Video: Hamburg damals: Harburg schreibt Automobilgeschichte (4 Min)

Tempo: Auf drei Rädern durch die Zeit des Aufbruchs

Stand: 21.05.2025 13:30 Uhr

Die Geschichte des Hamburger Autoherstellers Tempo-Werk beginnt im Jahr 1928. Der dreirädrige Hanseat ist in der Nachkriegszeit besonders gefragt. Einige wenige Fahrzeuge sind noch heute unterwegs.

von Jochen Lambernd

"So einen hatten wir auch mal" oder "Das waren noch Zeiten" hört Kai-Uwe Wahl häufig, wenn der Hamburger mit seinem Tempo Hanseat auf den drei Rädern für Aufsehen sorgt. Es macht ihm auch Spaß, die Leute mit dem vergleichsweise jungen Baujahr zu irritieren. Denn der Kastenwagen mit Ein-Zylinder-Dieselmotor und 10 PS aus 454 Kubikzentimetern Hubraum ist aus dem Jahr 1989. Warum in seinen Erklärungen Indien eine Rolle spielt, ist der lebhaften Geschichte des Autoherstellers Tempo-Werk geschuldet, die 1928 ihren Anfang nahm.

Vom Kohlenhändler zum Autobauer

Ursprünglich sind die Firmengründer im Kohlen- und Brennstoffhandel tätig. Auf der Suche nach einer zukunftsträchtigeren Branche werden Max Vidal und sein Sohn Oscar im wachsenden Markt der Dreirad-Lieferwagen fündig. Hintergrund: Für Fahrzeuge mit weniger als vier Rädern und einem Hubraum unter 200 Kubikzentimetern gibt es damals eine Steuer- und Führerscheinfreiheit.

Firmengründer Oscar Vidal steigt aus einem Tempo Hanseat (1950er-Jahre)
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Tempo und seine Fahrzeuge

Produktion läuft anfangs etwas "unrund"

So wird 1928 der Autobauer Vidal & Sohn gegründet - später wird der Zusatz Tempo-Werk ergänzt. In der Anfangszeit "rumpelt" die Herstellung bei den Vidals noch, die ersten Fahrzeuge haben mitunter gravierende Mängel. Als aber der gewiefte und erfahrene Konstrukteur Otto Daus 1929 dazustößt, nimmt das junge Unternehmen richtig Fahrt auf. Die Firma ist zunächst einige Jahre in der damals noch eigenständigen Stadt Wandsbek ansässig. Dort bestehen allerdings keine Erweiterungsmöglichkeiten. Daher ziehen die Autopioniere 1935 nach Harburg-Wilhelmsburg, das 1937 in den Staat Hamburg eingegliedert wird, auf ein größeres Gelände. Dort gibt es bereits eine Fabrik namens Galalith, die ihren Betrieb - unter anderem die Produktion von Kämmen aus Kunstharz - allerdings aufgegeben hat. Tempo kann das leerstehende Werk laut Kai-Uwe Wahl günstig übernehmen. "Der Vorteil ist auch gewesen, dass sie dieses Werk auch sofort in Betrieb haben nehmen können."

Viele Ausstattungsvarianten möglich

Der meistgekaufte Kleinlaster der Welt kommt in den 1930er-Jahren von Tempo. Die Tempo-Fahrzeuge haben durchweg Frontantrieb. So haben die Käufer bei der Wahl der Ausstattungsvarianten relativ freie Hand. Das Tempo-Werk stellt im Verlauf seiner mehr als 40-jährigen Geschichte eine große Zahl an Sonderaufbauten her. "Tempo baut nach Maß", heißt es. Mit dem Geländewagen G1200 fertigt Tempo darüber hinaus ein Auto, das auch für das Militär interessant ist - sogar im Ausland.

