Heinrich Himmler, Reichsführer der SS, spricht zu Soldaten der Waffen-SS.
AUDIO: Kriegsende in Schleswig-Holstein (7 Min)

"Rattenlinie Nord": Als SS-Verbrecher nach Flensburg kamen

Stand: 06.05.2026 05:00 Uhr

Mai 1945, Kriegsende in Flensburg: Die letzte Reichsregierung nimmt in Mürwik ihren Sitz. Tausende SS-Angehörige versuchen, auf der "Rattenlinie Nord" ihre Spuren zu verwischen - wie SS-Führer Heinrich Himmler oder Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß.

von Werner Junge*

Erst in den 1980er-Jahren prägen Historiker den Begriff "Rattenlinie". Er beschreibt zunächst die Flucht hochbelasteter Nazis über Italien, den Vatikan oder Spanien nach Südamerika. Erst durch neuere Quellen wurde in den späteren Jahren klar, dass es auch eine "Rattenlinie Nord" gab. Sie führte nicht nach Südamerika, sondern über Flensburg ins Nachkriegsdeutschland.

Wie der Historiker Gerhard Paul beschrieben hat, sind die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges in Flensburg geprägt von Endzeitstimmung und Chaos - aber auch einer noch hocheffizienten Bürokratie. Die arbeitet im Polizeipräsidium und macht aus Massenmördern, Killern und Managern des Holocausts einfache Wehrmachtssoldaten.

Der 95-jährige Leo Thiel sitzt auf einer Parkbank und hat ein Buch in seinen Händen.

Als 15-Jähriger flieht Leo Thiel mit seiner Mutter und seinen Brüdern vor der Roten Armee. Die Wunden heilen nie, doch Tränen fließen erst Jahrzehnte später.

Gerda Friz zeigt auf einer Landkarte die Fluchtroute, über die sie und ihre Familie nach Mecklenburg kamen.

1945 waren sie von der Roten Armee eingekesselt, ihnen blieb nur die riskante Flucht über die Ostsee. Für Gerda Friz sind die Erinnerung noch immer lebendig.

Gertrud Horn und Ernst Reimann stammen aus Wolhynien und musst 1945 fliehen.

Mit Kriegsende kommen 73 Familien in dem damals winzigen Ort an. Hier bauen sie sich im Zuge der Bodenreform ihre Siedlung und ein neues Leben auf.

Fluchtpunkt Flensburg

Nach dem Selbstmord von Adolf Hitler am 30. April 1945 gibt es keinen Plan. Aber es gibt ein Ziel: Flensburg. Schleswig-Holstein ist noch nicht von den Alliierten besetzt. Schon seit Ende 1944 rollen die Trecks der Flüchtlinge in den Norden. In den ersten Mai-Tagen kommen dazu Züge mit Häftlingen aus dem KZ Neuengamme nach Flensburg. Schiffe bringen sie ausgemergelt, zu Tode erschöpft über See aus dem Osten. SS-Reichsführer Heinrich Himmler hat das befohlen. Er will die KZ-Häftlinge als Geiseln.

Flensburg quillt über von Menschen. In wenigen Tagen verdoppelt sich die Einwohnerschaft der Fördestadt auf wahrscheinlich mehr als 150.000. Zu den hungernden Flüchtlingen, die inzwischen in jedem Haus einquartiert sind, kommen ehemalige Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus dem Osten

Himmlers Plan scheitert

In feinen Uniformen, in Limousinen und Bussen, vollgepackt mit Vorräten, Geld und Gold, erreicht SS-Führer Heinrich Himmler mit seinem Stab von 150 Getreuen am 2. Mai Flensburg. Das Oberkommando der Wehrmacht kommt am 3. Mai, dann schließlich Hitler-Nachfolger Karl Dönitz. Auf ihn setzt Himmler. Nach seinen Versuchen über Separatverhandlungen und durch das Freilassen skandinavischer KZ-Häftlinge war er bei Hitler in Ungnade gefallen.

Nun buhlt Himmler um die Gunst von Dönitz. Er hofft, durch das Freilassen der KZ-Häftlinge die Alliierten zu gewinnen. Doch am 6. Mai blitzt er auch bei Dönitz endgültig ab. Erst zwei Tage vor der bedingungslosen Kapitulation wird Himmler klar: Er und seine SS-Führer können nur noch untertauchen. Er hat schon am 3. Mai den Organisatoren des Holocausts geraten, sich Dokumente zu besorgen, die aus ihnen einfache Wehrmachtssoldaten machen.

