Gewichtheber Jürgen Ciezki: Als Kind von der Stasi entführt
Der Gewichtheber Jürgen Ciezki stemmte über 200 Kilogramm. Am 1. September 2021 starb der in Schwerin geborene Weltklassesportler. Was er erst am Ende seines Lebens erfuhr: Als Kind war er Teil einer tragischen Agenten-Story des Kalten Krieges.
Jürgen Ciezki wird am 27. Mai 1952 in Schwerin geboren. In den 1970er-Jahren ist er einer der stärksten Männer der DDR. Der Gewichtheber holt bei Welt- und Europameisterschaften viele internationale Medaillen im Schwergewicht. Sein Trainer war Eberhard Deutscher, er sagte über Ciezki: "Er war ja schnell sehr erfolgreich. 1973 war er sogar schon das erste Mal bei einer Europameisterschaft. 1974 war er das erste Mal Vize-Weltmeister."
Jürgen Ciezkis leibliche Eltern arbeiten für die Stasi
Dass Jürgen Ciezki bei Adoptiveltern aufwächst, weiß der Trainer. Vom dramatischen Hintergrund ahnt er allerdings nichts. Bruno und Susanne Krüger sind die leiblichen Eltern von Jürgen. Beide sind Mitarbeiter der Staatssicherheit in Schwerin und arbeiten am Demmlerplatz. Er ist "Vernehmer", sie Sekretärin. Und: Beide glauben an die DDR. "Susanne Krüger schrieb die Protokolle, die aus den Vernehmungen entstanden sind und hatte schon sehr früh gemerkt, dass hier auch Leute drangsaliert werden und zu Geständnissen gedrängt werden", erläutert die Historikerin Angela Schmole.
Entlassung, Scheidung und Flucht in den Westen
Im Herbst 1952 wird Bruno Krüger wegen außerehelicher Affären entlassen. Mit seiner Geliebten flieht er nach West-Berlin. Susanne Krüger bleibt zurück und bei der Stasi. Ihre Vorgesetzten drängen auf Scheidung. "Was sie abgelehnt hatte. Aber der Druck wurde irgendwann so groß, dass sie sich entschlossen hatte, auch nach West-Berlin zu gehen", so Schmole. Das Aufnahmelager Marienfelde ist für sie und Sohn Jürgen erste Anlaufstelle. Dort wird sie - wie alle DDR-Flüchtlinge - befragt. Susanne Krüger gibt sich als Ex-Stasi-Angestellte zu erkennen. Sie packt aus, und enthüllt Details über 150 Ex-Kollegen in Schwerin. Das West-Berliner Radio RIAS verbreitet diese Infos bald in Sondersendungen.
"Die westlichen Dienste oder auch der RIAS, die solche Dinge verbreitet haben, wollten damit natürlich den Einfluss des Staatssicherheitsdienstes schwächen", erläutert der Historiker Jochen Staadt. In Schwerin tauchen plötzlich Flugblätter auf, mit genauen Angaben zu Stasi-Mitarbeitern.
Entführung von Vater und Kind aus Rache
Es ist ein Desaster für den Geheimdienst. Die Berliner Zentrale schwört Rache, befiehlt das Entführen der Krügers in die DDR. Der Deckname der Operation lautet "Halunke". "Es waren insgesamt 56 Personen, die aus Staat, Regierung, Stasi an der Entführung, an dem Plan überhaupt beteiligt waren", beschreibt Schmole die Aktion. Am 8. Oktober 1954 schlägt die Stasi zu. Eine Freundin der Krügers kommt nach West-Berlin, holt Jürgen unter einem Vorwand bei einer Nachbarin ab, und bringt das Kind nach Schwerin. Wenige Stunden später ist Vater Bruno Krüger dran. Er ist im Kreuzberger Ballhaus "Resi" verabredet, und ahnt noch nichts von der Entführung seines Sohns. Das Treffen im "Resi" ist mutmaßlich von der Stasi arrangiert. Er wird betäubt. In einen Teppich eingerollt. Agenten verschleppen ihn so nach Ost-Berlin. Mann und Kind werden beide gekidnappt.
