WM 1974: Als die DDR den "Klassenfeind" in Hamburg besiegte

Stand: 22.06.2026 05:00 Uhr

Beim WM-Spiel am 22. Juni 1974 in Hamburg besiegt die DDR das DFB-Team überraschend mit 1:0. Von der totalen Überwachung der DDR-Spieler und -Fans bekommen die Westdeutschen nichts mit.

Ein Raunen geht durch den Saal am 5. Januar 1974 bei der Auslosung der Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft: Die Mannschaft der DDR trifft ausgerechnet auf das Team der Gastgeber - die Bundesrepublik Deutschland. Am 22. Juni desselben Jahres findet das Spiel in Hamburg statt - sechs Wochen, nachdem DDR-Spion Günter Guillaume für den Sturz des Bundeskanzlers Willy Brandts gesorgt hat. Mit dem historischen Spiel hat der Kalte Krieg den Fußball erreicht.

Stasi überwacht Spieler und Trainer

1974 kann sich die DDR das erste und einzige Mal für die Fußball-Weltmeisterschaft qualifizieren. Doch schon vorher haben die Funktionäre große Sorge, dass Spieler in den Westen zum "Klassenfeind" überlaufen beziehungsweise abgeworben werden könnten. Im November 1973 erlässt Stasi-Chef Erich Mielke einen ersten Befehl zur Überwachung von Leistungssportlern. Alle Fußballer werden im Vorfeld politisch geschult. Neben den Aktiven werden außerdem Trainer, Funktionäre, Masseure, Ärzte und Journalisten überwacht.

Beim WM-Spiel 1974 der DDR gegen die BRD schießt Jürgen Sparwasser aufs Tor

Beim WM-Spiel am 22. Juni 1974 in Hamburg besiegt die DDR das DFB-Team durch ein Tor von Jürgen Sparwasser.

Mit der "Aktion Leder" zum Turnier beim "Klassenfeind"

Ausschnitt aus der Stasi-Akte mit Mielkes Befehl zur "Aktion Leder"
Ausschnitt aus dem Befehl zur "Aktion Leder" durch Erich Mielke. Die Aktion begann am 12. Juni und endete am 8. Juli 1974.

Am 15. Mai 1974 erlässt Mielke den Befehl zur "Aktion Leder", ein Maßnahmenkatalog, der Abwerbungsversuche ebenso verhindern soll wie politische Provokationen gegen die DDR-Fußballer. Die Stasi regelt auch, welche Bürger als Fußballfans zu den Spielen in den Westen reisen dürfen: "Auszuwählen sind solche Bürger, die als bewusste sozialistische Staatsbürger eine aktive Teilnahme am politischen und gesellschaftlichen Leben zeigen sowie ihre politische Zuverlässigkeit unter Beweis gestellt haben." Zugleich seien die DDR-Fußballtouristen "bis zur Abreise zu den Spielen im Arbeits-, Wohn- und Freizeitbereich unter Kontrolle zu halten. Hierzu sind geeignete und überprüfte IM einzusetzen. Postkontrolle ist einzuleiten", so der Aktenvermerk.

Einer der Auserwählten ist Dieter Tetzlaff: "Ich gehörte zu den Ausgesuchten, weil ich Familie hatte, ein Haus, ein größeres Auto. Mir ging es nicht schlecht, und deswegen ist man sicherlich drauf gestoßen: Na, den können wir fahren lassen, der ist linientreu und kommt wieder."

Klarer Auftrag für die Fans

Auch die Fans bekommen einen klaren Auftrag: Sie sollen in ihrem Fanblock das Team politisch und moralisch im Wettkampf unterstützen, dabei die Disziplin wahren und Übertreibungen vermeiden. Auch werden sie geschult, wie sie im Falle einer "Provokation durch den Klassenfeind" zu reagieren haben.

Jürgen Sparwasser schockt die Bundesrepublik

Der DDR-Spieler Jürgen Sparwasser (Mitte) jubelt am 22.6.1974 im Hamburger Volksparkstadion nach seinem 1:0 gegen die Bundesrepublik. Am Boden: Torwart Sepp Maier (l.) und Berti Vogts.
Ein Tor, das die Westdeutschen tief ins Mark trifft: Jürgen Sparwasser jubelt nachdem er das 1:0 für die DDR geschossen hat.

Dass sich das DDR-Team gegen die favorisierten Westdeutschen am 22. Juni 1974 im Hamburger Volksparkstadion durchsetzen würde, hatte wohl auch bei der Stasi niemand geahnt. Jürgen Sparwasser erzielt in der 77. Minute den Siegtreffer für die DDR und sorgt dafür, dass die Partie zwischen den beiden deutschen Staaten in die Geschichte eingeht. Die Niederlage trifft das Selbstvertrauen der Bundesdeutschen hart, keiner hatte ernsthaft mit einem Sieg der DDR-Mannschaft gerechnet.

Doch der Erfolg gegen den Nachbarn erweist sich im Nachhinein als Pyrrhussieg. Denn als Gruppensieger treffen die Ostdeutschen in der Zwischenrunde auf die Fußball-Größen Brasilien, Argentinien und die Niederlande - und scheiden aus.

Durch die Niederlage zum Sieg: Ein Team rauft sich zusammen

Franz Beckenbauer (l.) und Torwart Sepp Maier halten nach dem Finale gegen die Niederlande am 7.7.1974 den WM-Pokal hoch.
Am Ende siegte doch der Westen: Kapitän Franz Beckenbauer, nimmt am 7. Juli 1974 den WM-Pokal in Empfang.

Den Westdeutschen versetzt die Niederlage einen derartigen Schock, dass sich das Team der Individualisten unter der Führung Franz Beckenbauers zusammenrauft - und am Ende den Titel gewinnt. Im Finale von München schlägt die Elf von Trainer Helmut Schön die Niederlande mit 2:1.

Jürgen Sparwasser dagegen bringt sein Tor nicht viel Glück. Viele in der DDR neiden ihm den Erfolg, glauben, er bekomme dadurch besondere Privilegien. Tatsächlich kassiert er lediglich die gleiche Prämie wie alle anderen Spieler. In den Folgejahren steht er unter besonderer Beobachtung der Staatssicherheit. Dennoch kann er sich 1988 anlässlich eines Fußballspiels in Saarbrücken in die Bundesrepublik absetzen.

Die Fußball-National-Mannschaften der DDR und der BRD laufen nebeneinander im Stadion ein.

Bei der WM 1974 traf die DDR auf die BRD. Für viele war es damals mehr als ein Fußballspiel in der zweigeteilten Welt.

Fußball-Nationalspieler und Kapitän Franz Beckenbauer während eines gefilmten Interview am 19.06.1974 in der Sportschule in Malente, wo das DFB-Team während der WM 1974 Quartier bezogen hat.

1974 findet die Fußball-WM erstmals in Deutschland statt. Erst nach der Pleite gegen die DDR am 22. Juni nimmt die DFB-Elf Fahrt auf.

Eine Familie mit einem Trabant 600 in der DDR, ca. 1975,

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