Besondere Vorsicht auf drei Rädern

Mehrere Tempo Hanseat nehmen an einer Fahrt teil
Sportlich unterwegs sind die Tempo-Wagen schon, aber vor Kurven sollte der Fahrer Gas wegnehmen.

"Das Besondere an Tempo ist für mich die Tatsache, dass die Fahrzeuge aus Hamburg kommen und doch recht selten sind", erläutert Kai-Uwe Wahl sein Interesse für die Oldtimer. Wie Wahl engagiert sich auch Sven Thomsen im 1999 gegründeten Tempo Club Deutschland, in dem sich Tempo-Freunde über die diversen Fahrzeuge und ihre Besonderheiten austauschen können.

Thomsen hat einen Ratschlag, den schon in den 1930er-Jahren jeder Fahrer eines solchen Dreirads beherzigen sollte: "Vor der Kurve unbedingt den Fuß vom Gas nehmen!" Sonst droht der Wagen umzukippen und landet vielleicht im Graben. "War aber nicht schlimm. Weil: drei Mann an zwei Ecken, so wurde das Fahrzeug wieder aufgestellt. Fahrer stieg ein und fuhr weiter. In der Regel sind nicht mal die Scheinwerfer kaputt gegangen. Das Einzige, das mal ein bisschen verbogen oder kaputt war, das waren die Spiegel", ergänzt Kai-Uwe Wahl.

Robuste Autos helfen beim Wiederaufbau

Weil es auch für die Nachfolgemodelle keine Ersatzteile mehr gibt, hält das Club-Archiv unter anderem Ersatzteilkataloge, Werkstatthandbücher, Betriebsanleitungen und technische Zeichnungen bereit. Ziel des Clubs ist es auch, die Erinnerung wachzuhalten. Schon jetzt fiebert man dem Jubiläum zum 100-jährigen Bestehen des Autobauers entgegen.

Besonders der Hanseat ist sehr gefragt. Die Autos gelten darüber hinaus als "unkaputtbar" und werden rückblickend als Motor des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet. Nachdem die Briten die Produktionsgenehmigung erteilen, stellt Vidal & Sohn bereits 1945 wieder Fahrzeuge her. In die Erfolgsspur fahren die Hamburger aber erst nach der Währungsreform 1948 und dank eines europäischen Hilfsprogramms, das dafür sorgt, dass Rohstoffe wieder in die Hansestadt geliefert werden. Das Tempo-Werk stellt viele neue Arbeiter ein, Produktion und Nachfrage steigen gleichermaßen, sodass die Fertigungshallen erweitert werden müssen.

1950 ist der Hanseat der meistverkaufte Lieferwagen in Deutschland. "Er war relativ günstig", sagt Kai-Uwe Wahl dem NDR 2025, "er lag anfangs bei 3.500 D-Mark.

Vielseitig einsetzbar

Neben dem Hanseat (als Weiterentwicklung der Vorkriegsdreiräder A200 und des A400) kommt auch der vierrädrige Matador mit seinen "Kulleraugen" bei der Kundschaft gut an. So haben namhafte Firmen wie Reifenhersteller Phoenix oder Senf-Produzent Kühne Tempo-Wagen in ihren Fuhrparks. Beliebt sind die Autos auch bei Kleinbetrieben oder "fliegenden Händlern" als mobiler Verkaufsstand. Es gibt Krankenfahrzeuge, Abschlepp-, Straßenreinigungs- und Tankwagen sowie Busse von Tempo - alle basierend auf den Grundplattformen. Familien freuen sich über Autos mit Camping-Ausstattung. Auch der Export boomt. Insgesamt 48 Länder stehen als Auftraggeber in den Bestelllisten. Die Firma Vidal & Sohn schwimmt auf einer Erfolgswelle.

