"Calmeyers Dilemma": Ein Osnabrücker rettete Tausende Juden

Stand: 06.05.2026 05:00 Uhr

Hans Georg Calmeyer entschied als "Rassereferent" der nationalsozialistischen Verwaltung in Den Haag über Leben und Tod. Die ARD-Doku "Calmeyers Dilemma" beleuchtet den moralischen Konflikt zwischen systemischer Macht und individueller Menschlichkeit.

1940 überfällt und besetzt Hitler-Deutschland die Niederlande. Mit den Soldaten kommt auch ein Heer deutscher Verwaltungsbeamter. Unter ihnen ist auch Hans Georg Calmeyer, ein junger Rechtsanwalt aus Osnabrück, dort geboren am 23. Juni 1903. Anders als viele seiner Kollegen ist Calmeyer kein überzeugter Nationalsozialist. Zeitzeugen beschreiben ihn in der ARD-Doku "Calmeyers Dilemma" so: "Eigentlich hasste er Hitler. Er war sogar pro-jüdisch."

Schon bald wird Calmeyer verantwortlich sein für das Schicksal Tausender Jüdinnen und Juden in den Niederlanden. Insbesondere hat Calmeyer zu entscheiden, wer als Jude oder Jüdin gilt und wer nicht - eine Entscheidung, bei der es um Leben und Tod geht.

"Entsternen": Mit juristischen Kniffen Leben retten

Viele Juden sind aus Deutschland in das neutrale Nachbarland geflohen, um dem Rassenwahn der Nazis zu entgehen. Doch auch in den Niederlanden müssen Juden nun den gelben Stern tragen. Sie werden systematisch ausgegrenzt und entrechtet. Viele Menschen versuchen deshalb, juristisch zu beweisen, dass sie gar keine Juden sind. Diese Anträge landen auf dem Schreibtisch von Calmeyer. Und der beginnt, das System von innen auszutricksen. Er entdeckt Verhandlungsspielräume.

Davidstern an der Jüdischen Gedenkstätte, Konzentrationslager Dachau

Mehr als sechs Millionen Juden wurden während der NS-Zeit ermordet. Daran erinnert jedes Jahr am 27. Januar ein Gedenktag.

"Entsternen" nennt Calmeyer das, was er jetzt tut. Er winkt eine Vielzahl von Anträgen jüdischer Menschen durch und bestätigt ihnen so, vor dem NS-Gesetz keine Juden zu sein. Nach dem Krieg schreibt Calmeyer dazu: "Ich habe so vielen wie möglich geholfen."

Zwei Drittel der bearbeiteten Anträge werden positiv bescheinigt. Etwa 3.000 jüdische Menschen retten die Bescheide vor dem sicheren Tod, unter anderem auch Laureen Nussbaum. "Er hat das Beste getan, was er unter den gegebenen Umständen tun konnte", sagt sie in der Doku. Auch die Jüdin Jacqueline van Maarsen gehörte zu den "Calmeyer-Juden". Anne Frank nennt sie in ihrem Tagebuch ihre "beste Freundin".

Calmeyer - kein strahlender Held

Calmeyer hat einer Vielzahl jüdischer Menschen das Leben gerettet. Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ehrt ihn später als Gerechten unter den Völkern.

Aber auch wenn Calmeyer mit seinem stillen Widerstand viel Gutes bewirkt hat - einen strahlenden Helden kann Laureen Nussbaum nicht in ihm sehen: "So, wie Helden im Fernsehen dargestellt werden, als Superman, in das Bild passte er überhaupt nicht."

Wahr bleibt eben auch, dass Calmeyer mehr als 1.000 Menschen durch seine Unterschrift als jüdisch eingeordnet und damit faktisch zum Tod in den Konzentrationslagern verurteilt hat.

Vielschichtiges Bild ohne einfache Antworten

Hat Calmeyer Menschen gerettet oder sie nur verschont? Die ARD-History-Doku "Calmeyers Dilemma" gibt auf diese Frage keine einfachen Antworten. Dagegen zeichnet sie ein vielschichtiges Bild von Hans Georg Calmeyer und zeigt den hochkomplexen Konflikt auf, in dem er sich befand und aus dem heraus er handelte.

Späte Ehrungen

Calmeyer stirbt am 3. September 1972 in seiner Geburtsstadt Osnabrück. Sein Grab befindet sich auf dem Heger Friedhof.

Lange Zeit hat Calmeyers Wirken in Deutschland kaum Beachtung gefunden. Erst in den 1980er-Jahren sind Studien über ihn erstellt worden. 1989 benennt Osnabrück einen Platz nach ihm. 1995 wird Calmeyer postum die Justus-Möser-Medaille verliehen, die höchste Auszeichnung der Stadt.

Hans Calmeyer um 1941.

Das Osnabrücker Museum "Villa_" informiert in einer Dauerausstellung über das Leben und Wirken von Hans Calmeyer.

Ein Porträtbild in Schwarz-Weiß zeigt Anne Frank beim Schreiben.

Sie kam im KZ Bergen-Belsen um, ihr Tagebuch machte sie berühmt. Der Anne-Frank-Tag an ihrem Geburtstag am 12. Juni setzt ein Signal gegen Antisemitismus.

Der deutsche Industrielle Oskar Schindler trifft 1962 in Israel einige der insgesamt 1200 Juden wieder, die er gerettet hatte

Er rettete 1.200 Juden und wurde posthum zum Filmhelden. Am 9. Oktober 1974 starb Oskar Schindler verarmt in Hildesheim.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | ARD History | 06.05.2026 | 22:50 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

NS-Zeit

Dokumentarfilm

Geschichte

Die 40er-Jahre

Zweiter Weltkrieg

Das Kreuzfahrtschiff TS "Maxim Gorki" vor der Küste Mykonos, aufgenommen im Mai 1999.

1968 läuft das erste große Passagierschiff nach dem Krieg vom Stapel: die "Hamburg". Als "Maxim Gorkiy" geht sie in die Geschichte ein.

Planten un Blomen während der Niederdeutschen Gartenschau 1935

1935 als "Planten un Blomen" im Zentrum der Hansestadt angelegt, wurde der Park allein bis 1973 drei Mal umgestaltet. Eine NDR Doku beleuchtet seine Geschichte.

Programmhefte, Opern-Partituren und ein Foto des Komponisten Engelbert Humperdinck liegen auf dem Tisch.

Mit seiner Märchenoper "Hänsel und Gretel" gelang ihm der große Wurf. Am 27. September 1921 starb der Spätromantiker in Neustrelitz.

Schiffswrack im Watt vor der Insel Amrum

Im 19. Jahrhundert strandete ein Schiff vor der Insel Amrum. Seine Überreste liegen noch heute im Watt. Ein Historiker hat seine Geschichte recherchiert.