Video: Forschungsprojekt: Hamburg beleuchtet eigene NS-Vergangenheit (2 Min)

Hamburger Stadthaus: Polizisten als Täter beim Nazi-Terror

Stand: 22.04.2026 05:00 Uhr

Das Hamburger Stadthaus war als Sitz der Gestapo eine der mächtigsten Terrorzentralen in der NS-Zeit. Forschungen zeigen: Auch andere Teile der Polizei waren an Verbrechen an Tausenden Menschen beteiligt.

von Stefanie Grossmann, Florian Wöhrle

Nur wenige Hundert Meter vom Rathaus entfernt wurde gefoltert, misshandelt und getötet: Das Hamburger Stadthaus zwischen Neuem Wall und Stadthausbrücke war in den Zeiten der Nazi-Herrschaft Hauptquartier der Hamburger Polizei und zugleich eine Zentrale des Schreckens. Neuere Forschungen zeigen, dass die von dort gesteuerten NS-Verbrechen nicht nur von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) begangen wurden, sondern auch andere Abteilungen der Hamburger Polizei erheblichen Anteil an den Gräueltaten hatten.

"Die Rolle der Hamburger Kriminalpolizei und die Beteiligung der uniformierten Polizei an der Gewaltherrschaft war bisher weitgehend unbekannt", sagt Herbert Diercks von der KZ-Gedenkstätte Hamburg-Neuengamme. Der Historiker hat Forschungsergebnisse über die NS-Verstrickung der Polizisten zusammengetragen.

Verfolgung von "Berufsverbrechern" und Homosexuellen

Schautafeln informieren in der Gedenkstätte Stadthöfe über die Verfolgung in der NS-Zeit.
Hamburg war das norddeutsche Zentrum der Schwulenszene. Viele homosexuelle Männer wurden in der NS-Zeit verhaftet und inhaftiert.

Demnach war die Kriminalpolizei auf verschiedenen Ebenen an den nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt. Zu ihren Aufgaben gehörte ab 1933 die Überwachung und Verfolgung von politischen Gegnern, "Berufsverbrechern", "Asozialen" und Homosexuellen sowie deren Einweisung in Konzentrationslager. Auch Sinti und Roma wurden verfolgt und schließlich in Vernichtungslager deportiert. Mit der Befugnis der "vorbeugenden Verbrechensbekämpfung" ausgestattet konnten Polizisten die sogenannten Vorbeugehäftlinge ins KZ einweisen, ohne dass es ein Strafverfahren gab.

Hamburger Staatspolizei geht gegen politische Gegner vor

In den ersten Jahren nach der nationalsozialistischen Machtübernahme war das vorrangige Ziel der Hamburger Staatspolizei die Zerschlagung des Arbeiterwiderstands. Sie ging deshalb verstärkt gegen kommunistische und sozialistische Gruppen - die überwiegend schon im Untergrund agierten - vor. Allein von März 1933 bis Oktober 1934 nahm die Hamburger Staatspolizei über 5.000 Kommunisten fest. 1937 hatte sie auch den sozialdemokratischen Widerstand zerschlagen. Da unterstand die Staatspolizei der Hansestadt schon längst Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich.

Razzien gegen Bettler, Juden und Sinti und Roma

Ebenfalls im Herbst 1933 hatte die gleichgeschaltete Hamburger Kriminalpolizei 1.400 Bettler in "Schutzhaft" genommen und 108 von ihnen dauerhaft in das Arbeitslager Farmsen eingewiesen.

1938 tat sich die Hamburger Kripo bei einer deutschlandweit angeordneten Razzia gegen "Gemeingefährliche und Asoziale" hervor: Die Beamten in der Hansestadt verhafteten bei der Aktion mindestens 700 Menschen und verschleppten sie in das KZ Sachsenhausen bei Berlin - darunter 60 bis 80 Männer aus dem Nachtasyl "Pik As", sowie Sinti und Roma. Außerdem wurden 1.000 polnische Jüdinnen und Juden mit der Reichsbahn von Hamburg-Altona ins polnische Grenzgebiet abgeschoben.

Der Hannoversche Bahnhof um 1941.

Am 20. Mai 1940 beginnt das NS-Regime am Hannoverschen Bahnhof in Hamburg mit systematischen Deportationen. Nur wenige Verschleppte überleben.

Beteiligung an Massenmorden in der Sowjetunion und Polen

Während des Zweiten Weltkriegs half auch die Hamburger Kriminalpolizei dabei, geflohene KZ-Gefangene und Zwangsarbeiter wieder aufzugreifen. Kriminalbeamte wurden außerdem zu Auslandseinsätzen rekrutiert und waren teilweise an Massenmorden an der Zivilbevölkerung in der Sowjetunion und Polen beteiligt.

