Kaiserliches Geheimnis um das Hamburger Sielhäuschen von 1904
Für den technikbegeisterten Kaiser Wilhelm II. wurde 1904 ein eigenes Zugangshäuschen zu den Sielanlagen am Hamburger Hafen gebaut. Sogar ein extra Ankleidezimmer gab es. Das lag aber lange Jahre im Verborgenen.
Ein Schatz im Hamburger Hafen: Die Menschen gehen an ihm einfach vorbei. Die Rede ist von dem kleinen Sielhaus unter dem Hochbahn-Viadukt direkt am Hafen an der Straße Vorsetzen. "Die wenigstens Leute kennen dieses Häuschen und selbst, wenn sie es sehen, sind sie der Annahme, dass es ein japanisches Häuschen ist. Weil es diesen Anschein hat - ist aber Jugendstil. Und wenn man denen erklärt, dass das ein Zugang zu der Sielanlage ist, sind sie natürlich sehr überrascht", berichtet Hans-Joachim Hoch in der Sendung Rund um den Michel 2024. Hoch ist Experte für die Siele von Hamburg Wasser. Die Siele nehmen das Tages- und Verbrauchswasser auf - einschließlich sämtlicher häuslicher Abflüsse und Ausscheidungen.
"Noch ein gewisses Flair"
Das verschörkelt gebaute historisches Gebäude steht unter Denkmalschutz. Direkt neben ihm steht eine Statue von William Lindley, ein britischer Ingenieur und Stadtplaner, der lange in Hamburg gewirkt hat. Auf ihn gehen unter anderem das Trinkwasser-, das Abwasser- und das Gasleitungssystem der Stadt zurück. Das Häuschen ist ein Einstieg in die "Unterwasserwelt", in die Welt der Siele. "Ich bin ein Freund der alten Sielanlagen, weil die eben noch ein gewisses Flair haben. Sie sind gemauert. Das ist mit Händekraft, die waren mit 30 Leuten dabei, die so ein Siel gemauert haben", erklärt Hoch.
Das Sielhäuschen wurde gebaut, damit der technikbegeisterte Kaiser Wilhelm II. einen standesgemäßen Zugang nutzen konnte. Er wollte die Sielanlagen unbedingt besichtigen und eine unterirdische Bootstour machen - vom Kuhmühlensiel bis zur Hafenstraße. Dafür wollte ihn niemand durch einen Gullischacht einsteigen lassen. Ob die Tour 1904 wirklich stattfand, ist nicht belegt. Möglicherweise wurde der Termin kurzfristig abgesagt.
Geheimes Zimmer für Kaiser Wilhelm II. entdeckt
Über das Häuschen geht es aber nicht nur in die Kanalisation. Eines der größten Geheimnisse der Hansestadt lag hier lange im Verborgenen. Vor einigen Jahren wurde ein zugemauertes geheimes Umkleidezimmer für Kaiser Wilhelm II. entdeckt. Dort konnte er sich für die angekündigte Bootsfahrt entsprechend umziehen. Fast 30 Jahre ist Hans-Joachim Hoch selbst daran vorbeigelaufen. Bei Bauarbeiten kam es 2012 zufällig zum Vorschein. In einem Raum stand Hoch vor einer gemauerten Wand. "Ich kam hier runter und bin erstmal so ein bisschen hin und her und habe unten mit den Schuhen versucht, den Schlick wegzumachen. Und sah dieses Muster dieser Fliesen und wusste sofort - das ist meins! Weil, wenn man weiter rausguckt, sieht man das gleiche Muster. Hier im Vorgang, in der Bootskammer ist das gleiche Muster zu sehen."
Hamburg Wasser ließ den Raum daraufhin sorgfältig restaurieren. Auch der über das Häuschen erreichbare Bootsanleger wurde dem Unternehmen zufolge im historischen Zustand erhalten. Warum der knapp sechs Quadratmeter große, schlauchartige und mit glasierten Fliesen ausgestattete Raum irgendwann zugemauert wurde, ist nicht bekannt.
Hohe Herrschaften bereits 1877 im Siel
Kaiser Wilhelm II. war bereits ein paar Jahre zuvor in der Hamburger Unterwelt gewesen. Damals war er noch Prinz Wilhelm. Er war am 21. April 1877 an der Seite seines Vater, dem späteren "99-Tage-Kaiser" Friedrich III. - damals noch Kronprinz. Sie machten tatsächlich eine Bootsfahrt durch das Geeststammsiel. In der Zeitschrift "Die Gartenlaube" heißt es 1877 unter dem Titel "Der deutsche Kronprinz auf unterirdischer Fahrt": Oberingenieur Meyer führte sie "durch einen gewölbten unterirdischen Gang in die etwa zehn Meter unter der Straßenoberfläche belegene Spülkammer des Sieles, an deren Wänden, durch Gasbeleuchtung erhellt, die hauptsächlichen Zeichnungen und Modelle des Sielsystems ausgehängt waren". Der Kronprinz ließ sich auch Herkunft und Bedeutung des Wortes "Siel" erklären, "welches im Allgemeinen in Deutschland nicht für derartige Anlagen gebraucht werde", schreibt Autor Wilhelm Schröder in dem Heft.
Auch damals achtete man darauf, dass die hohen Herrschaften sich nicht schmutzig machten: "Es waren hier zum Schutze gegen die Erdfeuchtigkeit, welche stellenweise durch die porösen Steingewölbe in das Siel hinabtröpfelte, leichte graue Mäntel bereit gehalten, als Kopfbedeckungen sogenannte Südwester und leinene Capuzen", so der Bericht. Über das Ende der etwa 3,5 Kilometer langen Fahrt heißt es: "Die Gesellschaft entledigte sich ihrer Umhüllung, wobei der Kronprinz seine Verwunderung darüber zu erkennen gab, hier denselben Garderobier vorzufinden, der ihn an der Lombardsbrücke beim Einsteigen bedient hatte, und der nach einer stürmischen Droschkenfahrt (wie der Swinegel von Buxtehude) sagen konnte: 'Ick bün all hier!'"
Zugang nur zu besonderen Anlässen
Das 1904 gebaute Umkleidezimmer am Hafen sollen auch Nichtadlige genutzt haben. Und Kaiser Wilhelm II. besuchte Hamburg danach auch noch mehrmals. "Dass man extra für ihn dieses Haus hat herstellen lassen und diesen Raum, damit er sich ohne die Bürger, die ihm dabei zugesehen hätten, umziehen konnte, das war für mich eine spannende Angelegenheit", sagt Experte Hoch 2024.
Heute interessieren sich viele Besucher und Besucherinnen des Hafens für das kleine Sielhäuschen in der Neustadt. Besichtigt werden kann es aber nur zu besonderen Anlässen.