Ein Polizist führt am 21. August 1968 einen Demonstranten ab

1968: Die SED und der "Prager Frühling"

Stand: 04.06.2016 11:14 Uhr

1968 marschieren Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten in die ČSSR ein und zerstören die Hoffnung auf einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". Die SED untersützt die Intervention im Hintergrund.

von Michael Bluhm

Wenzelsplatz in Prag, 21. August 1968: Junge tschechische und slowakische Demonstranten stehen sowjetischen Panzern gegenüber und schreien ihre Wut in die Kanonenrohre. Die Bilder gehen um die Welt und zeigen, wie ausländische Truppen die Idee von einem "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zerstören. Sie kommen aus der Sowjetunion, Polen, Ungarn und Bulgarien. Auch die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR steht Gewehr bei Fuß, doch zu frisch sind die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg - sie bleibt an der Grenze stehen. Dennoch unterstützt die SED die Intervention im Hintergrund mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.

Dubček und sein "Sozialismus mit menschlichem Antlitz"

Es war der dritte große Versuch, sich von der sowjetischen Vorherrschaft zu emanzipieren. Schon der 17. Juni 1953 in der DDR und der Ungarn-Aufstand 1956 waren Versuche, Moskaus Sozialismus-Modell liberaler zu gestalten. Im Januar 1968 übernahm Alexander Dubček die Führung der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPČ) und setzte sogleich einen Reformkurs in Gang. Es war das erste Mal, dass sich eine machtausübende kommunistische Partei selbst an die Spitze einer Reformbewegung stellte.

An der Fassade des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) in Berlin-Mitte ist im Januar 1990 das Partei-Emblem mit dem Händedruck vor der roten Fahne zu sehen.

Im April 1946 wurde die SED gegründet. Als spätere Staatspartei der DDR wirkte sie in alle Lebensbereiche hinein.

Dubčeks Aktionsprogramm sah eine Lockerung der Planwirtschaft, Meinungs- und Informationsfreiheit und einen am Menschen orientierten Sozialismus vor, einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" eben. Die plötzlich gewonnene Pressefreiheit sorgte für eine kritische Öffentlichkeit: Zeitungen und Rundfunk hielten keine Informationen zurück, Künstler kritisierten Verfehlungen der Vergangenheit und Studenten protestierten gegen den Vietnamkrieg, wie jene in Westeuropa. Langfristig sollte auch das Ein-Parteien-System in der Tschechoslowakei (ČSSR) aufgeweicht werden.

In der SED wächst der Widerstand

Die Entwicklungen blieben in der DDR nicht unbemerkt. Der SED-Führung um Walter Ulbricht war vor allem die Aufweichung der Alleinherrschaft ein Dorn im Auge, öffentliche oder auch innerparteiliche Diskussionen über die Zukunft des Sozialismus waren nicht erwünscht. Mittlerweile hegten auch Teile der Bevölkerung leise Hoffnung, die Ideen von Freiheit und Demokratie könnte auch in der DDR Anklang finden - darunter waren auch viele Mitglieder der SED.

Weitere Folgen
1946 in der deutschen "Ost-Zone"

Im April 1946 entsteht die SED durch einen Zusammenschluss von SPD und KPD. Wer gegen diese Vereinigung ist, wird von der sowjetischen Besatzungsmacht gemaßregelt.

Die SED hat das Alltagsleben in Ostdeutschland maßgeblich geprägt - auch in den Familien. Unterschiedliche Haltungen zu Mauerbau und "Prager Frühling" haben die Familie Janetzko zerrüttet.

Herbst 1989: Eine große Veränderung geht durch die DDR - und auch durch Rostock. Die Bevölkerung kämpft für ihr Recht und die Vision eines neuen Sozialismus. Auch die Kirche ist involviert.

Wolfgang Donner ist zu DDR-Zeiten Dozent an der SED-Bezirksparteischule in Schwerin. Dort will er die neuen Ideen Gorbatschows bekannter machen. Kurz darauf muss er die Schule verlassen.

Die SED-Spitzenfunktionäre bemühten sich derweil um eine Sabotage des Reformkurses im Nachbarland. Sogenannte "gesunde Kräfte", also Gegner von Dubčeks Politik, sollten gewonnen und materiell unterstützt werden. Parteigremien und Betriebe auf beiden Seiten tauschten sich über die Reformen aus, die SED-Vertreter traten dabei immer öfter als Lehrmeister auf - man sah sich ideologisch "zwei Stufen höher". Eine Invasion aus dem Ausland forderte Ulbricht hingegen noch nicht, höchstens militärischen Druck.

