Sturmflut 1962: Helmut Schmidt organisiert große Rettungsaktion

Stand: 17.02.2026 09:15 Uhr

Entschlossen reagiert der damalige Polizeisenator Helmut Schmidt auf die Sturmflut in und um Hamburg im Februar 1962: Er ruft das Militär zu Hilfe. Auch Tausende von Zivilisten sind unermüdlich im Einsatz.

Am Morgen des 17. Februar 1962, nur wenige Stunden nachdem die Sturmflut über Hamburg hereingebrochen ist, hat noch niemand einen Überblick über die Ausmaße der Katastrophe. Strom und Telefon sind ausgefallen, ganze Stadtteile durch die Wassermassen von der Außenwelt abgeschnitten. Um zwei Uhr nachts hat der Kommandeur der Schutzpolizei damit begonnen, einen provisorischen Katastrophen-Dienststab einzurichten. Rund 1.500 Soldaten und Polizisten sind seit dem frühen Morgen im Einsatz, sie berichten von Ertrunkenen, von Obdachlosen und von Menschen, die auf Dächern und Bäumen auf Hilfe hoffen.

Helmut Schmidt bittet Bundeswehr und NATO um Hilfe

Um 6.40 Uhr trifft der damalige Polizeisenator Helmut Schmidt im Polizeipräsidium ein. Er reagiert schnell: Schmidt bittet mehrere militärische Oberbefehlshaber aus ganz Europa persönlich um Unterstützung. Dabei helfen ihm die guten Kontakte aus seiner Zeit als SPD-Bundestagsabgeordneter und Verteidigungsexperte.

"Ich habe die alle einfach selbst angerufen oder mit Funksprüchen oder Fernschreiben in Bewegung gesetzt. Ich habe gesagt: 'Sie müssen Hubschrauber schicken, Sie müssen Pioniere schicken, die mit Sturmbooten die Menschen von den Dächern runterholen'", erinnert sich Schmidt 1982 in einem Interview mit dem NDR. "Die haben zunächst geglaubt, ich sei verrückt geworden. Weil sie mich aber gut kannten, haben sie auf mein Insistieren hin schließlich sehr schnell funktioniert." Der Erste Bürgermeister der Hansestadt, Paul Nevermann, ist zu diesem Zeitpunkt noch zu einem Kur-Aufenthalt in Österreich, den er sofort abbricht - er trifft einen Tag später in Hamburg ein.

"Es war ein übergesetzlicher Notstand"

Sturmflut 1962 in Hamburg: Retter im Schlauchboot auf dem überfluteten Veddeler Damm.
Polizei und Bundeswehr setzten Schlauchboote ein, um eingeschlossene Menschen zu erreichen.

Die Beteiligung der Bundeswehr an der Hilfsaktion ist nicht nur ein Novum, sondern zum damaligen Zeitpunkt auch verfassungswidrig: Laut Grundgesetz durfte das Militär keine Aufgaben im Inneren übernehmen. Um die Rettungsaktionen voranzutreiben, setzt sich Schmidt bewusst über die Gesetzeslage hinweg - schließlich zählt jede Minute: Zehntausende Menschen schweben in den überfluteten Gebieten in höchster Gefahr. "Wir haben uns nicht an Gesetz und Vorschriften gehalten, wir haben möglicherweise die Hamburger Verfassung verletzt, wir haben sicherlich am Grundgesetz vorbei operiert. Es war ein übergesetzlicher Notstand", begründet Schmidt 1982 sein Vorgehen. Mit seinem energischen und zugleich umsichtigen Handeln macht sich der spätere Bundeskanzler einen Namen als Krisenmanager und erlangt hohes Ansehen über die Landesgrenzen hinaus.

Die Stunde der "rettenden Engel"

Die ersten Hubschrauber, Boote, Pioniere, Wolldecken und Lebensmittel treffen bereits nach wenigen Stunden in Hamburg ein. Sie sind ein wichtiges Instrument für die Einsatzleitung, denn die Telefone sind ausgefallen, alle Verkehrswege in Richtung Süden überflutet. "Die Hubschrauber gaben uns die Möglichkeit, erst einmal einen Lageüberblick zu kriegen", so Schmidt.