Auch Susanne Krüger wird zurück in den Osten verschleppt
Susanne Krüger erstattet in West-Berlin Anzeige, und sie erleidet aufgrund der Ereignisse einen Nervenzusammenbruch. Nach drei Monaten wird sie aus dem Krankenhaus entlassen - und könnte ausreisen. Die Amerikaner bieten ihr ein Flugticket in die Bundesrepublik an. Was sie aber abgelehnt habe. Sie habe gesagt, ohne mein Kind verlasse ich West-Berlin nicht, erzählt Schmole. Ein Fehler. Ein Schweriner Ex-Kollege ist auf sie angesetzt. Er besucht sie, behauptet ebenfalls geflohen zu sein. Gemeinsam gehen sie in der Charlottenburger Straße in eine Bar. Betrunken, möglicherweise betäubt, steigt Susanne Krüger mit ihm in ein Taxi. Das fährt zur Sektorengrenze. Am Potsdamer Platz zerrt er sie in den Osten. Bruno und Susanne Krüger sitzen nun beide in Haft. Sie sind zwei von etwa 200 Menschen, die die Stasi aus dem Westen entführte.
Schauprozess gegen die Eltern von Jürgen Ciezki
Im August 1955 stehen sie vor dem Obersten Gericht der DDR. Der Prozess dauert lediglich einen Tag. "Das Todesurteil gegen Susanne Krüger und Bruno Krüger wurde vor der Gerichtsverhandlung im Politbüro der SED beschlossen. Also das war an höchster Stelle klar, man wird sie zum Tode verurteilen und der damalige DDR-Präsident Wilhelm Pieck hat an dieser Sitzung teilgenommen und hat im Prinzip schon in der Sitzungen klar gemacht, dass er das Gnadengesuch, falls es eins geben sollte, ablehnen wird", erläutert Staadt die Hintergründe.
Das Ganze ist ein Schauprozess zur Abschreckung. Das belegt ein Schreiben vom damaligen Stasi-Chef Ernst Wollweber. Er befiehlt, dass jeder Mitarbeiter über die Todesurteile informiert wird. Im Berliner Hauptquartier hält er eine Rede. Sie wird damals aufgenommen.
Gestern sind die beiden Krügers zum Tode verurteilt worden. Das werden wir fortsetzen. Aber Genossen, wir kommen doch damit nicht weiter. Wir holen zwar die Leute zurück, haben dann sehr viel Arbeit, um konspirativ wieder abzusichern. Ernst Wollweber
Das Ehepaar Krüger erfährt keinerlei Gnade
Die Krügers kommen nach Dresden. In die Zentrale Hinrichtungsstätte am Münchner Platz. Das Fallbeil steht im Keller. Bruno Krüger möchte seine Frau ein letztes Mal sehen. Es wird ebenfalls abgelehnt - wie zuvor das Gnadengesuch. "Das liegt wirklich an dem Freund-Feind-Denken der SED. Solchen Feinden, die gegen die Arbeiterklasse gesündigt haben, den darf man keine Vergünstigung geben", erläutert Gerald Hacke von der Stiftung Sächsische Gedenkstätten den Hintergrund der SED.
Nach Hinrichtung der Eltern wird Jürgen Ciezki adoptiert
In der Todeszelle schreibt Susanne Krüger einen Abschiedsbrief: "Mein liebes Kind, werde Du deshalb kein Feind der Arbeiterklasse, sondern werde Du ein Kämpfer für die fortschrittliche Menschheit." "Eigentlich ist es schon extrem. Sie weiß, sie wird hingerichtet, sie ist zum Tode verurteilt und trotzdem gibt sie ihrem Sohn noch etwas Positives mit", so Schmole. Den Brief erhält Jürgen Ciezki nie. Dafür holt er Medaillen für den Staat, der ihm die Eltern nahm. Er wird von einem DDR-Staatsanwalt und dessen Frau adoptiert.
Jürgen Ciezki erfährt wahre Geschichte seiner Eltern spät
Erst 2011 - durch die Recherchen von Angela Schmole und Jochen Staadt - erfährt Jürgen Ciezki die wahre Geschichte seiner leiblichen Eltern. Er ist davon ausgegangen, sie seien bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, weil die Zeit des Todes-Eintritts nur wenige Minuten auseinanderliegt. 56 Jahre später liest er diesen Abschiedsbrief seiner Mutter, erfährt daraus auch von ihrer Arbeit für die Staatssicherheit. "Das sollte uns nicht beeinflussen, dass Bruno Krüger oder auch Susanne Krüger in den frühen Jahren Teil des Sicherheitsapparats waren, weil diese Leute glaubten an das 'bessere Deutschland', was man ihnen versprochen hat", so Staadt. Wie dieses "bessere Deutschland" entstehen sollte, zeigte sich auch im Umgang mit Jürgen Ciezki, geborener Krüger.
Am 1. September 2021 stirbt Jürgen Ciezki in Berlin.