Der Einmarsch wird vorbereitet

Die Option einer Invasion wurde von der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) von Anfang an in Betracht gezogen, sollte aber durch Verhandlungen mit der KPČ verhindert werden. Zu groß war das Risiko, das Auftreten der Sowjetunion als kompromisslose Hegemonialmacht würde zu noch mehr Aufständen führen. Deswegen suchte sie Verbündete bei den herrschenden Bruderparteien des Warschauer Pakts, in Polen, in Ungarn, in Bulgarien und auch in der DDR. Zusammen bildeten sie die sogenannten "Warschauer Fünf".

Weichenstellung in Dresden

Am 23. März 1968 trafen sich hohe Partei- und Regierungsvertreter der "Warschauer Fünf" und der ČSSR in Dresden - die SED saß mit am Tisch. Hier wurde Dubček wie ein Angeklagter behandelt, man warf ihm die Unterstützung der "Konterrevolution" vor und forderte ein Ende des Reformkurses. Der ungarische Parteichef erinnerte sogar an die Situation in seinem Land 1956 - am Ende marschierten sowjetische Truppen nach Budapest.

Die KPČ blieb bei ihrem Standpunkt. Und so stieg mit jedem Monat der politische und militärische Druck auf die Prager Regierung. Die zahlreichen Beratungen der "Warschauer Fünf" und Verhandlungen mit der KPČ zeigen, dass eine Invasion lediglich Ultima Ratio für die Sowjetunion darstellte. Doch nach einem letzten erfolglosen Gespräch Anfang August in Bratislava entschied sich die KPdSU für den Einmarsch. Sie hatte die Entscheidungsgewalt und führte den Einsatz der Truppen aus den fünf anderen Bruderländern an.

Einmarsch ohne NVA

In der Nacht auf den 21. August 1968 überschritten die Truppen der Sowjetunion und ihrer Verbündeten die Grenze und besetzten in nur wenigen Stunden das ganze Land. Die KPČ leistete keinen Widerstand. Es war die bis dahin größte militärische Operation seit dem Zweiten Weltkrieg, etwa 150 Menschen kamen ums Leben.

Sosehr die SED den Einmarsch unterstützte, die NVA blieb außen vor. Die Tschechen sollten nicht zusätzlich durch Soldaten in deutscher Uniform provoziert werden. Die Besetzung des Landes durch die Nationalsozialisten lag nur 30 Jahre zurück, die Erinnerung war noch frisch. Dennoch hielten sich zwei NVA-Divisionen an der Grenze bereit und warteten auf Befehle.

SED-Propaganda: Radiosender „Vltava“

Die SED fand andere Wege der Unterstützung. Rundfunk und Fernsehen genossen durch die neue Medienpolitik in der ČSSR eine große Popularität, beim Einmarsch riefen sie zum zivilen Ungehorsam auf. Der Radiosender "Vltava" startete am Tag der Invasion sein Programm und war von Anfang an anders: Hier wurde behauptet, die KPČ hätte angesichts der konterrevolutionären Kräfte die ausländischen Armeen zu Hilfe geholt. Der Sender war eine Schöpfung der Agitationsabteilung im ZK der SED und saß in Wilsdruff bei Dresden. Erst im Frühjahr 1969 wurde er nach massiven Protesten aus der ČSSR abgeschaltet.

Proteste in der DDR

Auf die militärische Operation reagierten viele DDR-Bürger mit Ablehnung, sie sahen das Selbstbestimmungsrecht der Völker mit Füßen getreten. Bei kleineren Demonstrationen wurden Hunderte Menschen festgenommen. Die SED versuchte, die Zustimmung durch Unterschriften-Aktionen in Betrieben und staatlichen Einrichtungen zu erzwingen. Doch die Bilder von Prag prägten auch die DDR auf Jahre: Die Niederschlagung des "Prager Frühlings" führte der DDR-Bevölkerung vor Augen, was passiert, wenn man von der Linie der SED abweicht.

Eine Familie mit einem Trabant 600 in der DDR, ca. 1975,

Wie kam es zur Gründung der DDR? Wie sah der Alltag im Arbeiter- und Bauernstaat aus? Und was führte schließlich zum Mauerfall und zur Wiedervereinigung?

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | 05.06.2016 | 19:30 Uhr

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