"Calmeyers Dilemma": Ein Osnabrücker rettete Tausende Juden
Hans Georg Calmeyer entschied als "Rassereferent" der nationalsozialistischen Verwaltung in Den Haag über Leben und Tod. Die ARD-Doku "Calmeyers Dilemma" beleuchtet den moralischen Konflikt zwischen systemischer Macht und individueller Menschlichkeit.
1940 überfällt und besetzt Hitler-Deutschland die Niederlande. Mit den Soldaten kommt auch ein Heer deutscher Verwaltungsbeamter. Unter ihnen ist auch Hans Georg Calmeyer, ein junger Rechtsanwalt aus Osnabrück, dort geboren am 23. Juni 1903. Anders als viele seiner Kollegen ist Calmeyer kein überzeugter Nationalsozialist. Zeitzeugen beschreiben ihn in der ARD-Doku "Calmeyers Dilemma" so: "Eigentlich hasste er Hitler. Er war sogar pro-jüdisch."
Schon bald wird Calmeyer verantwortlich sein für das Schicksal Tausender Jüdinnen und Juden in den Niederlanden. Insbesondere hat Calmeyer zu entscheiden, wer als Jude oder Jüdin gilt und wer nicht - eine Entscheidung, bei der es um Leben und Tod geht.
"Entsternen": Mit juristischen Kniffen Leben retten
Viele Juden sind aus Deutschland in das neutrale Nachbarland geflohen, um dem Rassenwahn der Nazis zu entgehen. Doch auch in den Niederlanden müssen Juden nun den gelben Stern tragen. Sie werden systematisch ausgegrenzt und entrechtet. Viele Menschen versuchen deshalb, juristisch zu beweisen, dass sie gar keine Juden sind. Diese Anträge landen auf dem Schreibtisch von Calmeyer. Und der beginnt, das System von innen auszutricksen. Er entdeckt Verhandlungsspielräume.
"Entsternen" nennt Calmeyer das, was er jetzt tut. Er winkt eine Vielzahl von Anträgen jüdischer Menschen durch und bestätigt ihnen so, vor dem NS-Gesetz keine Juden zu sein. Nach dem Krieg schreibt Calmeyer dazu: "Ich habe so vielen wie möglich geholfen."
Zwei Drittel der bearbeiteten Anträge werden positiv bescheinigt. Etwa 3.000 jüdische Menschen retten die Bescheide vor dem sicheren Tod, unter anderem auch Laureen Nussbaum. "Er hat das Beste getan, was er unter den gegebenen Umständen tun konnte", sagt sie in der Doku. Auch die Jüdin Jacqueline van Maarsen gehörte zu den "Calmeyer-Juden". Anne Frank nennt sie in ihrem Tagebuch ihre "beste Freundin".
Calmeyer - kein strahlender Held
Calmeyer hat einer Vielzahl jüdischer Menschen das Leben gerettet. Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ehrt ihn später als Gerechten unter den Völkern.
Aber auch wenn Calmeyer mit seinem stillen Widerstand viel Gutes bewirkt hat - einen strahlenden Helden kann Laureen Nussbaum nicht in ihm sehen: "So, wie Helden im Fernsehen dargestellt werden, als Superman, in das Bild passte er überhaupt nicht."
Wahr bleibt eben auch, dass Calmeyer mehr als 1.000 Menschen durch seine Unterschrift als jüdisch eingeordnet und damit faktisch zum Tod in den Konzentrationslagern verurteilt hat.
Vielschichtiges Bild ohne einfache Antworten
Hat Calmeyer Menschen gerettet oder sie nur verschont? Die ARD-History-Doku "Calmeyers Dilemma" gibt auf diese Frage keine einfachen Antworten. Dagegen zeichnet sie ein vielschichtiges Bild von Hans Georg Calmeyer und zeigt den hochkomplexen Konflikt auf, in dem er sich befand und aus dem heraus er handelte.
Späte Ehrungen
Calmeyer stirbt am 3. September 1972 in seiner Geburtsstadt Osnabrück. Sein Grab befindet sich auf dem Heger Friedhof.
Lange Zeit hat Calmeyers Wirken in Deutschland kaum Beachtung gefunden. Erst in den 1980er-Jahren sind Studien über ihn erstellt worden. 1989 benennt Osnabrück einen Platz nach ihm. 1995 wird Calmeyer postum die Justus-Möser-Medaille verliehen, die höchste Auszeichnung der Stadt.