So wählten Mecklenburgs Dörfer und Städte vor der NS-Diktatur
Wie wählte mein Dorf, meine Stadt früher? Zum Beispiel bei der für Jahrzehnte letzten demokratischen Landtagswahl 1932? Forscher der Uni Greifswald liefern mit einem neuen interaktiven Wahlatlas Antworten.
Plötzlich waren die Nationalsozialisten in Mecklenburg an der Macht. Deutlich früher als in den meisten Regionen Deutschlands. Am 5. Juni 1932 sind in Mecklenburg-Schwerin Landtagswahlen und das NSDAP-Blatt "Niederdeutscher Beobachter" jubelt am Tag danach: "Siegesfahnen heraus! Der Nationalsozialismus übernimmt die Regierung in Mecklenburg-Schwerin. Wir rechnen ab!"
49 Prozent der Wähler stimmen damals für die NSDAP. Bei der Wahl zuvor waren es 4,1 Prozent. Es ist ein Erdrutschsieg für die NSDAP unter Mecklenburgs Gauleiter Friedrich Hildebrandt. Gaben die Mecklenburgerinnen und Mecklenburger 1932 die Demokratie bewusst auf?
Nicht Demokratie abgewählt
"Bei der These, dass man die Demokratie abwählte, wäre ich vorsichtig", sagt der Greifswalder Historiker Martin Buchsteiner. Die für lange Zeit letzte demokratische Landtagswahl sieht er vor allem als Protestwahl - aus Unzufriedenheit mit der damaligen Landesregierung. "Dann gucken wir mal, was die Nazis können. Und wenn die auch versagen, dann wählen wir beim nächsten Mal wieder etwas anderes", fasst der Historiker eine 1932 weit verbreitete Haltung zusammen. Doch zu erneuten Wahlen kommt es nicht mehr. Die Nationalsozialisten errichten für 13 Jahre eine Diktatur, in der auf Landesebene nicht mehr gewählt werden kann.
Alte Gewissheiten wanken
Als Erster hat Martin Buchsteiner nun die Ergebnisse aller Landtagswahlen zwischen 1919 und 1932 in Mecklenburg-Schwerin im Detail erforscht und genaue Zahlen für jede Stadt, jedes Dorf, jedes Gut zusammengetragen. Das Ergebnis dieser aufwendigen Arbeit bringt vermeintliche Gewissheiten ins Wanken.
Bisher ging die Forschung davon aus, dass Menschen auf dem Land vor allem konservativ wählten und die Städte Hochburgen der Sozialdemokratie und anderer linker Parteien waren. Ein Trugschluss. "Das Land war viel dynamischer als sein Ruf", urteilt Martin Buchsteiner.
Mecklenburg ein Land der Wechselwähler
Überhaupt sei Mecklenburg-Schwerin während der Weimarer Republik ein Land von Wechselwählern gewesen, nicht nur innerhalb des linken oder rechten Lagers. "Sie wechseln zwischen konservativen und linken Angeboten." Selbst zwischen SPD und Deutschnationaler Volkspartei habe es sichtbare Wählerwanderungen gegeben. Die DNVP war eine antidemokratische, antisemitische Partei und bekämpfte die Weimarer Demokratie vehement. Die Sozialdemokratie war hingegen die wichtigste Stütze der Republik. Rational ist so ein politischer Schwenk schwer nachvollziehbar.
Selbstbewusste Wählerschaft
"Ich kann keine Erklärung liefern, warum die Leute in den einzelnen Orten wie wählen", sagt Martin Buchsteiner. Im zunehmend hohen Anteil von Wechselwählern sieht er aber ein Indiz für eine zunehmend demokratischere Gesellschaft. "Das ist auf alle Fälle ein Zeichen von Emanzipation und von Selbstermächtigung der Wählenden." Die hätten sich nicht mehr instrumentalisieren lassen, sondern die Wahl als Mittel begriffen, selbst Herrschaft auszuüben. Anders als im Kaiserreich, wo vor allem auf dem Land Grundbesitzer das politische Leben bestimmten.
Datenschatz zum Durchklicken
Für seine aufwendige Datenanalyse hat der Historiker die im Landesarchiv Schwerin aufbewahrten originalen Zählbögen genutzt. Aus Hunderttausenden Zahlen entstand eine visuell ansprechende Präsentation, die nun online gegangen ist. Auf interaktiven Karten kann sich jeder durch die historischen Wahlergebnisse klicken. Erklärende Texte ergänzen die Daten.
Hohe Wahlbeteiligungen
Ein weiterer überraschender Umstand ist dabei die hohe Wahlbeteiligung in Mecklenburg-Schwerin. Sie gehörte zu den höchsten in den Ländern der Weimarer Republik. Bei der vorerst letzten demokratischen Wahl 1932 lag sie bei etwa 80 Prozent. Auch das spreche für eine politische Emanzipation der Wahlberechtigten in Mecklenburg, findet Martin Buchsteiner. Sie hätten sich ermächtigt gefühlt. "Und wählten, was eine große Form von 'Ich zeig's euch mal' ist."
Ungutes Ende für Weimarer Demokratie
Gefördert wurde der "Historische Wahlatlas" von der Stiftung Mecklenburg und der Landeszentrale für politische Bildung in Mecklenburg-Vorpommern. "Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und der Geschichte des Landes ist per se richtig und wichtig", betont Jochen Schmidt, Direktor der Landeszentrale. "Wir diskutieren viel über die Weimarer Republik und warum diese Republik zu diesem unguten Ende gekommen ist. Und daher ist sehr wichtig, sich auch nochmal damit zu beschäftigen: Wie haben die Leute gewählt?"
Auch für Mecklenburg-Strelitz und die damalige preußische Provinz Pommern sei so ein "Historischer Wahlatlas" vorstellbar, meint Schmidt: "Das hängt dann aber von den Forschern ab, wie weit sie in der Lage sind, Daten einzupflegen."