extra 3 wird 50: Ein halbes Jahrhundert Satire vom NDR

Stand: 21.09.2026 05:00 Uhr

Dieter Kronzucker, Peter Merseburger und Wolf von Lojewski: Die Gründungsmannschaft von extra 3 liest sich wie ein Who is Who des deutschen Journalismus. Seit 1976 hat sich die Sendung stark verändert, doch Aufsehen erregt sie immer noch. Ein Rückblick.

von Daniel Sprenger

Was darf Satire? Alles! Gibt es Grenzen? Nein! Guter Geschmack ist nicht nötig. Gibt es Gesetze? Ja, die achten wir. Hans-Jürgen Börner, extra 3-Urgestein

"extra 3 - die einzige Satire-Sendung": Mit diesem Slogan hat das NDR Fernsehen lange für das Format geworben - natürlich mit ironischer Brechung. Denn extra 3 ist längst nicht mehr die einzige Satiresendung im deutschen Fernsehen, wohl aber die erste und damit heute natürlich die älteste. Vor genau 50 Jahren lief die erste Ausgabe - am 21. September 1976. Gefeiert wurde das bereits einige Tage vor dem Stichtag mit einer 75-minütigen Geburtstagsshow.

Von Anfang an dabei war Hans-Jürgen Börner, zunächst als Redakteur, später als Leiter und Moderator der Sendung. Begonnen habe extra 3 als "ein ganz normales Magazin", erinnert sich Börner im Gespräch mit Jakob Leube und Freddy Radeke anlässlich des Jubiläums zum 50-jährigen Bestehen. Doch große Namen des deutschen Journalismus prägten die Sendung, und das schon zu Beginn: "Vor 50 Jahren saß Dieter Kronzucker in unserem Konferenzraum und Stefan Aust war dabei und alle anderen wichtigen Leute, und die haben festgestellt, wir müssen mal auf Quoten achten." Es habe damals im NDR Fernsehen jeden Tag ein eigenes Magazin gegeben, deren Quoten jedoch nicht messbar gewesen seien. "Das war für umsonst. Und da hatte einer die Idee, Jürgen Schröder-Jahn war es: Wir schmeißen alles zusammen und machen daraus eine schöne Sendung. Und das ist dann das Extra, extra 3."

Zunächst ein buntes Magazin

Wolf von Lojewski
Der spätere heute-journal-Moderator Wolf von Lojewski prägte als Conferencier von 1976 bis 1981 das frühe extra 3.

In den ersten Jahren sei extra 3 ein "buntes Magazin" gewesen, sagt Börner. "Wer kann so was moderieren? Wolf von Lojewski, ein Naturtalent." Er habe wie auch die Autoren ein Talent für Ironie und Schauspiel gehabt und als Conférencier durch die Sendung geführt. Von 1976 bis 1981 moderierte von Lojewski, in den ersten Jahren noch abwechselnd mit dem damaligen NDR Chefredakteur Peter Merseburger und Dieter Kronzucker, der einst geunkt hatte: "Die Sendung wird das Jahr 1976 nicht überleben." Er sollte sich irren.

Immer wieder Thema beim frühen extra 3: die Merkwürdigkeiten des Alltags. "Der erste, der wichtigste Punkt war, wie entdecke ich Ironie oder Groteskes im Alltag?", sagt Börner. "Das sind die sogenannten Realsatiren." In denen gehe es um lokale Streitereien, um Bürgermeisterposten und Straßen, die nicht gebaut werden. "Das ist ja bis heute immer noch so, leider gibt es das immer noch", so Börner.

Amtsschimmel, Behördenpossen und Skurriles aus dem Alltag von Zuschauern prägen die Sendung auch heute noch: Die Realsatiren sind konstant eine der erfolgsreichsten Rubriken von extra 3. Christian Ehring, der seit 2011 moderiert, erlebt auch in persönlichen Gesprächen, dass der reale Irrsinn "die Leute total packt". Die Rubrik sei von der ganzen Erzählweise her gar nicht so wahnsinnig jung und spritzig, "aber es finden auch junge Leute super. Das höre ich immer wieder." Daher sei allzu viel Denken in Zielgruppen aus seiner Sicht meist Quatsch.

Auf einer Karte von Norddeutschland markieren Punkte Orte, in den extra 3 Realsatiren spielen.

Ampeln für einen Acker bei Hannover, Ortsschildposse in Morsum oder der Streit um ein illegales Blumenbeet in Hamburg - extra 3 geht dahin, wo der stille Behörden-Wahnsinn tobt.

extra 3 war am Anfang nicht lustig

Hans-Jürgen Börner sitzt im Interview vor einem extra 3-Logo.
Hans-Jürgen Börner war von Anfang an bei extra 3 dabei. Von 1989 bis 1997 moderierte er die Sendung.