Neue Identitäten am Fließband

Der Identitätswechsel ist schon organisiert. SS-Standartenführer Hans Hinsch als Polizeipräsident sorgt dafür. Erste Station, das Polizeipräsidium Norderhofenden 1. Hier gibt es neue Papiere. Aus SS-Standartenführern werden einfache Feldpolizisten, Unteroffiziere der Wehrmacht, Maate der Marine. Die Taschen voller Geld geht es nach Mürwik. Dort gibt es die zur neuen Identität passende Uniform, gebrauchte Stücke werden bevorzugt.

Himmler hatte empfohlen, sich dann nach Dänemark abzusetzen. Die meisten gehen aber nach Süden. Sie lassen sich von den nach Norden vorstoßenden Briten gefangen nehmen. In den Sperrgebieten Eiderstedt und Fehmarn/Ostholstein werden sie interniert. Viele werden als Wehrmachtssoldaten schon im Sommer 1945 entlassen. Rudolf Höß alias Marinemaat Franz Lang ist dafür ein typisches Beispiel. Er gibt an, er komme aus der Landwirtschaft und kommt so auf dem Hof bei Flensburg unter.

Die Nazi-Jagd beginnt

Die britischen Soldaten erreichen Flensburg am 8. Mai 1945. Sie wissen, dass viele Nazi-Verbrecher versuchen, ob der sich auflösenden Wehrmacht abzutauchen. An der deutsch-dänischen Grenze filtern die Briten innerhalb weniger Tage aus dem nach Schleswig-Holstein zurückflutenden Soldaten-Strom aus Norwegen und Dänemark mehr als 2.400 als Wehrmachtssoldaten getarnte SS-Leute heraus.

Anders läuft es bei denen, die sich in Flensburg neue Identitäten besorgen: Der Mehrheit von ihnen gelingt der Trick. Sie entgehen der Strafe, tauchten später wieder in der neuen Bundesrepublik auf. In vielen Fällen gelangen sie wieder in Führungspositionen. Sie können sich auf ein Kartell schweigender Mitwisser verlassen.

Himmlers Ende: Selbstmord mit Zyankali

Das Sterbehaus des Reichsführers der SS, Heinrich Himmler, in Lüneburgs Uelzener Straße 31, in dem Himmler am 23. Mai 1945 mit Zyankali im Vernehmungszimmer des Security Headquarter der britischen Besatzungsmacht Selbstmord beging.
In diesem Haus in Lüneburg begeht Heinrich Himmler Selbstmord.

In Kollerup bei Flensburg taucht Heinrich Himmler ab. Der Reichsführer SS rasiert sich am 8. Mai den Schnäuz ab und verwandelt sich in einen schlichten Feldgendarm. Mit nur noch ein paar Getreuen geht es Richtung Süden. Am Nord-Ostsee-Kanal warten die Briten. So besticht Himmler einen Fischer, lässt sich über die Elbe bringen. Am 20. Mai wird er bei Lüneburg kontrolliert. Die Papiere des Feldpolizisten Heinrich Hitzinger fallen auf. Sie sind zu neu, zu frisch. Hitzinger wird als Himmler enttarnt.

Weil die Briten befürchten, dass Himmler Gift bei sich haben und sich das Leben nehmen könnte, soll er am 23. Mai 1945 penibel untersucht werden. In der Tat hat der Nazi eine Zyankali-Kapsel im Mund, versteckt in einer Zahnlücke. Er zerbeißt sie und stirbt nach wenigen Minuten. Sein Leichnam soll in einem anonymen Grab in der Lüneburger Heide bestattet worden sein.

Am selben Tag verhaften die Alliierten die Regierung Dönitz in Flensburg. Dönitz, Alfred Jodl - beide in feiner Admirals- respektive Generalsuniform, und Albert Speer im Trenchcoat werden mehrmals im Hof des Polizeipräsidiums Norderhofenden vorgeführt. Der Hof ist klein, die Kamerateams aus aller Welt sollen die Möglichkeit haben, das historische Bild vom Ende der Nazi-Zeit zu machen.

Mitglieder der deutschen Regierung "Dönitz": Minister für Rüstung und Kriegsproduktion Albert Speer (links), Großadmiral Karl Dönitz (Mitte) und General Alfred Jodl warten in einem Hof ​​in Flensburg nach ihrer Festnahme durch britische Truppen am 24. Mai 1945.

Erst am 23. Mai 1945, 15 Tage nach Kriegsende, werden die Mitglieder der noch amtierenden Reichsregierung in Flensburg verhaftet.

