Eggesin: Das Ende einer großen Garnisonsstadt der NVA
Eggesins Geschichte als Militärstandort begann in den 1930er-Jahren mit dem Bau einer Munitionsfabrik. Später war die jüngste Stadt Mecklenburg-Vorpommerns ein wichtiger NVA-Stützpunkt, mit der größten Kasernenanlage der DDR.
Zwischen Blaubeerbüschen und Armee: Detlef Ertelt zeigt seiner Enkelin Lina die Orte seiner Kindheit in Eggesin. "Hier ist dein Opa mit zwölf Jahren umhergestöbert…, wir sind auf die alte Munitionsfabrik gestoßen. Wir sind als Bengel hinunter in den Bunker geklettert, ausgerüstet mit Taschenlampen. Das war Nervenkitzel pur."
Eggesins Militärgeschichte beginnt mit Munitionsfabrik
Die Munitionsfabrik aus dem Zweiten Weltkrieg war der Anfang von Eggesins militärischer Geschichte. Dort wo früher die Arbeiter wohnten, baute die Volkspolizei dann die ersten Kasernen und neue Wohnhäuser. "Es ist schon ein komisches Gefühl. Eigentlich ist es so fern und doch so nah. Das erwartet man nicht", beschreibt Lina Höpfner ihre Begegnung mit der Geschichte.
Eine der jüngsten Städte im Land ist Eggesin, Durchschnittsalter 28 Jahre, reich an Kindern, wohlbekannt ist diese Stadt als Garnisonsstadt. Angehörige der NVA prägen das Leben hier maßgeblich mit. aus "Aktuelle Kamera", 14. April 1989
In Eggesin war die Vorzeigedivision der DDR stationiert
"Jede Kompanie hatte einen eigenen Block. Unten war die Waffenkammer, oben waren die Stuben", erläutert Detlef Ertelt. In der Kaserne Karpin waren zu Spitzenzeiten der Nationalen Volksarmee (NVA) unter anderem Artillerie- und Raketeneinheiten der 9. Panzerdivision stationiert, die Vorzeigedivision der DDR. Als kleiner Junge durfte Detlef Ertelt seinen Vater in der Kaserne besuchen. "Da durfte ich mit in den Panzer klettern. Unser Lebensmittelpunkt war die Armee. Wenn Alarm war, ging es los, ob nachts oder auch tagsüber. Zwei Stunden später fuhren die Panzer durch Eggesin, vorbei an der Haustür. Und dann habe ich auf die Nummer geguckt und wusste, da sitzt der Papa drin", erzählt Detlef Ertelt. "In Eggesin hing alles mit der Armee zusammen, es war eine Riesenfamilie - und jeder kannte jeden", so Ertelt. Er selbst wollte auf keinen Fall zur Armee, machte Abitur, diente drei Jahre und wurde Metallschlosser. Viele Jahre seines Lebens reparierte er Panzer und war damit auch ganz dicht dran an Eggesins Militärgeschichte.
"Durch die Armee sind viele Leute hierhergezogen"
Zur selben Zeit wuchs Bianka Schwibbe hier auf, lernte Betriebswirtschaft. Sie ist heute Bürgermeisterin der kleinen Stadt Eggesin: "Für mich war es ganz normal, dass die Panzer durch die Straßen fuhren. Durch die Armee sind viele Leute hierher gezogen, die Eggesin sind zu dem gemacht haben, was es heute ist. 1966 hat der Ort Stadtrecht bekommen, weil dann schon so viele Einwohner hier waren. Bis zur Wende lebten hier 10.000 Einwohner, rund 8.000 Soldaten waren hier stationiert. Neue Wohngebiete sind entstanden."
Sandmeer, Waldmeer, nichts mehr
Doch nicht alle kamen freiwillig. So wie Reinhard Höhn, er wollte Unteroffizier werden: "Ich komme aus Fürstenwalde, und es hieß, wenn du nach Eggesin kommst, hast du verloren." Unter Wehrpflichtigen war die strukturschwache, waldreiche Region als "Land der drei Meere" verschrien: Sandmeer, Waldmeer, nichts mehr. "Da wollte keiner hin. Nein, niemals nach Eggesin. Aber wo bin ich gelandet? Hier in Eggesin", erläutert Reinhard Höhn.
