nahegelegenen Sportplatz gebracht. Dort haben Helfer einen provisorischen Landeplatz freigeschaufelt und mit Fackeln ausgeleuchtet, denn noch immer gibt es keinen Strom.

Mitten in der Nacht auf den 2. Januar 1979 macht sich ein Hubschrauber der Nationalen Volksarmee auf den Weg von Stralsund zur Insel Rügen, um die Hochschwangere zu retten. "Man sah schon beim Anflug auf Putbus die Fackeln. Wir sind dann höher angeflogen und in den senkrechten Sinkflug gegangen. Ab zehn Metern konnte man nichts mehr sehen, weil der Schnee so stark aufwirbelte. Aber es hat geklappt. Wir standen mit dem Hubschrauber im Schnee - und waren heilfroh, als Frau Hoge an Bord war", erinnert sich Pilot Lutz Weibezahl.

Ein Baby als Symbol für den Katastrophenwinter

Bettina Hoge als Einjährige in einem NVA-Hubschrauber.
Bettina Hoge kam im Schneewinter 1979 in Stralsund zur Welt. Die rettenden Hubschrauberpiloten nahmen sie zum Patenkind.

Der Flug ins Krankenhaus nach Stralsund gelingt ohne Probleme. Dort kommt die werdende Mutter sofort in den OP - Kaiserschnitt. "Meine erste Frage, als sie mir meine Tochter danach brachten, war: 'Ist sie gesund?'", so Rotraud Hoge. Die Ärzte können sie beruhigen: "Sie ist putzmunter." Ein paar Tage später besucht Pilot Weibezahl Mutter und Töchterchen im Krankenhaus. Sein Hubschraubergeschwader hat beschlossen, das kleine Mädchen - es heißt Bettina - zum Patenkind zu nehmen. "Als Erinnerung an die Ereignisse", so Weibezahl. "Und weil das Mädchen letztendlich auch mit unserer Hilfe geboren wurde".

In den folgenden Jahren besuchen sich die Familie und die Männer vom Geschwader regelmäßig, lassen die kleine Bettina im Hubschrauber sitzen und schenken ihr zur Einschulung eine Extra-Schultüte. Bettina wird zu einem positiven Symbol für den Katastrophenwinter 1978/79, der mehr als 40 Jahre zurückliegt. Der Hubschrauber von damals steht heute im Marinemuseum auf dem Stralsunder Dänholm.

Ein Schneeräumfahrzeug aus Köln versucht am 17. Februar 1979, die Bundesautobahn Hamburg-Lübeck von den Schneemassen zu befreien.
Bilderstrecke

Zum Jahreswechsel 1978/79 und im Februar überzieht eine Kälte- und Schneefront den Norden. Die Schneekatastrophe in Bildern.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Unsere Geschichte | 05.01.2026 | 22:00 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Die 70er-Jahre

Extremwetter

Das Kreuzfahrtschiff TS "Maxim Gorki" vor der Küste Mykonos, aufgenommen im Mai 1999.

1968 läuft das erste große Passagierschiff nach dem Krieg vom Stapel: die "Hamburg". Als "Maxim Gorkiy" geht sie in die Geschichte ein.

Planten un Blomen während der Niederdeutschen Gartenschau 1935

1935 als "Planten un Blomen" im Zentrum der Hansestadt angelegt, wurde der Park allein bis 1973 drei Mal umgestaltet. Eine NDR Doku beleuchtet seine Geschichte.

Programmhefte, Opern-Partituren und ein Foto des Komponisten Engelbert Humperdinck liegen auf dem Tisch.

Mit seiner Märchenoper "Hänsel und Gretel" gelang ihm der große Wurf. Am 27. September 1921 starb der Spätromantiker in Neustrelitz.

Schiffswrack im Watt vor der Insel Amrum

Im 19. Jahrhundert strandete ein Schiff vor der Insel Amrum. Seine Überreste liegen noch heute im Watt. Ein Historiker hat seine Geschichte recherchiert.