Die Historiker stießen auch auf erschütternde, bisher unbekannte Einzelschicksale, wie das des Altonaer Betriebsschlossers Erich de Giske, der wegen seiner Arbeit in einem Rüstungsbetrieb vom Kriegsdienst befreit war. Weil er wegen eines Liebesverhältnisses von einem Frankreich-Urlaub nicht rechtzeitig heimkehrte, wurde er von der Polizei im Juli 1944 verhaftet und kurze Zeit später im KZ Neuengamme hingerichtet.

"Kommando zur besonderen Verwendung" war gefürchtet

Neben Gestapo und Kriminalpolizei waren in der Hansestadt aber auch die uniformierten Beamten maßgeblich an den Gräueltaten der Nationalsozialisten beteiligt. So wurden aus den Reihen der Ordnungspolizei besonders skrupellose Mitarbeiter für das berüchtigte "Kommando zur besonderen Verwendung" (K.z.b.V.) rekrutiert. Das Kommando führte Razzien ganzer Straßenzüge durch und war wegen seiner schweren Misshandlungen gefürchtet, mit denen es "Geständnisse" erpresste.

Deportation von Jüdinnen und Juden am 24. Oktober 1941 am Logenhaus in Hamburg
Am Logenhaus in Hamburg wurden am 24. Oktober 1941 Juden deportiert.

Darüber hinaus beteiligten sich Hamburger Ordnungspolizisten nach der Errichtung des KZ Wittmoor an dem Betrieb der menschenverachtenden Konzentrationslager. Sie begleiteten Häftlingstransporte, fahndeten nach entflohenen Gefangenen und bewachten KZ-Häftlinge, die in der Hamburger Innenstadt zur Trümmerbeseitigung eingesetzt wurden. Uniformierte Polizisten führten zum Teil auch die Transporte von Juden, Sinti und Roma in Vernichtungslager durch. Ab Ende 1944 stellten sie außerdem die Wachmannschaften des KZ Neuengamme.

Zehntausende Erschießungen im Ausland

Die Hamburger Ordnungspolizei war auch mit einigen Bataillonen im Kriegseinsatz. So sollen die rund 500 Beamten des Bataillons 101 für 38.000 Erschießungen sowie für die Deportation von 45.200 Männern und Frauen verantwortlich sein. Die Zusammenarbeit zwischen Kripo und Ordnungspolizei mit der Gestapo seien in Hamburg eng verflochten gewesen, sagt der Historiker Diercks. "Durch das Zusammenwirken der Stellen entstand für die Bürger der Eindruck, die Gestapo sei allgegenwärtig, obwohl sie in Hamburg nur ein paar Hundert Leute umfasste."

Stadthaus ist zerstört - Terror geht trotzdem weiter

Blick auf das Stadthaus, das ehemalige Hamburger Polizeipräsidium.
Das Stadthaus in Hamburg, hier befand sich das ehemalige Polizeipräsidium.

Zusammen liefen die Fäden des polizeilichen Nazi-Terrors im Stadthaus, das bei einem Luftangriff der Alliierten, der "Operation Gomorrha" im Juli 1943, schwer beschädigt wurde und für die Beamten kaum noch zu nutzen war. Mit der teilweisen Zerstörung des Stadthauses war der NS-Terror in der Hansestadt aber noch längst nicht beendet. Ab August 1944 operierten etwa 260 Männer und Frauen von der Hamburger Staatspolizeileitstelle im Ziviljustizgebäude an Glacischaussee 20 sowie in den weiteren Dienststellen Johannisbollwerk 19 und Carolinenstraße 35 aus. In der Rothenbaumchaussee 38 war das "Judenreferat" untergebracht, das für Verfolgung der jüdischen Bevölkerung zuständig war. Insgesamt gab es in Hamburg 8.877 jüdische Opfer des Nationalsozialismus. Das geht der Patiotischen Gesellschaft von 1765 zufolge aus einem Gedenkbuch hervor. Darüber hinaus gingen die Beamten von hier aus auch gegen Kirchen und pazifistische Initiativen vor.

Zudem agierte die Staatspolizei in den Außendienststellen in Bergedorf und Harburg. Außerdem waren zahlreiche weitere Personen bei der Gestapo beschäftigt, darunter das Bewachungspersonal im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel und im "Arbeitserziehungslager Wilhelmsburg". Alle Polizeibereiche kümmerten sich im "Ausländerreferat" um die über 400.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus unter anderem Polen und Italien, die in mehr als 1.300 Lagern im Stadtgebiet und Umland untergebracht waren. Sie wurden in der industriellen und landwirtschaftlichen Produktion eingesetzt.

