Blick vom Leitstand auf das Eidersperrwerk kurz vor der Eröffnung im Jahr 1973 (historische Aufnahme).

Eidersperrwerk: Das Bauwerk zähmt die wilde Nordsee

Stand: 15.06.2026 05:00 Uhr

Das riesige Bauwerk bei Tönning, das 1973 eingeweiht wird, beendet die stete Bedrohung durch Sturmfluten im Hinterland der Eider. Doch es verändert auch die Landschaft - und das Salzwasser nagt am Sperrwerk. Eine Doku beleuchtet die Hintergründe.

von Irene Altenmüller

Im Februar 1962 führt eine verheerende Sturmflut den Norddeutschen vor Augen, dass sie den Nordseefluten schlimmstenfalls weitgehend schutzlos ausgeliefert sind - auch noch im 20. Jahrhundert. Zahlreiche Deiche brechen. Allein in Hamburg sterben mehr als 300 Menschen. Auch große Teile von Dithmarschen, Eiderstedt und Tönning in Schleswig-Holstein werden überschwemmt. Denn das Hinterland der Eider ist seit jeher ein besonderer Schwachpunkt: Der Fluss ist der Tide ausgesetzt - und damit auch den Nordseefluten.

Die Eider: Einfallstor des Meeresriesen Aegyr

Das Eidersperrwerk und das Hinterland aus der Luft.
Durch das Sperrwerk wurde das Mündungsgebiet der Eider zur Nordsee hin verriegelt.

Seit Menschengedenken sind die Menschen im Einzugsbereich der Eider besonders gefährdet. Bereits der Name des Flusses Eider weist darauf hin: Er leitet sich ab von "Aegyr Dör", dem Tor des Aegyr, einem schrecklichen Meeresriesen der nordischen Mythologie. Wenn Sturm und Hochwasser die Fluten in die Eider-Mündung drücken, drängen die Wassermassen landeinwärts. Über die Eider-Zuflüsse Treene und Sorge gelangt das Wasser bis weit ins Landesinnere und überschwemmt die Niederungen. Da weite Teile der Flussmarschen unter dem Meeresspiegel liegen, fließt es dort nur langsam wieder ab.

Generalplan Küstenschutz: Bollwerk an der Eider-Mündung

Nach dem Schock von 1962 will man die Naturgewalten endgültig bändigen. Der "Generalplan Küstenschutz" sieht zahlreiche Maßnahmen vor. Sein wichtigstes und größtes Vorhaben ist das Eidersperrwerk nahe Tönning. Statt die Deiche entlang beider Flussufer zu erhöhen, entscheidet man sich für den Bau eines riesigen Bollwerkes im Mündungstrichter. Bis auf einen kleinen Spalt will man das Einfallstor des Meeresriesen schließen. Damit wird die Deichlinie von insgesamt 60 Kilometer im Eidergebiet auf nur rund fünf Kilometer verkürzt.

Das festlich geschmückte Tönninger Packhaus leuchtet hell in der Nacht.

Das Speichergebäude im Hafen von Tönning stammt von 1783. Zur Adventszeit werden 24 Luken der 77,5 Meter langen Fassade als "Türchen" genutzt.

Chirurg Friedrich von Esmarch bei einer Operation (Zeichnung, spätes 19. Jahrhundert)

Der Chirurg Friedrich von Esmarch erfand das Dreiecktuch und den Eisbeutel. Der Mediziner aus Tönning starb am 23. Februar 1908 in Kiel.

Eröffnung 1973: "Der Schimmelreiter wird arbeitslos"

Blick auf das Eidersperrwerk an der Nordsee bei Tönning.
Das Sperrwerk hat eine Länge von 250 Metern. Durch fünf Durchlässe kann das Wasser kontrolliert durchlaufen.

Am 29. März 1967 erfolgt der erste Spatenstich zu einem der größten Küstenschutzbauwerke Europas. 45.000 Kubikmeter Beton, 6.000 Tonnen Stahl sowie 95.000 Tonnen Felsbruchsteine werden verbaut. Es entsteht ein insgesamt fünf Kilometer langer Damm mit einem rund 250 Meter breiten Sperrwerk in der Mitte. Nur sechs Jahre später ist das Bauwerk fertig. Der große Vorteil war, dass es keine Umweltauflagen gab - großer Art", sagt Hans-Gerhard Knieß, ehemaliger Betriebsleiter des Eidersperrwerks, dem Schleswig-Holstein Magazin 2024. "Alle, die beteiligt waren, haben gesagt: 'Macht es fertig, schnellstmöglich muss es fertig sein, damit wir die Hochwasser-Katastrophe von 1962 nicht wieder erleben hier.'"