Tempo, Tempo schreit die Welt, Tempo, Tempo, Zeit ist Geld. Hast Du keinen Tempo-Wagen, wird die Konkurrenz Dich schlagen. Firmen-Slogan von Tempo-Werk

Keine Chance gegen die großen Konzerne

Doch die Konkurrenz schlägt zurück. Bereits 1952 muss sich Tempo nach einem anderen Motorenhersteller für den Matador umsehen. Bis dahin liefert VW das Herzstück der Autos, will den Erfolg der Hamburger aber nicht weiter unterstützen. Das neue Modell Wiking bringt noch mal etwas Schwung für Tempo, doch die Zeiten für das Privatunternehmen werden härter. Während die großen wiedererstarkenden Automobilkonzerne wie VW, Opel, Daimler und Ford riesige Summen investieren, geht die Entwicklung in Harburg nur behutsam voran. Um das Unternehmen mit einem Partner abzusichern, verkauft Oscar Vidal am 1. Februar 1955 50 Prozent an die Hannoversche Maschinenbau AG (Hanomag). Dies geschieht wohl auch, weil die Zeit des einst erfolgreichen Hanseat abgelaufen ist. Drei Räder sind nicht mehr gefragt. Nach mehr als 100.000 Exemplaren wird der Verkauf in Deutschland 1956 eingestellt.

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Tempo-Werk

Den Erfolg bringen dreirädrige Kleinlaster, später baut das Hamburger Tempo-Werk auch Fahrzeuge auf vier Rädern.

Zu Hanomag und zu Rheinstahl

Die Zusammenarbeit mit Hanomag funktioniert anfangs gut, dann geraten die Hannoveraner selbst in Schwierigkeiten. 1958 übernimmt die Rheinische Stahlwerke AG aus Essen die Aktienmehrheit von Hanomag. Ein Jahr später gehen Tempo und Hanomag an den Rheinstahl-Konzern. 1965 gibt Oscar Vidal seine letzten Geschäftsanteile an Rheinstahl ab. Innerhalb des Essener Konzerns kommt Tempo zu Hanomag. Der Tempo-Lieferwagen wird als "Harburger Transporter" weiterentwickelt. Ab 1966 hat auch der Tempo Matador das Rheinstahl-Hanomag-Emblem auf der Front. Bis dahin werden exakt 277.281 Tempo-Fahrzeuge in Deutschland produziert.

Heute residiert Daimler am Tempo-Standort

L206/207 Leichttransporter von Mercedes abstammend vom Tempo Matador - ab 1970 wahlweise mit Stern am Grill
Der "Harburger Transporter" basiert auf dem Tempo Matador - hier schon mit dem Stern auf dem Kühlergrill.

Das Tempo-Werk in Harburg wird 1969 Teil der neuen Hanomag-Henschel Fahrzeugwerke GmbH, die wiederum 1971 von der Daimler-Benz AG übernommen wird. Bis 1977/1978 baut Mercedes die "Harburger Transporter" in Hamburg. Als dessen Nachfolger ist der T1 ("Bremer Transporter") dann ein "echtes" Fahrzeug mit dem Stern.

Die einstige Harburger Handarbeit ist längst Hightech gewichen. Das Daimler-Werk ist heute ein moderner Standort unter anderem für Antriebskomponenten der Elektromobilität.Roboter arbeiten hochpräzise und stellen diese Teile her. Hinzu kommen die traditionellen Produktfelder, die von Achsen und Achskomponenten über Lenksäulen und Leichtbaustrukturteile bis hin zu Komponenten der Abgastechnologie reichen. In jedem Mercedes-Benz-Pkw wird mindestens ein Produkt aus dem Harburger Werk verbaut.

Clemenz Dobrawa, der Standortverantwortliche in Harburg, sagt dem NDR 2025: "Wir haben immer noch einen Werksteil, der ursprünglich aus dem Tempo-Werk überführt wurde. Das sind geschichtsträchtige alte Backsteingebäude. In diesen Gebäuden findet zum heutigen Zeitpunkt immer noch ein Drei-Schicht-Betrieb in der Serienproduktion statt wie zum Beispiel die Pedalanlage für fast alle Mercedes-Benz-Pkw im internationalen Produktionsverbund."

