Der französische Ministerpräsident Clemenceau eröffnet im Juni 1919 in Schloss Versailles die Sitzung zur Unterzeichnung des Friedensvertrages (Zeichnung von George Scott).

Versailler Vertrag: Unterzeichnung, Inhalt und Folgen

Stand: 28.06.2024 00:00 Uhr

Am 28. Juni 1919 wurde der Versailler Vertrag unterzeichnet, am 10. Januar 1920 trat er in Kraft. Deutschland wurde kleiner, musste Reparationen zahlen und die "Kriegsschuld" anerkennen. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

von Wolfgang Müller

Nach dem Ersten Weltkrieg waren die Deutschen die Verlierer und bekamen das auch zu spüren. Als es um die Unterzeichnung des Versialler Vertrages ging, saßen drinnen im Saal bereits - vor großem Publikum - der britische Premier Lloyd George, US-Präsident Woodrow Wilson und der französische Premier Georges Clemenceau. Der hat dann gerufen: "Bringen Sie die Deutschen herein." Die mussten noch an fünf Kriegsversehrten vorbeigehen, also Menschen mit zerschmetterten, entstellten Gesichtern. Wie um zu sagen: "Das habt ihr angerichtet!" Und dann, an dem großen Tisch angekommen, haben sie den Vertrag unterschrieben.

Wer hat den Vertrag vom Versailles unterschrieben?

Der Versailler Vertrag wurde von Hermann Müller, der gerade erst Außenminister geworden war, und einem Kabinetts-Kollegen im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles unterzeichnet. Also genau dort, wo einige Jahrzehnte vorher etwas ganz anderes stattgefunden hatte: nämlich die deutsche Kaiser-Proklamation nach dem Sieg gegen Frankreich, also die Reichsgründung 1871.

Warum haben die Deutschen trotz Ablehnung unterzeichnet?

Weil es nicht anders ging. Sonst wäre Deutschland von den alliierten Truppen besetzt worden. Das war es ja nach dem Ersten Weltkrieg nicht (anders als nach dem Zweiten Weltkrieg). Die gegnerischen Armeen waren bei Kriegsende 1918 noch nicht nach Deutschland eingedrungen. Aber das wären sie - und das wussten die deutschen Militärführer Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff ganz genau. 

Das Schändliche war, dass die das später anders dargestellt haben und die sogenannte Dolchstoß-Legende in die Welt gesetzt haben, so als wäre Deutschland "im Felde unbesiegt" gewesen, wie es dann hieß. Es war aber besiegt und deshalb mussten die Deutschen diesen Vertrag akzeptieren, obwohl der extrem hart war. 

Das hat ja nicht nur die politische Rechte so gesehen. Auch ein Sozialdemokrat wie Philipp Scheidemann hat, als er einige Wochen vorher die Bedingungen erfahren hat, gesagt: Wer das unterschreibt, dem müsse die Hand verdorren. Und dann musste doch, mit dem erwähnten Hermann Müller, ein Sozialdemokrat unterschreiben. 

Was stand inhaltlich konkret in dem Versailler Vertrag?

Zunächst mal hat Deutschland durch diesen Vertrag etwa ein Siebtel seines Gebietes verloren. Wobei ein Teil davon durchaus okay war: Unter anderem, weil dadurch Polen wieder entstehen konnte (das hatten ja die Nachbarn über 100 Jahre lang unter sich aufgeteilt). Und im Westen ging Elsass-Lothringen zurück an Frankreich.

Aber dann war da noch als großes Thema die Zahlung von Reparationen durch Deutschland (für die Kriegsschäden. Zum Beispiel musste man auch fast die komplette deutsche Handelsflotte ausliefern.

Was hat es mit dem berüchtigten "Kriegsschuld"-Artikel auf sich?

Mit Artikel 231 des Friedensvertrages von Versailles wurden allein Deutschland und seine Verbündeten für den Ersten Weltkrieg und die daraus hervorgegangenen Verluste und Schäden verantwortlich gemacht. Darüber sind ganze Regalwände Bücher vollgeschrieben worden. Aber kurz gesagt: Anders als beim Zweiten Weltkrieg, der eindeutig von Deutschland ausging, war die Sache 1914 deutlich komplexer. Die Kriegsschuldthese wurde in Deutschland als große Ungerechtigkeit empfunden - und umgekehrt von manchen auf der anderen Seite als Triumph.

Überhaupt muss man sich klar machen, dass so ein Friedensschluss im 20. Jahrhundert etwas ganz anderes war als noch 100 Jahre vorher. Beim Wiener Kongress zum Beispiel, also nach dem Sieg über Napoleon 1815, da saß der Verlierer, damals Frankreich, selbstverständlich mit am Tisch. Das war jetzt anders. Den Deutschen wurde ja praktisch ein fertiger Vertrag vorgelegt.

Und, noch wichtiger, jetzt war das alles nicht mehr wie früher eine reine Diplomaten-Angelegenheit; jetzt standen sozusagen die verschiedenen Völker um den Verhandlungstisch herum, mit ihren Erwartungen und aufgeheizten Stimmungen. Dieser Druck der Öffentlichkeit machte eine einigermaßen rationale Lösung nicht gerade leichter.

Was bedeutete der Versailler Vertrag für die Weimarer Republik?

Es war eben eine Republik, die nicht nur aus einer Niederlage hervorging, sondern aus einer gefühlten Demütigung. Die politische Rechte hat natürlich ohne Ende auf dieser Klaviatur gespielt und die Politiker, die den Vertrag halbwegs einhalten wollten, als "Erfüllungs-Politiker" diffamiert, manche wurden auch ermordet.

Und dann blieb ja auch, ganz handfest, die wirtschaftliche Belastung durch die Reparationen. Das hatte übrigens ein junger Wirtschaftsexperte, John Maynard Keynes (der später sehr berühmt wurde) genau vorhergesehen und die britische Delegation aus Protest verlassen. Sein Argument: So kann sich Deutschland niemals stabilisieren und wird die anderen mit in den Strudel reißen.

Die Weimarer Republik hätte trotz Versailles eine Chance gehabt. Aber nur mit starken, demokratischen Kräften, die diese Chance auch ergreifen und festhalten. Nur diese Schicht war eben zu klein.


08.11.2022 15:35 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer vorigen Version des Artikels hieß es, Deutschland sei mit dem "Kriegsschuld"-Artikel praktisch die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg zugeschoben worden. Das ist zu verkürzt formuliert. Artikel 231 des Versailler Vertrages benennt "Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden". Wir haben den Fehler korrigiert.

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NDR Info | Infoprogramm | 28.06.2019 | 06:50 Uhr

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