Das Ende der Garnisonsstadt kommt nach der Wende
Nach der Wiedervereinigung folgte im Zuge der Bundeswehrreform im Jahr 2001 der Beginn des Abbaus des Standorts in Eggesin. Bis 2005 verlor die ehemals große Garnisonsstadt fast all ihre aktiven Bataillons. "Für die Arbeitskräfte hier in Eggesin war es schrecklich, und auch die Geschäfte haben darunter gelitten", so Reinhard Höhn. 2015 wurde die Kaserne endgültig geschlossen.
In der Folge zogen rund 3.000 Leute in den vergangenen Jahren fort. Und der Wegzug hielt an. Ein Viertel der Dagebliebenen hat keine Arbeit. Ihre Stadt ist beinahe pleite. Das war ein sehr großer Einschnitt für Eggesin. "Die Leute haben auch demonstriert. Weil sie uns tatsächlich mit vielen Schulden haben sitzen lassen. Wir haben ja die Wohnungen gebaut mit Krediten und mussten sie dann abreißen. Es war ein Niedergang der Stadt", beschreibt Bianka Schwibbe die schwierige Situation.
Eggesin im Hinterland ist kein Tourismus-Magnet
Auf den Brachen in Eggesin sind Eigenheime entstanden, aber noch ist viel Platz. Nach dem Bundeswehr-Abzug beginnt für die Stadt die größte Herausforderung: das Überleben. Fast jeden hier betrifft es direkt. Auch Detlef Ertelt: "Aus der Not geboren bin ich Flößer geworden." Eggesin an der Randow gelegen, hat eine Floß-Tradition. Und hier knüpft Ertelt an: 2006 macht er sich mit seiner Frau selbstständig. Eggesin versucht durch sanften Tourismus attraktiv zu werden. Im Hinterland ist das gar nicht so leicht. Detlef Ertelt ist nicht sehr optimistisch: "Es wird stagnieren. Dass große Investoren zu uns in die Region kommen, glaub ich nicht. Wir wollen hoffen, dass das, was da ist, bleibt."
Den Zeltplatz am Stadthafen führen die Töchter weiter. Enkelin Lina hat gerade Abitur gemacht, und ein Praktikum an der Grundschule in Eggesin absolviert. Sie wird in Lübeck studieren. "Die meisten gehen auf jeden Fall erst mal weg. Nach Rostock zum Beispiel. Ich glaub das sind ähnliche Gründe wie bei mir, weil es hier keine Möglichkeiten zum Studieren gibt und zu wenig los ist. Man möchte ja erst mal richtig ins Leben starten, etwas erleben und das geht hier nicht", erzählt Lina Höpfner.
Eggesins Einwohnerzahl hat sich mehr als halbiert
Was ist Eggesin geblieben? Zum Beispiel das ehemalige Sportcenter für Bundeswehrsoldaten. Es stand vor dem Aus, doch zwei junge Frauen haben es 2013 von der Stadt gekauft und ein Freizeitzentrum daraus gemacht: "Wir sind ganz stolz auf die beiden Frauen, die sind richtige Powerfrauen", so Bianka Schwibbe.
Reinhard Höhn war 37 Jahre Berufssoldat, nach der Schließung in Eggesin war er in Neubrandenburg stationiert. Jetzt, als Rentner, kümmert er sich um Eggesins Geschichte, als Chronist des Ortes: "Ich wollte immer weg, kam aber nicht weg. Und dann habe ich gesagt, dann bleibst du halt hier. Ich sehe das mit Freude, wie sich Eggesin auch positiv gestaltet - die Menschen, die sind hier noch Menschen."
Von den einstmals 10.000 Einwohnern sind weniger als die Hälfte geblieben. Heute leben rund 4.700 Menschen in Eggesin - der jüngsten Stadt in Mecklenburg-Vorpommern.