Auch wenn manche Bestandteile bis heute überlebt haben, so hat sich die Sendung an sich im Laufe der Zeit fundamental geändert. Denn zu Beginn war sie ... nicht lustig. Das gibt Börner durchaus unumwunden zu: "Warum es nicht lustig war, also das würde ich sagen, ist dem Zeitgeist geschuldet."

Wenn man eine Sendung beurteile, müsse man stets in Bezug setzen, zu welcher Zeit sie mit welchen Leuten gemacht wurde. "Und manches, was wir uns heute angucken und von dem wir sagen 'Um Gottes Willen, das kann gar nicht wahr sein', das hatte früher Aufmerksamkeit und fand Zuspruch", so Börner. "Die Geschmäcker ändern sich. Kurze Hosen, lange Hosen, kurzer Rock, langer Rock, das ändert sich."

1991 Etablierung als Satire-Sendung

Dass sich extra 3 zum reinen Satire-Magazin entwickelte, hat mit dem Start der Sendung DAS! (heute: DAS! Rote Sofa) zu tun, erinnert sich Börner. Als das erste deutsche Boulevard-Magazin 1991 auf Sendung ging, habe der damalige NDR Programmdirektor Jürgen Kellermeyer die Idee gehabt, dass die extra 3-Redaktion dafür jeden Tag einen Beitrag machen könnte. Die seien doch immer so lustig. Diese Tendenz zu mehr Humor habe sich schon abgezeichnet, als Börner die Sendung als Leiter 1989 übernommen hat. "Das reine Magazin musste zum Satire-Magazin quasi entwickelt werden, damit wir uns absetzen und nicht mit kleinen Stücken jeden Tag in den Alltag kommen, sondern einen eigenen Sendeplatz haben."

Das sei 1991 auch geglückt. "Es war das erste deutsche Satire-Magazin", sagt Börner. "Alles andere, was wir heute so als Comedy und Satire kennen, gab es nicht."

Was darf Satire: "Alles!"

Das Grundprinzip, was Satire darf, sei dabei bis heute gleich geblieben. Zumindest für Börner. Seine Antwort: "Alles! Gibt es Grenzen? Nein. Guter Geschmack ist nicht nötig. Gibt es Gesetze? Ja, die achten wir." Zudem sei Anarchie wichtig, das habe er seinem Team stets gesagt. "Denkt schräg, macht es von der anderen Seite, lobt die Falschen, damit das Richtige zum Strahlen kommt." Für Satiriker gebe es keine Heiligtümer.

Wir reißen alles ein und wir schänden auch unsere Freunde. Politisch korrekt kann eine Satire-Sendung nie sein. Hans-Jürgen Börner, extra 3-Urgestein
Tobias Schlegl als Prediger mit zwei Nonnen-Darstellerinnen vor dem Kölner Dom
Für Ex-Moderator Börner war die Kirche ein beliebter Gegner. Auch Nachfolger Schlegl legt sich öfter mit ihr an - etwa wegen der Vertuschung von Missbrauchsfällen.

Zu seiner Zeit seien die Kirche und die Bundeswehr die Hauptfeinde gewesen - "nach dem Motto 'Von oben kommt nichts Gutes' und Satire fängt im eigenen Haus an." Ein Qualitätsmaßstab ist für ihn daher: "Wie oft stand schon mal der aufgeregte Programmdirektor in der Redaktion und hat gesagt 'Ich schaffe euch ab, ihr überlebt das nächste Jahr nicht!'? Wie oft gab es Beschwerden vom Rundfunkrat, wie oft wollte man die Sendung einstellen?"

Auch wenn der Programmdirektor in den vergangenen Jahrzehnten nicht wutentbrannt in der Redaktion aufgetaucht ist, so provozierte extra 3 auch nach der Ära Börner, der von 1989 bis 1997 moderierte. Ihm folgten Michael Gantenberg (1997 bis 2000), gefürchtet wegen seiner schlagfertigen politischen Interviews, und Jörg Thadeusz (2000 bis 2004).

Video: Das haben wir wirklich ALLES gesendet! | 50 Jahre extra 3 (43 Min)

Schlegl in Aktion: Mit Bagger und "Goldenem Schlagstock"

Tobias Schlegl überreicht Stefan Mappus den "Goldenen Schlagstock"
Sichtlich "not amused" war Ministerpräsident Mappus, als Tobias Schlegl ihm den "Goldenen Schlagstock" überreicht.