Das Stadthaus heißt heute die "Stadthöfe"

Ein Schild weist auf die Rolle des Stadthauses in Hamburg während der Nazi-Zeit hin.
Das Schild weist auf die Rolle des Stadthauses in Hamburg während der Nazi-Zeit hin.

Nach Kriegsende dienten Teile des Stadthauses an der Stadthausbrücke/Neuer Wall als Sitz für Hamburger Behörden. Bis 2013 war hier die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt untergebracht. Seit 1981 erinnert eine Gedenktafel im Eingangsbereich des Gebäudes Stadthausbrücke 8 an die Nutzung des Gebäudes durch die Gestapo. Seit der Privatisierung firmiert der denkmalgeschützte Komplex um das Stadthaus unter dem Namen "Stadthöfe".

"Zentrale des Terrors" wurde zum Ort der Erinnerungskultur

Schautafeln informieren in den Stadthöfen über die Geschichte des Gebäudekomplexes.
Schautafeln informieren in den Stadthöfen in Hamburg über die Geschichte des Gebäudekomplexes, explizit die NS-Zeit.

Seit Januar 2020 erinnert die Dauerstellung "Das Stadthaus im Nationalsozialismus. Eine Zentrale des Terrors" in den Stadthöfen an eines der dunkelsten Kapitel in der Hamburger Polizeigeschichte. Außerdem informiert eine Ausstellung auf dem Arkadengang über dem Bleichenfleet über die Geschichte des Gebäudekomplexes der heutigen Stadthöfe, der Fokus liegt dabei auf der NS-Zeit. Zudem ist der "Seufzergang" über dem Bleichenfleet der Allgemeinheit zugänglich. Dieser Gang wurde damals dazu genutzt, Gefangene aus den Arrestzellen zu den Vernehmungszimmern zu bringen - abgeschirmt von der Öffentlichkeit.

Deportation von Jüdinnen und Juden am 24. Oktober 1941 am Logenhaus in Hamburg

Am 25. Oktober 1941 wurden rund 1.000 Juden ins Ghetto Lodz deportiert - auch Verwandte des Hamburgers Andreas Wittenberg. Kürzlich tauchten Fotos von damals auf.

Kundgebung auf dem Adolf-Hitler-Platz in Hamburg anlässlich des Inkrafttreten des Groß-Hamburg-Gesetzes 1937

Am 1. April 1937 vereinigen die NS-Machthaber Altona, Wandsbek und Harburg mit Hamburg. Hitler will eine starke Industrie- und Wirtschaftsmetropole.

Die Widerstandskämpfer Robert Abshagen (von links), Karl Köppe, Hein Brettschneider und Hans Christoffers

Hunderte Arbeiter in Hamburg sabotieren während des Zweiten Weltkriegs das Nazi-Regime - darunter die Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe.

Eine Hinweistafel auf das "Chinesenviertel" von St. Pauli an der Ecke Schmuckstraße/Talstraße.

Bei der "Chinesenaktion" werden am 13. Mai 1944 die verbliebenen 129 Bewohner im Hamburger Chinatown verhaftet. 17 von ihnen sterben in Arbeitslagern.

In Groß Borstel werden 30 Stolpersteine im Gedenken an Säuglinge von Zwangsarbeiterinnen aus dem Lager "Sportstraße" verlegt.

Mehr als 400 Zwangsarbeiterinnen mussten bis zu zwölf Stunden am Tag arbeiten und durften sich nicht um ihre Säuglinge kümmern.

Eine Gedenktafel an einer Wand mit dem Text: "In Erinnerung an die Menschen die aufgrund ihrer homosexuellen Identität im Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden".

Zwischen 1933 und 1945 verfolgten Nationalsozialisten homosexuell lebende Männer - auch in Lübeck. In mühsamer Archivarbeit hat Christian Rathmer ihre Geschichten recherchiert.

Menschenansammlung bei einer Versteigerung jüdischer Umzugsgüter in Lörrach Anfang der 40er-Jahre.

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Davidstern an der Jüdischen Gedenkstätte, Konzentrationslager Dachau

Mehr als sechs Millionen Juden wurden während der NS-Zeit ermordet. Daran erinnert jedes Jahr am 27. Januar ein Gedenktag.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen/Hamburg Journal | 03.02.2026 | 19:30 Uhr, Online-Beitrag zuerst veröffentlicht am 04.02.2026 | 08:45 Uhr

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