Am 20. März 1973 eröffnet der damalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg (CDU) die 170 Millionen D-Mark teure Anlage. "Der Schimmelreiter wird arbeitslos", titelt dazu die Wochenzeitung "Die Zeit": Der Sage nach zeigt sich der Schimmelreiter, den Theodor Storm in seiner berühmten Novelle verewigte, stets nur dann, wenn am Deich Gefahr droht.

Schutz, Entwässerung und Schiffsverkehr

Ein geschlossenes Sieltor hält das Wasser der Flut ab.
Ein Sieltor in Betrieb. Es schließt sich, wenn das Wasser der Nordsee höher steigt als der Wasserstand in der Eider.

Das Bauwerk hat nicht nur die Aufgabe, das Binnenland vor der Nordsee zu schützen. Die Flüsse müssen weiter abfließen können, um das Hinterland zu entwässern. Auch der Schiffsverkehr ins Binnenland muss möglich bleiben. Technisch gesehen besteht das Eidersperrwerk daher aus mehreren Einzelbauwerken. Am auffälligsten ist das Sielbauwerk mit seinen fünf jeweils 40 Meter breiten Durchlässen. Sie sorgen für einen geregelten Wasserdurchlauf zwischen Binnenhafen und Nordsee. Zwei separate Reihen mit jeweils fünf Toren von je 250 Tonnen Gewicht lassen sich jederzeit schließen, um das Hinterland vor Fluten zu schützen. Die Ausführung mit Doppeltoren soll dabei besonders viel Sicherheit bieten für den Fall, dass ein Tor ausfällt.

Zwischen den Toren führt ein 236 Meter langen Straßentunnel hindurch, der die Regionen Dithmarschen und Eiderstedt miteinander verbindet. Über dem Tunnel befindet sich ein bei Touristen beliebter Fußweg. Dieser bietet eine gute Aussicht auf die Westküste und die Eider.

Schleuse ermöglicht Durchfahrt von und nach Tönning

Um den Schiffen die Durchfahrt zu ermöglichen, besitzt das Eidersperrwerk zudem eine Schleuse. Durch sie können Kutter, Ausflugsschiffe und Privatboote von oder nach Tönning passieren. Zur Schleuse gehört eine Klappbrücke, über die der Straßenverkehr läuft. An das Sielbauwerk schließt sich der Eiderdamm als weiteres Bauwerk an.

Wattflächen und Salzwiesen gehen verloren

Der Bau des gigantischen Sperrwerks bleibt nicht ohne Auswirkungen auf den Naturraum der Küstenregion. Durch die veränderten Strömungsverhältnisse gräbt das Wasser direkt vor dem Damm und der Schleuse ein etwa 30 Meter tiefes Loch. Es muss in den 1980er-Jahren mit 20.000 Sandsäcken zugeschüttet werden. Auch landeinwärts ist der Eingriff gravierend: Etwa 1.200 Hektar Wattflächen und Salzwiesen im Mündungsgebiet der Eider sind verloren, ein Teil der trockengelegten Flächen wird der Landwirtschaft überstellt.

Katinger Watt: Ein "künstlicher" Naturraum

Katinger Watt im Abendlicht.
Das Katinger Watt ist heute ein Naturraum mit Gräben, Teichen, Grünflächen und Bäumen.

Auf dem Rest soll sich ein naturnaher Erholungsraum entwickeln. Dazu macht man eine Umfrage unter Feriengästen - und die wünschen sich einen Wald. Und so entsteht auf rund 350 Hektar ehemaliger Wattfläche ein Wald - und damit ein Naturraum, der in der Marsch natürlicherweise nicht vorkommt. Heute besteht das Katinger Watt neben dem Wald aus einem Flickenteppich von Teichen, Gräben, Weide- und Ackerflächen. Vögel und Pflanzen haben den ungewöhnlichen Naturraum längst erobert. Ende 1980er-Jahre wird zudem auf der gegenüberliegenden Flussseite das Dithmarscher Eiderwatt angelegt, um den Verlust an Watt und Salzwiesen auszugleichen.

Salzwasser setzt dem Eidersperrwerk zu

Aussichtsplattform und Fußweg auf dem Eidersperrwerk bei Tönning.
Die beeindruckende Technik und der einmalige Panoramablick haben das Sperrwerk zu einem touristischen Anziehungspunkt gemacht.

