Lost Places in SH: Atomwaffen und Sprengstoff auf der Spur
Im ehemaligen Sondermunitionslager Kellinghusen lagerte die US-Armee Atomwaffen - für den Ernstfall. Heute ist die Anlage verlassen und unheimlich. Und es gibt viele solcher Lost Places im Land.
Die schweren Metalltüren, die Zäune, Wachtürme - längst verschwunden. Nur die Betonbunker stehen noch, mittlerweile bunt mit Graffiti besprüht. Ein Lost Place. Im Inneren: Finsternis. Hartwig Wilckens steht im Bunkertor, blickt in die Schwärze. "Wenn man hier so steht - dann ist das erdrückend", sagt der ehemalige Soldat.
Im "Sondermunitionslager Kellinghusen" (Kreis Steinburg) hat er damals Dienst getan. Von den frühen 1960er-Jahren bis 1991 lagerten hier Nuklearwaffen der USA, die im Fall eines Atomkrieges von der Bundeswehr eingesetzt werden sollten. Heute ist die Anlage ein Lost Place.
Krematorium Flensburg - gebaut in den 1930er-Jahren
Auch unter der Kapelle am Friedenshügel in Flensburg scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Bis 1996 war hier das Krematorium in Betrieb. Gebaut in den 1930er-Jahren, damals hochmodern. Mit einem Fahrstuhl wurden die Särge direkt aus der Kapelle abgesenkt, dann in den 1000 Grad heißen Ofen geschoben. Rund um den Verbrennungsofen sind noch Rußflecken zu sehen.
"Die Arbeitsbedingungen waren nicht so wie sie heute in Krematorien sind", sagt Torsten Kreß, Betriebsleiter der Flensburger Friedhöfe. "Das heißt, der ein oder andere Rauch kam schon mal raus. Dann musste man da halt durch.“
Sprengstofffabrik Geesthacht: Hier erfand Alfred Nobel das Dynamit
Bei Geesthacht (Kreis Herzogtum-Lauenburg) stand einst die größte Pulver- und Sprengstoffabrik Europas: In Krümmel entwickelte Alfred Nobel vor rund 160 Jahren das Dynamit. Der schwedische Erfinder hatte schon in seiner Heimat mit Nitroglyzerin experimentiert. Aber ständig gab es Explosionen und Todesfälle.
In Krümmel fand Nobel die Lösung: Vermischt mit Kieselgur wurde aus dem Nitroglyzerin das gut handhabbare Dynamit. Ein Jahrhundertgeschäft für Nobel. Um Geesthacht entstand ein riesiger Rüstungskomplex. Heute finden sich dort noch die Beton-Skelette der Produktionshallen. Im Zweiten Weltkrieg mussten in den Fabriken Zwangsarbeiter schuften. "Eine sehr problematische Phase in der Geschichte der Stadt", sagt Ulrike Neidhöfer vom Förderkreis Industriemuseum Geesthacht.
Versteckt im Segeberger Forst: Altes Marineartillerie-Arsenal
Aus den Fabriken bei Geesthacht kam sicher auch ein großer Teil des Sprengstoffes in den vielen kleinen Bunkern im Marineartillerie-Arsenal im Segeberger Forst. Mehr als 200 Bunker, jeder für eine bestimme Munitionsart für die Schiffe und U-Boote der Kriegsmarine. Erbaut im Zweiten Weltkrieg, von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen.
"Von den Bunkern sind nur sieben erhalten", sagt Angelika Remmers vom Dokumentationszentrum Wahlstedt. Die Ruinen sind längst vom Wald zugewachsen. "Das sieht ein bisschen aus wie eine alte Maya-Stadt in Mittelamerika, wo sich die Bäume ihre Fläche zurückgeholt haben", sagt Chris Freise, Direktor der Landesforsten: "Und das verschwindet mit der Zeit immer mehr und mehr."
"Sondermunitionslager" hieß: Atomgranaten für den Ernstfall
Von Wahlstedt und dem Dokumentationszentrum Marineartillerie-Arsenal ist es gar nicht weit bis Kellinghusen, wo im "Special Ammunition Storage", dem Sondermunitionslager, bis Anfang der 1990er-Jahre die Kernsprengköpfe und Atomgranaten für den Ernstfall bereit lagen.
"Wenn ich jetzt die leeren Bunker sehe, dann ist da eine gewisse Erleichterung", sagt Hartwig Wilckens, einst als Soldat vor Ort, bei einem Besuch an diesem Lost Place: "Obwohl der Friede damit nicht sicher ist."