Wo Seeleute sogar ihr Gespartes abgeben

von Marc-Oliver Rehrmann

Stand: 15.06.2016 21:03 Uhr

Für Felix Tolle ist die Sache klar. "Seeleute sind sehr ehrlich, schnörkellos und voller Humor." Der Hamburger muss es wissen. Er hat im Seemannsheim Krayenkamp gegenüber der St. Michaelis-Kirche tagtäglich mit Schiffsköchen, Maschinisten und Stewards zu tun - ob sie nun noch zur See fahren oder längst im Ruhestand sind. Als Zivildienstleistender hat Tolle das Haus kennengelernt, er ging dann zum Studieren fort, um bald darauf zurückzukehren. Seit 2008 leitet er das Heim gemeinsam mit einer Geschäftsführerin. "Eigentlich hatte ich nach dem Zivildienst mit dem Seemannsheim schon abgeschlossen. Aber als das Angebot kam, konnte ich es einfach nicht ablehnen." Am Mittwoch stand nun ein besonderes Jubiläum an: Die Deutsche Seemannsmission in Hamburg als Trägerverein des Hauses feierte ihr 125-jähriges Jubiläum.

Wie alles anfing

Es ist ein Seemannspastor, der das Leid der Hamburger Seeleute im späten 19. Jahrhundert nicht mehr tatenlos mit ansehen mag: Julius Jungclaußen bringt aus England die Idee mit, ein "Hülfskomitee" für Seeleute zu gründen. Denn die Zeiten für die Männer im Hamburger Hafen sind hart. Bis zu 5.000 Männer warten am Tag auf eine Heuer. Viele wohnen in überteuerten Unterkünften oder werden von geldgierigen Vermittlern ausgenommen. Pastor Jungclaußen findet, die Seeleute seien "durch die Versuchungen des Hafenlebens stark gefährdet". Er entscheidet sich, für ihr seelisches und leibliches Wohl zu sorgen. Am 15. Juni 1891 begründet er - mit Unterstützung von Reedern, Kaufleuten und Senatsmitgliedern - die erste institutionalisierte Seemannsmission in der Hansestadt.

Erstes Seemannsheim im Jahr 1906

Zunächst mietet Jungclaußen im städtischen Seemannshaus an den Landungsbrücken - heute: Hotel Hafen Hamburg - Räume an, um den Bedürftigen zu helfen. 1906 kann dann der "Verein für deutsche Seemannsmission in Hamburg" erstmals Betten anbieten - in einem Haus im Wolfgangsweg. Die 60 Schlafplätze waren aber auf Dauer zu wenig, und so wurde 1959 das heutige Seemannsheim am Krayenkamp mit 144 Betten eingeweiht. Es sollten nun die goldenen Jahre des Seemannsheims kommen.

Per Telegramm ein Bett reserviert

Die Hochphase in den 70er-Jahren hat Jürgen Ruszkowski hautnah miterlebt. Er war von 1970 bis 1997 Heimleiter - 27 Jahre lang. "In meiner Anfangszeit ging es der deutsche Schifffahrt noch gut", erinnert sich Ruszkowski. Entsprechend gefragt sind die Betten. "Wenn man damals einen Schlafplatz suchte, musste man schon von Bord ein Telegramm schicken." Oft reichten die Betten nicht aus. In der Hausordnung habe gestanden, dass ein Seemann höchstens vier Wochen bleiben dürfe. Damit ein Zimmer nicht zu lange belegt ist. 1979 verbucht das Haus 51.000 Übernachtungen im Jahr, heute liegt die Zahl bei 22.500. Die heutige Schifffahrt sei mit der damaligen nicht zu vergleichen. "Ich habe den totalen Umbruch erlebt - von der deutschen Seefahrt zu einer globalisierten Seefahrt", sagt Ruszkowski. Er habe mitbekommen, wie Zigtausende deutsche Seeleute ihren Job verloren, weil die Reeder lieber auf billigere Arbeiter aus dem fernen Ausland setzten.

Deutsche Seeleute schimpften über die "Bimbos" im Heim

Das machte sich auch im Seemannsheim Krayenkamp bemerkbar. Während sich 1970 fast ausnahmslos Deutsche und Österreicher einquartierten, nimmt Ruszkowski nun auch Seeleute aus fernen Ländern auf. "Viele deutsche Bewohner haben mir das übel genommen", berichtet Ruszkowski. "Für die waren alle Ausländer 'Kanakern' und 'Bimbos'." In den 80er-Jahren seien dann - übers Jahr gesehen - Seeleute aus 60 Nationen zu Gast gewesen: Türken, Filipinos, Indonesier, Spanier, Südamerikaner sowie Afrikaner aus Ghana und Burkina Faso bildeten damals die größten Gruppen im Heim. Die Reeder ließen ihre Seeleute nun mit dem Flugzeug einfliegen.