Nach Thomas Pommer (2004 bis 2007) übernahm Tobias Schlegl - und erregte mit seinen Aktionen vielfach Aufsehen: Einmal rückte er mit dem Bagger vor dem Entwicklungshilfeministerium in Berlin an. Denn schließlich hatte der FDP-Politiker Dirk Niebel vor der Wahl gesagt, das Ministerium gehöre abgeschafft. Nach der Wahl wurde er ausgerechnet zum Entwicklungshilfeminister und erst Schlegl musste ihn an seine eigentlichen Pläne wieder erinnern.

2010 übergab der Außenreporter dem damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU) den "Goldenen Schlagstock", als Auszeichnung für das beherzte Eingreifen der Polizei bei den Protesten gegen die Rodung des Schlossparks für Stuttgart 21. Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) durfte sich über den "Goldenen Klappspaten" freuen, ein Preis fürs Nichtstun in Sachen Verkehrswende.

Erdogan-Song stellt alles in den Schatten

Diese Aktionen sorgen medial durchaus für Aufsehen, aber nicht so sehr wie ein Lied. Ein Lied für den türkischen Staatspräsidenten Erdogan. Damit wird 2016 eine veritable Staatskrise losgetreten und extra 3 international bekannt. Erdogan fühlte sich verunglimpft vom Song "Erdowie, Erdowo, Erdowan" und forderte Konsequenzen. "Dann hat sich Kanzlerin Merkel eingeschaltet, dann wurden Botschafter einberufen", erinnert sich Christian Ehring. Er selbst disponierte urlaubstechnisch um und verzichtete auf eine geplante private Istanbul-Reise.

Die beliebtesten extra 3-Songs ever.

Unsere Zuschauer haben entschieden, das sind die 20 meistaufgerufenen extra 3 Songs aller Zeiten. Lasst uns singend zurückblicken.

"Das hat dann gleich so einen Drive gekriegt, der mit uns gar nichts mehr zu tun hatte, obwohl wir das ausgelöst hatten", erinnert sich der Moderator. "Wir haben im Spaß gesagt, wenn jetzt die 'New York Times' auch noch berichtet, dann haben wir es echt geschafft. Und das kam dann auch noch."

Video: Trump, Putin, Kim - die "besten" Diktatoren aus 50 Jahren (2 Min)

extra 3 ist heute eine Magazin-Sendung im Showformat

Nach einigen Wochen legte sich der Sturm - und neue Gegner tauchten auf, an denen sich die Sendung abarbeiten konnte: Donald Trump, die AfD und Elon Musk. Heute ist extra 3 im Kern immer noch eine Magazin-Sendung mit satirischen Filmbeiträgen, aber die äußere Form ist eine Show geworden - mit Publikum, Gästen und Studioaktionen. Oder wie Moderator Ehring es einordnet: "extra 3 ist eine Satiresendung, aber eine seltsame, eine ganz eigene Satire-Sendung."

Im Gegensatz zu fast allen Satire-Sendungen sei es keine Übernahme oder eine Parodie von einem Format, wie es das auch in anderen Ländern gebe. "Es ist eine sehr deutsche Sendung, hier entstanden und hat sich auch hier immer weiterentwickelt. Und ich würde sagen, das Konzept ist ... es gibt kein Konzept. Also ich hoffe, es gibt kein Konzept, weil wenn es ein Konzept gäbe, hätte ich es nicht verstanden."

Der ehemalige extra 3-Moderator Wolf von Lojewski und der aktuelle Moderator Christian Ehring. (50 Jahre extra 3: Die Doku vom 18.09.2026 im Ersten) (hat KI-generierte Elemente)
"extra3"-Moderator Christian Ehring auf dem Roten Sofa.

Gemeinsam mit Christian Ehring blicken wir auf Highlights prägende Bestandteile der "extra 3"-Historie.

Alte Schwarz-weiß-Moderationsszene der Sendung extra 3.

1976 startete die Sendung im Regionalfernsehen des NDR. Moderatoren kamen und gingen, die Suche nach dem Witz aber blieb.

Das Logo der Sendung Extra 3

1976 wird die Satire-Sendung erstmals ausgestrahlt. Spottlieder wie "Erdowie, Erdowo, Erdowan" machen sie international bekannt.

Christian Ehring moderiert extra 3. (2026)

Christian Ehring zeigt den Irrsinn der Woche, immer bissig, frech und witzig.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 17.09.2026 | 07:52 Uhr

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