Wallringtunnel in Hamburg: Vor 60 Jahren eröffnet
Nach drei Jahren Bauzeit ist es am 20. Oktober 1966 so weit: Der Wallringtunnel ist fertig. Er soll für Verkehrsentlastung in der Hamburger City sorgen. Und auch für Partyspaß: Über viele Jahre finden dort nachts Raves statt.
Rund drei Jahre lang ist der Hamburger Hauptbahnhof damals umgeben von großen, tiefen Löchern. Der Wallringtunnel wird von 1963 bis 1966 gebaut, um für Verkehrsentlastung in der Innenstadt zu sorgen. Der Betrieb der darunter liegenden Ringbahn (heute: U3) läuft weiter. Stellenweise sind Baustelle und U-Bahn nur durch 22 Zentimeter Stahlbeton getrennt. Drei U-Bahn-Tunnel müssen überquert werden. Außerdem verläuft der neue Tunnel am Tieifbunker am Steintorwall unter dem Hauptbahnhof entlang.
"Mächtige Herausforderung"
"Beim Bauablauf ist das eine mächtige Herausforderung", sagt Hanns Simons. Er war Projektleiter der Sanierung des Wallringtunnels 2014-2020. "Wir können da zum Beispiel so was machen: In einer Betriebspause graben Sie ganz runter, legen ein paar Bleche drauf, hören morgens früh wieder auf und dann kann die U-Bahn wieder fahren. Nächste Nacht machen Sie dann wieder ein Stückchen weiter."
Für die Zeit der Bauarbeiten werden Hilfsbrücken über der bis zu 15 Meter tiefen Baugrube aufgebaut, sodass Autos, Straßenbahnen und Fußgänger die Stelle passieren können.
550 Meter lang, 40 Millionen Mark teuer
Trotz der herausfordernden Umstände erfolgt die Fertigstellung sogar ein halbes Jahr früher als geplant. Am 20. Oktober 1966 eröffnet Bürgermeister Herbert Weichmann (SPD) den Wallringtunnel, der aus zwei Röhren mit je zwei Fahrbahnen besteht. Im Mittelbauwerk sind Versorgungsanlagen, ein Betriebsgang und ein Fluchtweg untergebracht. Der Tunnel ist 550 Meter lang, 40 Millionen Mark teuer und wartet mit einer einzigartigen Ausstattung auf.
"Modernste Überwachungstechnik erlaubt es der Polizei in der Leitzentrale, schnell auf Staus oder auf Unfälle im Tunnel zu reagieren", heißt es damals.
Modernste Technik wird irgendwann unmodern
Fast ein halbes Jahrhundert später ist zum Beispiel das Bedienpult reif fürs Museum - und der Tunnel für eine Generalüberholung. Er entspricht nicht mehr heutigen Sicherheits- und Brandschutzverordnungen- Neue Fahrbahn, neue Technik und immer wieder: neue Probleme.
Hanns Simons erklärt die Situation so: "Sie machen hier irgendetwas auf und plötzlich stellen Sie fest: Huch, da ist ja Stahl, der gar nicht die richtige Deckung hat. Jetzt muss ich mir schnell was ausdenken. Oder ich stelle fest, da ist ein Riss. Was machen wir jetzt?"
Die gesamte Elektrik wird erneuert, dafür werden 120 Kilometer Kabel verlegt. Es wird eine Lautsprecheranlage installiert. Die Videoüberwachung, Brandmeldekabel sowie die Anlagen zur CO2-Messung werden modernisiert. Insgesamt 12.000 Quadratmeter Fahrbahndecke werden neu asphaltiert. Und: Damit der Tunnel falls nötig gesperrt werden kann, gibt es ein neues Schrankensystem.
Läden lagern ihre Ware in Tunnelräumen
Die größte Überraschung aber verbirgt sich in den bis dato frei zugänglichen Betriebsräumen. Der ehemalige Projektleiter Hanns Simons berichtet: "Ein Blumenladen hat ein Blumenlager gehabt. Und da haben wohl Leute tatsächlich übernachtet. Ein Gastronomiebetrieb hat einige Räume als Lager benutzt." Diese Zweckentfremdung bringt ihn Jahre später zum Schmunzeln.
Tunnel Raves ab 1997
Getränke sind im Tunnel aber auch schon ganz legal gelagert worden: 25.000 Flaschen, zwei Dutzend Dixies, und ein 20.000-Watt-Soundsystem verwandeln den Wallringtunnel zwischen 1997 und 2009 regelmäßig in eine Großraumdisco - für eine Nacht.
Georg Roll ist von 1997 bis 2009 Organisator der Tunnel Raves gewesen: "Wir mussten erst mal abwarten, bis der Verkehr weg war, so 19 Uhr." Dann sei der Tunnel gesperrt worden, um die Vorbereitungen für den Rave zu treffen. Beginn: 22 Uhr.
Behörde gibt Grünes Licht
Die Idee für den Tunnel-Rave kommt dem Betreiber des Tunnel-Clubs bei einer Tunnel-Fahrt. "Da steht ja dick, metergroß 'Tunnel'. Da habe ich gedacht, jetzt muss du mal ein Konzept machen. Lass uns doch mal in so einem Tunnel feiern", sagt Roll, der sich damals für eine Genehmigung zur zuständigen Behörde aufmacht. "Die haben dann gesagt: gute Idee!" Damals ist die Auslastung des Tunnels nicht sehr hoch, vor allem abends, erst recht samstags. Das liegt auch daran, dass die Geschäfte noch nicht so lange geöffnet hatten wie heute.
Nach einem halben Jahr Planung und vier Stunden Hochgeschwindigkeits-Aufbau wird aus der Idee 1997 tatsächlich Realität: Tausende Menschen tanzen im Tunnel. Es sei "ein tolles Gefühl, hier zu sein. Ich bin schon fast überwältigt", sagt Roll damals. Aber am Ende der Nacht ist er dann auch ziemlich erschöpft. "Du machst an der Kasse irgendwas, dann an der Musikanlage, dann wieder bei der Bar, dann wieder ganz am Ende des Tunnels. Da holst du dir ganz schnell deine 20, 30 Kilometer zusammen. Das war für einen wie mich, der nicht ganz so trainiert ist, doch eine ganz schöne Aktion", blickt Roll zurück.
2009 findet der letzte Tunnel-Rave statt. Ein Hintergrund ist die Loveparade 2010 in Duisburg, die in einer Katastrophe endet. Die Feiernden werden durch einen Tunnel geleitet. In dichtem Gedränge sterben 21 Menschen. Danach gibt es keine neuen Raves in Hamburg, während der Tunnelsanierung wäre dies auch nicht möglich gewesen.
Tunnel ist Teil der Marathon-Strecke
Durch den Tunnel führt übrigens auch jedes Jahr der Hamburg-Marathon. Tausende Läufer sind auf der Strecke unterwegs, die mitten durch die Stadt führt, vorbei an vielen Sehenswürdigkeiten.
Und so bewegt der Wallringtunnel die Menschen in Hamburg mittlerweile seit 1966 - auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Eine Verkehrsader mit dröhnendem Puls.