"Seelsorger und Rausschmeißer in einer Person"

Mitunter ging es im Seemannsheim hoch her. "Diebstahl war an der Tagesordnung und viele kamen mit dem Alkohol nicht klar", erzählt Ruszkowksi im Gespräch mit NDR.de. Er sei Seelsorger und Rausschmeißer in einer Person gewesen. "Einmal hat eine Flasche meinen Kopf nur deshalb verfehlt, weil ich mich gerade noch rechtzeitig wegducken konnte." Der langjährige Heimleiter ist selbst nie zur See gefahren: "Alles, was ich vorweisen kann, ist eine Fahrt als Passagier auf einer Fähre", sagt er schmunzelnd. Mit seiner Familie lebt er die ganze Zeit im Seemannsheim in einer Dienstwohnung. "Das Telefon stand immer neben meinem Bett", verrät Ruszkwoski. Für den Fall, dass etwas Unvorhersehbares geschieht. Weil die Übernachtungszahlen einbrechen, entscheidet er Mitte der 90er-Jahre, das Haus auch für Nicht-Seeleute zu öffnen. Seitdem können auch Hamburg-Touristen und Schulklassen übernachten.

100.000 Mark von Seeleuten im Tresor

Das Seemannsheim am Krayenkamp ist weit mehr als nur ein Haus zum Übernachten. Es ist auch eine "Miniatur-Sparkasse". Die Seeleute können seit Jahrzehnten ihr Geld im Tresor deponieren. "Durchschnittlich hatten wir Einlagen in Höhe von 100.000 Mark", erzählt der frühere Heimleiter Ruszkowksi. Insgesamt seien etwa 34 Millionen Mark durch seine Hände gegangen. Es gab aber auch viele Seeleute, die nicht mit Geld umgehen konnten. "Immer wieder haben Gäste Tausende Mark auf St. Pauli innerhalb kürzester Zeit verballert", weiß Ruszkowski. Und dann hatten sie nichts mehr und endeten als "Stadtstreicher". Auch heute gibt es noch Geldgeschäfte am Krayenkamp: Etliche ausländische Seeleute lassen sich ihre Heuer auf das Konto des Seemannsheims überweisen - einfach weil sie kein Konto bei einer deutschen Bank besitzen. Mitunter schaltet sich das Seemannsheim auch ein, wenn eine Reederei das fällige Gehalt nicht ausbezahlt.

Vier Seemannsmissionen in Hamburg

Das Seemannsheim Kayenkamp ist nicht das einzige in Hamburg. In Altona finden Seeleute eine Bleibe im evangelischen Seemannsheim an der Großen Elbstraße. Die katholische Seemannsmission "Stella Maris" im ehemaligen Freihafen bietet keine Schlafplätze mehr an. Zudem gibt es seit knapp 30 Jahren den internationalen Seemannsclub "Duckdalben" in Waltershof, wo die Seeleute ihre Freizeit abseits des Schiffes verbringen können.

Zwischen Krankenhaus und Wettbüro

Der stellvertretenden Heimleiter Tolle schätzt es sehr, dass es im Seemannsheim familiär zugeht. "Manche kommen ja immer wieder und so kennt man sich seit vielen Jahren", sagt Tolle. Erst kürzlich musste ein Gast eine Blinddarm-Operation überstehen. Für Tolle ist es selbstverständlich, dass er mehrmals im Krankenhaus vorbeischaut. Auch ungewöhnliche Bitten kann er nicht ausschlagen. "Einmal rief mich ein Seemann aus Singapur an, ich müsse unbedingt für ihn einen Tippschein für die Fußball-Champions-League abgeben." So machte sich der Angestellte auf dem Weg, um zum ersten Mal in seinem Leben einen Tippschein auszufüllen. "Das habe ich am Ende auch geschafft, aber die Wette ging leider verloren", erzählt Tolle.

Im Seemannsheim gestrandet

Für viele Seeleute ist das Heim mehr als ein Zwischenstopp. Sie sind dort Zuhause. 35 Dauergäste sind es zurzeit, einer von ihnen lebt seit rund 30 Jahren im Haus. Auch der portugiesische Seemann Antonio Monteiro ist oft in der Eingangshalle anzutreffen. Der 64-Jährige ist seit knapp zwei Jahren arbeitslos - und hat seinen Wohnsitz im Seemannsheim am Krayenkamp. Aus einem einfachen Grund: Nur wenn er in Deutschland gemeldet ist, kann er sein Arbeitslosengeld beziehen. Das Seemannsheim bestätigt seinen Aufenthalt regelmäßig den Behörden. In seinem Zimmer im dritten Stock bewahrt Manteiro nur das Nötigste auf. Auf einem der beiden Betten liegt ein Koffer mit Anziehsachen. Keine Fotos an den Wänden, keine Erinnerungsstücke auf dem Nachttisch. "Meine Heimat ist in Lissabon", verrät Manteiro. Dorthin will er eines Tages zurückkehren. Der Seemann stammt von den Kapverdischen Inseln, mehr als 40 Jahre lang ist er zu See gefahren. Jetzt findet er keinen neuen Job mehr. Das Seemannsheim am Kayenkamp kennt er schon seit rund zwanzig Jahren. "Hier ist alles gut", sagt er knapp.

Das Seemannsheim am Hamburger Michel

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 11.09.2015 | 17:00 Uhr

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