Für den Küstenschutz ist das Eidersperrwerk ein voller Erfolg. Vor Dutzenden teils schweren Sturmfluten hat es das Hinterland geschützt - auch vor der bislang höchsten gemessenen Sturmflut im Jahr 1976. Ohne das riesige Bollwerk könnte sich das Wasser bei schweren Sturmfluten schlimmstenfalls bis nach Rendsburg drücken. Bei Niedrigwasser kann das Wasser weiterhin problemlos in die Nordsee abfließen. Doch es gibt auch Probleme: Bei seiner Planung in den 1960er-Jahren wird das Bauwerk - wie im Wasserbau üblich - auf 80 Jahre hin angelegt. Doch schon deutlich früher muss saniert werden. Das Salzwasser setzt dem Bauwerk unerwartet heftig zu, Sturmfluten drücken auf die Sieltore, führen zu Rissen im Beton und lassen Stahlteile korrodieren. Über die Jahre werden immer wieder Reparaturen notwendig.

Sanierungsfall Sperrwerk: Asbest und Korrosion

Auch in den kommenden Jahren stehen Sanierungsmaßnahmen an: Alle zehn Sieltore müssen erneuert werden, weil sie rosten. Zusätzlich müssen hochgiftige, asbesthaltige Lackschichten von den Toren entfernt werden - eine knifflige Arbeit, bei der die Arbeiter spezielle Sicherheitskleidung tragen müssen. Nach jedem Einsatz müssen sie verschiedene Sicherheitsschleusen zur Reinigung durchlaufen. Die giftige Flüssigkeit muss von der Baustelle abgepumpt, in Fässer verstaut und anschließend als Sondermüll entsorgt werden. Bis jedes der 40 Meter langen und sechs Meter hohen Sieltore saniert ist, wird es mehrere Jahre dauern. Denn die Arbeiten können nicht zu jeder Zeit stattfinden. In der Sturmflutsaison werden nämlich alle Tore benötigt, um den Schutz vor der Nordsee gewährleisten zu können.

Eidersperrwerk: Kein Bauwerk für die Ewigkeit

Jährlich muss das Land Millionen aufwenden, um die Abnutzungsschäden des in Jahre gekommenen Eidersperrwerks zu beheben. Allein für die aktuellen Arbeiten am "Eiderdamm Nord" - die Verstärkung des Schutzdeiches" - und für die Modernisierung des Stromnetzes veranschlagt das Land 1,1 Millionen Euro. Im Herbst 2026 soll die Sanierung abgeschlossen sein. Ein Neubau scheint allerdings langfristig unausweichlich zu sein.

Luftbild: Blick auf eine Flusslandschaft

Das Eidersperrwerk bei Tönning in Schleswig-Holstein

Die Westküste Schleswig-Holsteins von oben.

Dithmarschen, das Land zwischen Eider und Elbe, ist ebenso wie die Halligen im Meer vom Einfluss der Nordseegezeiten geprägt.

Deichschau nach der Sturmflut 1962

Seit der Sturmflut 1962 wurden Schleswig-Holsteins Deiche kontinuierlich verstärkt. Am 20. Dezember 1963 wurde ein Küstenschutzplan aufgestellt.

Zwei Männer in oranger Arbeitskleidung arbeiten an einem Bodenbelag auf einem Deich, hinter der Absperrung stehen Strandkörbe.

Zwei Jahre kein Badestrand, kaum Touristen: Zwangspause für einen ganzen Ort. Nach dem Bau beginnt nun wieder die Urlaubssaison.

Die Eiderbrücke bei Tönning

Die Klapptechnik muss erneuert werden. 12.000 Fahrzeuge müssen dann täglich den Umweg nehmen. Das ist für viele nicht hinnehmbar.

Hans-Christoph Seebohm, BMV/CDU, und Ernst Engelbrecht-Greve, Landwirtschaftsminister SLH, unterzeichnen den Vertrag über das Bauvorhaben vom Eiderstauwerk und der Westküsten-Bäderstraße, 03.08.1965.

Nach langjähriger Verhandlung zwischen dem Bund und Schleswig-Holstein ist nun der Weg für Bau des Eidersperrwerkes bei Tönning frei. Reporter Hartmut Schlottke skizziert die Bedeutung.

Karte der Küstenlinie von Dithmarschen und Nordfriesland mit geplantem Eidersperrwerk (1965)

Zur Regulierung der Eider und späteren Baues des Eiderdammes werden Bohrinseln eingesetzt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen/Schleswig-Holstein Magazin | 21.07.2024 | 19:30 Uhr, Online-Beitrag zuerst veröffentlicht am 21.07.2024 | 21:00 Uhr

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