Video: Riskante Rettung vom Dach (3 Min)

Die Besatzungen der Hubschrauber retten am Tag nach der Flutkatastrophe rund 400 Hilfesuchende. Dabei riskieren sie mit gewagten Flugmanövern ihr eigenes Leben: Per Hand ziehen sie die Menschen von den Dächern in die Hubschrauber und wagen sich dabei gefährlich dicht an Hochspannungsleitungen und Hauswände heran - trotz des Sturms und immer unter der Gefahr, dass eine Windböe den Hubschrauber gegen ein Hindernis drückt.

Helfer retten ein Kind per Boot aus einem eingeschlossenen Wohnhaus im überschwemmten Hamburg-Wilhelmsburg 1962
14 Bilder

Rettende Engel und helfende Hamburger

Später versorgen sie die eingeschlossenen Menschen mit Wolldecken und Lebensmitteln. Allein vom Jenischpark aus, in dem ein provisorischer Landeplatz eingerichtet wird, bringen die Hubschrauber-Staffeln mehr als 20.000 Liter Trinkwasser, 5.000 Brote und 80 Zentner Kartoffeln ins Überflutungsgebiet, außerdem Gaskocher, Kleidung und Säuglingsnahrung. Bei den Hamburgern heißen sie bald nur noch die "rettenden Engel".

Auf die Flut folgt eine Welle der Hilfsbereitschaft

Bundeswehrsoldaten arbeiten an einem Deich
Nachdem das Wasser abgeflossen war, mussten Deiche auf vielen Kilometern ausgebessert werden.

Fast stündlich treffen weitere Hilfstruppen aus ganz Europa ein. Bis zu 25.000 Helfer gleichzeitig sind im Einsatz, darunter Rettungsmannschaften aus Belgien, Großbritannien, USA, Niederlanden und Dänemark - die Katastrophe hat eine überwältigende Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst.

Neben Soldaten, Polizei und Feuerwehr arbeiten etliche zivile Helfer mit: Rettungsschwimmer der DLRG bringen Menschen in Sicherheit, das Rote Kreuz richtet Notunterkünfte für die etwa 20.000 Obdachlosen ein, Arbeitgeber stellen ihre Auszubildenden für Rettungs- und Aufräumarbeiten frei, Krankenschwestern fahren per Boot zu den Eingeschlossenen, um sie wegen der drohenden Seuchengefahr gegen Typhus zu impfen. Viele Hamburger spenden Kleidung und Geld, nehmen Obdachlose bei sich auf oder schleppen Sandsäcke, um die Deiche notdürftig wiederherzustellen. Überall packen sie spontan mit an.

Helfer und Gerettete erinnern sich

Zum 50. Jahrestag der Sturmflut 2012 haben Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ihre Erinnerungen an die Erlebnisse rund um die Sturmflut mit dem NDR geteilt:

Video: Sturmflut: Aufräumen im Katastrophengebiet (tlw. stumm) (13 Min)

Hamburg dankt den Helfern

Innensenator Helmut Schmidt bei der Verleihung der Dankmedaille der Freien und Hansestadt Hamburg an 400 Soldaten für deren Einsatz während der Flutkatastrophe im Februar 1962
Nach ihrem Einsatz dankte Helmut Schmidt den Soldaten für ihre Hilfe.

An die auswärtigen Helfer verleiht die Stadt Hamburg später eine vom Senat gestiftete Dankmedaille. Mit Rücksicht auf die hanseatische Tradition, keine Medaillen oder Orden anzunehmen, bekommen die Hamburger Bürger und Angehörige der Hamburger Feuerwehren stattdessen ein Gedenkbuch.

Trauerfeier für die Opfer der Sturmflut 1962 auf dem Hamburger Rathausmarkt.

150.000 Menschen haben sich am 26. Februar 1962 in Hamburg versammelt, um der Sturmflut-Opfer zu gedenken - 315 waren gestorben.

Ein Helfer trägt ein Kind über die überschwemmte Straße nach der Sturmflut 1962

Vom 16. auf den 17. Februar 1962 wütet in Hamburg eine schwere Sturmflut. Deiche brechen, 315 Menschen sterben. Hintergründe und Zeitzeugen-Berichte.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen/Unsere Geschichte | 15.02.2025 | 12:00 Uhr, Online-Beitrag zuerst veröffentlicht am 15.02.2025 | 13:00 Uhr

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