Wie der Jude Julius Katz in Groß Oesing überlebte
Als die Nazis die Macht ergreifen, verliert der Jude Julius Katz aus Groß Oesingen seine Arbeit als Sattler. Doch er kommt durch, dank der Ehe mit einer Christin und der Hilfe von einzelnen Dorfbewohnern. Dafür revanchiert er sich am 13. April 1945.
Der 2022 verstorbene Heiner Müller erinnert sich im Jahr 2015 noch gut an eines der ersten Treffen mit Julius Katz. Als Siebenjähriger lernt er den Juden kennen. Damals repariert Katz im Wohnzimmer der Familie Müller in Groß Oesingen (Landkreis Gifhorn) das Sofa, tauscht die Federn aus, verfüllt es mit Seegras. Der am 7. Januar 1885 geborene Katz ist Sattlermeister. Und die muss es in jedem Ort geben, um Pferdegeschirre und weitere Arbeiten, die durch Treibriemen verrichtet wurden, zu reparieren. "Er war im Ort ein sehr wichtiger Mann." Doch Katz sei nicht nur wichtig gewesen, sondern auch beliebt. Vorsitzender des Sportvereins, Leiter der Theatergruppe in Groß Oesingen. "Einer von uns", sagt Müller damals. Bis die Nazis an die Macht kommen und Katz seinem Beruf offiziell nicht mehr nachgehen darf, weil er Jude ist.
Bezahlung in Naturalien
Doch für einige Menschen in Groß Oesingen ist das kein Grund, sie beschäftigten Sattlermeister Katz weiter: "Für unseren Betrieb, wir hatten auch Pferde, hat er ebenfalls gearbeitet", erzählt Müller 2015. "Und meine Mutter hat immer etwas für sie eingepackt." Es sei in Naturalien bezahlt worden. Dies habe dabei geholfen, dass die Familie Katz überleben konnte, so Müller. Denn der jüdische Sattler und seine nichtjüdische Frau Hanni kommen zum Ende des Krieges offiziell kaum noch an Lebensmittel. Diese sind nach dem Erlass zur Neuregelung der Lebensmittelversorgung für Juden vom 18. September 1942 rationiert. Katz bekommt ein Stück Butter aus der Molkerei, Brot vom Bäcker.
Dank seiner sogenannten nichtprivilegierten Mischehe mit einer Christin wird Julius Katz nicht deportiert. Er gilt als „zurückgestellt“, wie der Historiker Manfred Grieger 2017 in einem Vortrag in Gifhorn erläutert
Warum bekommt Katz Hilfe?
"Zwei Mal waren Gestapo-Leute da und wollten ihm das Haus wegnehmen", erinnert sich Jürgen Rohde 2015. Der Bürgermeister habe das verhindern können. Wie, das wisse Rohde nicht. Er hat ein Buch über die wundersame Geschichte des Juden Julius Katz geschrieben und viele Details recherchiert. Doch er findet keine Erklärung, warum Menschen in dem kleinen Ort Katz in dieser schweren Zeit unterstützen. Was Rohde besonders wundert: Einen Lehrer, Mitglied der SPD, jagen die Groß Oesinger aus dem Dorf: "Und was völlig verrückt ist: Es sind dieselben Leute, die den Juden Katz geschützt haben."
Nach Befreiung hilft Katz den Bewohnern
Während der gesamten Nazi-Zeit muss sich Katz nicht verstecken. Er trägt seinen gelben Juden-Stern nur selten, leistet keine Zwangsarbeit. Dann kommt der 13. April 1945. Hans-Heinrich Heine erinnert sich noch gut: Er wohnt damals schräg gegenüber vom Bürgermeisterhaus, ist ein Nachbar von Katz. Morgens um zehn Uhr befreien die Amerikaner Groß Oesingen. Sie kommen und suchen den damaligen Bürgermeister Ernst Cordes. "Dann haben wir denen das gezeigt. Und dann sind sie mit ihrem Jeep um die Ecke gefahren, mit ihren Maschinenpistolen in der Hand und rein", erzählt Heine 2015. Drei oder vier Minuten später sei Katz mit seiner Brieftasche unter dem Arm den Befreiern hinterhermarschiert. "Und unserem Bürgermeister ist nichts passiert."
"Persilschein" für den Bürgermeister
In der Folgezeit verhilft Katz nicht nur dem damaligen Bürgermeister Cordes zu einem sogenannten Persilschein. Er entlastet etwa den Polizisten, den Orts-Bauernführer und andere Groß Oesinger.
Historiker Grieger kommt 2017 nach Sichtung von Entschädigungsakten von Katz und seiner Frau zu dem Schluss, dass die Fürsprache von Julius Katz für die Amtsträger in der NS-Zeit mit der Tatsache erklärt werden könne, dass dieser gern weiterhin in dem Dorf leben wollte. „Da überlegt man sich, wie sehr man andere belastet, wenn man weiterhin in der Nachbarschaft wohnt“, sagt er der „Allgemeinen Zeitung“.
Am 7. März 1957, zwölf Jahre nach Kriegsende, stirbt Katz. Auf dem Friedhof im Dorf steht heute ein Ehrenmal. Für den Zeitzeugen Heine ein wichtiges Denkmal: "Ich habe eine schöne Konfirmationskarte von Katz gekriegt. Darauf steht: 'Lass Deine Hände niemals ruhn, es gibt im Leben viel zu tun.'"
Die Urfassung dieses Beitrags wurde bereits 2015 veröffentlicht.
Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrags wurde u.a. aufgrund der Überschrift der Eindruck erweckt, ausschließlich das Dorf habe Julius Katz gerettet. Die sogenannte Mischehe von Julius Katz mit einer Christin wurde nicht erwähnt. Rechercheergebnisse des Historikers Manfred Grieger von 2017 zum Motiv von Katz, für Amtsträger auszusagen, fehlten. In der Bildergalerie war eine Aussage zu Lebensmittelkarten falsch. Die Passagen wurden entsprechend angepasst.