Versteckspiel von Höß fliegt auf

Der ehemalige Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz, Rudolf Höß, in Handschellen.
Der Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz, Rudolf Höß (M.), wird Mitte der 40er-Jahre nach Polen ausgeliefert und später hingerichtet.

Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß gelingt das Versteckspiel immerhin rund neun Monate. Er ist im Mai 1945 im Norden Schleswig-Holsteins unter falschem Namen untergetaucht. Aber letztlich fliegt er doch auf.

11. März 1946, 23 Uhr: Noch ist alles ruhig auf dem Hof Hansen in Gottrupel bei Flensburg. Plötzlich Lärm. Die Bewohner schrecken zusammen. Sind es Polen, ehemalige Zwangsarbeiter, die plündern wollen? Doch die Türen werden von britischen Soldaten aufgerissen. Auch die der Knechtekammer. Dort schläft Franz Lang. Der ehemalige Marinemaat hilft auf dem Hof ohne Bauern. Ein fleißiger, ein netter Mann, der sich viel Zeit für die Kinder nimmt. Nun prügeln Gewehrkolben auf ihn ein. Blutüberströmt steht er im Unterzeug, als ihm der Ehering vom Finger gerissen wird. Captain Hans Alexander liest die Gravur: Rudolf und Hedwig. Der britische Nazijäger ist am Ziel. Er hat den KZ-Kommandanten von Auschwitz, er hat Rudolf Höß gestellt.

Eine Kollage aus einem Schwarzweißbild von Shlomo Szmajzner der eine Foto von Gustav Wagner in die Kamera hält, im Hintergrund ein Pferd mit Reiter.

Bis zu 3.000 SS-Kriegsverbrecher

Höß wird an die Polen ausgeliefert und am 16. April 1947 in Auschwitz vor seiner ehemaligen Kommandanten-Villa mit Blick auf die Gaskammern gehängt. Er ist einer von wahrscheinlich bis zu 3.000 SS-Kriegsverbrechern, die im Mai 1945 in Flensburg untergetaucht sind. Der weitaus größte Teil von ihnen kann sich ungestraft in die Nachkriegszeit retten.

* Der Autor ist inzwischen nicht mehr für den NDR tätig.

Eine historische Aufnahme des Landratsamts Eutin, eine zeitgenössische Postkarte

Ab dem 21. April 1945 versammeln sich Nazi-Größen in Eutin, Plön und Lübeck. Es gibt brisante Treffen um Hitlers Nachfolge.

Ehemalige Flensburger Marineschule

In der Marinekriegsschule quartiert sich am 3. Mai 1945 Hitlers Nachfolger Dönitz mit Ministern ein. SS-Chef Himmler irrt durch das Umland.

Karl Dönitz mit Mitgliedern der Geschäftsführenden Reichsregierung vor einem Gebäude in Flensburg.

Am 9. Mai 1945 schweigen die Waffen. Bis zum 23. Mai bleibt Hitlers Nachfolger Dönitz mit NS-Ministern aber noch im Amt.

Ausschnitt der Europa-Karte vom 1. Mai 1945 aus dem "Atlas of the World Battle Fronts in Semimonthly Phases" des United States War Department, 1945, der die Gebietslage in zweiwöchigen Abständen dokumentiert.

Im Frühjahr 1945 ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Wie verliefen die letzten Kriegsmonate? Welche überregionalen Ereignisse waren relevant?

Schwarz-weiß Bild von Ludwig Oldach in Uniform

Ludwig Oldach schickte Züge voller Menschen nach Auschwitz und ließ Zwangsarbeiter hinrichten. Ende April 1945 floh er nach Flensburg.

Wehrmachtssoldaten ergeben sich 1945 und halten weiße Tücher hoch.

Am 8. Mai 1945 kapituliert die deutsche Wehrmacht. Viele Städte und Lager sind von den Alliierten da bereits befreit worden.

Neuengamme-Prozess am 29. April 1946 Curio-Haus in Hamburg: In der ersten Reihe sitzend (l-r): der ehemalige Lagerkommandant Max Pauly (1), sein Adjutant Karl Totzauer (2), der Lagerführer Anton Thumann (3) sowie der SS-Arzt Dr. Bruno Kitt (4). Ihnen wird vorgeworfen, mehr als 45.000 Insassen des Lagers ermordet zu haben.

Eine britische Einheit fahndet nach dem Krieg nach SS-Leuten und KZ-Schergen und stößt auf perfide Verbrechen. Ein Dossier.

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ARD Sounds | Archivradio - Geschichte im Original | 03.05.2025, Online-Beitrag zuerst veröffentlicht am 04.05.2025 | 08:30 Uhr

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