Inzwischen auch als Elektro-Auto gebaut

Vom Hanseat gibt es seit 2020 sogar eine Elektro-Version. Das Fahrzeug aus dem Jahr 1951 ist drei Monate lang umgebaut worden - im Technopark des Tempo-Werks ganz in der Nähe von Daimler. Der Wagen erreicht ein Maximaltempo von 55 Kilometern pro Stunde - was in etwa der Leistung des Originalantriebs entspricht.

Hanseat wird noch 38 Jahre in Indien gebaut

Kai-Uwe Wahl und sein Tempo Hanseat
Kai-Uwe Wahl "schraubt" an seinem Tempo Hanseat selbst.

Auch wenn die Marke Tempo in Deutschland nicht mehr benutzt wird, lebt sie noch weiter: Das Unternehmen Bajaj-Tempo in Indien stellt von 1962 bis 2000 die Dreirad-Lieferwagen von Tempo in Lizenz her. Und so erklärt sich dann auch die Herkunft des reimportierten Hanseat von Kai-Uwe Wahl. Der Wagen aus dem Jahr 1989 läuft technisch einwandfrei (Spitzengeschwindigkeit 50 km/h) und hat natürlich TÜV. Wahl lässt ihm im Alltag keine besondere Pflege zukommen. "Mein Fahrzeug soll sein Leben zeigen. Ich bin nicht der Typ, der ein überrestauriertes Auto sein eigen nennen möchte."

Das ist der Standort der Firma Vidal & Sohn in Hamburg-Wandsbek. Davor stehen zwei Tempo-Wagen aus der T-Baureihe mit Frontladefläche. Die Aufnahme stammt aus der Zeit zwischen 1929 und 1934.
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Wie und wo damals bei Tempo gearbeitet wird

Standorte von Vidal & Sohn in Hamburg

Eine Drohnenaufnahme zeigt das Käfer-Treffen auf dem Messegelände in Hannover.

Beim 42. Maikäfertreffen werden am 1. Mai auf dem Messegelände Bulli, Käfer und Co. präsentiert.

Eine Luftaufnahme zeigt ein Trecker-Oldtimer-Treffen im Rhiederland.

Über 600 Traktoren bollern im ostfriesischen Boen über das Feld. Eingeladen haben die "Freunde alter Landmaschinen".

Eine Familie mit einem Trabant 600 in der DDR, ca. 1975,

In der Familie herrschte große Freude, wenn der neue Trabi vom IFA-Vertrieb abgeholt werden konnte. 10 bis 15 Jahre Wartezeit waren in der DDR normal.

Ein IFA F9 und ein DKW F91 sowie verschiedene Motorräder in der Dauerausstellung des PS.Speicher in Einbeck.

Fahrräder, Autos, Motorräder: Der PS.Speicher dokumentiert die Geschichte der Mobilität auf zwei, drei und vier Rädern.

Mehrere Pkw parken am Straßenrand.

Entwickelt wurde das Auto als günstiges Familienauto - inzwischen ist es eine Kostbarkeit mit Kultfaktor.

Jörg Lammers und sein Sohn stehen links und rechts von einem Oldtimer, dessen Motorhaube geöffnet ist und beugen sich über den Motorraum.

Der Ford Taunus, an dem Jörg Lammers mit seinem Sohn schraubt, ist eigentlich kaum zu retten. Trotzdem soll das Auto wieder auf die Straße.

Ein Mann lehnt an einem roten Oldtimer und blickt aufs Meer.

Jürgen Swobodas Herz schlägt für Oldtimer. 1.300 Fahrzeuge wurden schon in seinem Betrieb gewartet, gepflegt - und manche verkauft.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Hamburg Journal | 18.05.2025 | 19:30 Uhr

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