Konzentrationslager: Alltag im KZ wie in der Hölle

Stand: 27.01.2025 05:00 Uhr

Das Leben in den Konzentrationslagern war ein andauerndes Martyrium für die Gefangenen - und endete oftmals mit dem Tod. Der Willkür der SS waren die Häftlinge vollkommen ausgeliefert.

von Andrej Reisin

Der Tag begann in vielen Konzentrationslagern je nach Jahreszeit zwischen vier und fünf Uhr am Morgen mit dem Wecken durch Trillerpfeifen. Dann hatten die Häftlinge eine halbe Stunde Zeit, ihre "Betten" - Strohsäcke oder mit Stroh bedeckte Pritschen - nach militärischer Art herzurichten, sich zu waschen und "Frühstück" zu fassen. Allerdings stand für viele Tausend Häftlinge oft nur ein Waschraum zur Verfügung, wenn überhaupt. In Auschwitz-Birkenau etwa gab es in keinem der Wohnblocks sanitäre Einrichtungen.

Das "Frühstück" bestand aus einem halben Liter ungesüßtem Kaffee-Ersatz oder Tee. Oft handelte es sich nur um "ein faulig riechendes, dunkles, blau-braunes Gebräu aus Kräutern", wie die Überlebende Kitty Hart einst berichtet hat. Morgens etwas zu essen hatte nur, wer von der mickrigen Brotration des Vorabends etwas übrig behalten hatte. Oft waren die Lebensmittel zudem alt oder verdorben.

Tagesablauf: Morgenappell gegen 6 Uhr

Beim anschließenden Morgenappell gegen sechs Uhr mussten die Häftlinge in Zehnerreihen antreten und, nachdem die Anwesenheit aller Häftlinge festgestellt worden war, im Gleichschritt und im Takt der Musik des Lagerorchesters durch das Lagertor zu ihren Arbeitseinsätzen marschieren. Etwa elf Stunden lang mussten die Häftlinge schwerste Arbeiten wie Straßenbau verrichten, oft ohne oder nur mit primitivsten technischen Hilfsmitteln.

Kopie eines Haftzettels, den die Nationalsozialisten 1940 wegen asozialen Verhaltens ausstellten

Der Opa von Mascha Krink galt den Nationalsozialisten als "Asozialer". Sein Schicksal inspirierte die Künstlerin.

Vernichtung durch Arbeit in den Konzentrationslagern

"Arbeit" im Konzentrationslager bedeutete "Terrorarbeit" unter unmenschlichen Bedingungen: in Fabriken, in Rüstungsbetrieben, in der Landwirtschaft oder beim Lagerbau selbst, der in der Regel bereits Tausende Häftlinge das Leben kostete. Die ausgemergelten Häftlinge mussten im Laufschritt Ziegelsteine schleppen oder Straßenwalzen wie ein Pferdegespann ziehen. Wer versuchte, sich auszuruhen, wurde entweder sofort totgeschlagen oder in eine Strafkompanie versetzt, was einem Todesurteil gleichkam.

Infolge der Schwerstarbeit und der völlig ungenügenden Ernährung magerten die Häftlinge in kurzer Zeit so stark ab, dass ihre Körper nur noch aus Haut und Knochen bestanden. Oft wogen sie keine 30 Kilogramm mehr. Diese dem Tod geweihten, vollkommen entkräfteten Menschen wurden im Lager "Muselmänner" genannt. Dass einige von ihnen in gebückter Haltung apathisch hin und her schwankten, rief offenbar Assoziationen an betende Muslime hervor.

Drakonische Strafen für jedes "Versäumnis"

Zeichnung der sogenannten Boger-Schaukel, einem Folterinstrument der politischen Abteilung des Lagers Auschwitz - die Zeichnung wurde für den 1963 begonnenen "Auschwitz-Prozess" in Frankfurt angefertigt.
In Auschwitz wurden Häftlinge auch an der sogenannten Boger-Schaukel gefoltert. Kopfüber gefesselt schlug man sie blutig, um "Geständnisse" zu erpressen.

Nach der Rückkehr ins KZ diente der Abendappell offiziell dazu, die Häftlinge erneut zu zählen. Tatsächlich aber dauerten solche Appelle oft stundenlang, entweder weil tatsächlich jemand fehlte oder aber als Strafe für irgendwelche "Verstöße" gegen die Lagerordnung. Weil zwei Häftlinge fehlten, dauerte etwa der Abendappell am 14. Dezember 1938 in Buchenwald 19 Stunden bei minus 15 Grad. Dabei erfroren über 70 Häftlinge, unzählige trugen bleibende Schäden davon. Die Appelle wurden auch oft genutzt, um Prügel- und andere Terrorstrafen gegen die Häftlinge zu vollziehen, wobei zur Abschreckung das gesamte Lager anwesend sein musste.

Die Strafen waren sadistisch und führten in vielen Fällen zum qualvollen Tod. Bei 25 Peitschenhieben auf das nackte Gesäß etwa wurde den Häftlinge zuweilen allein durch die Wucht der Schläge das Rückgrat gebrochen, die Nieren wurden offen gelegt oder die Hoden zerschlagen. Wer anschließend im Häftlingskrankenbau eine tödliche Phenolspritze ins Herz bekam, hatte aus Sicht der Mitgefangenen noch "Glück". Viele starben langsam in stundenlangen Qualen in der Baracke oder wurden einfach auf dem Appellplatz liegen gelassen.

Nach 21 Uhr durften die Baracken nicht mehr verlassen werden. Wer gegen diese "Blocksperre" verstieß, um beispielsweise seine Notdurft zu verrichten, musste damit rechnen, von den Wachen erschossen zu werden. Die Gefangenen schliefen auf dem Fußboden oder auf Strohsäcken, später wurden zwei- bis dreistöckige Liegen installiert. Die Baracken waren häufig völlig überbelegt, sodass sich bis zu 45 Häftlinge eine dreistöckige Pritsche teilen mussten, die für 15 Gefangene konzipiert war. Der kurze Schlaf war daher nur wenig erholsam: Man lag buchstäblich auf den Knochen der anderen Gefangenen. So ähnlich stellte man sich die Hölle vor.

Kapos: Handlanger der SS

Rudolf Höß (Ausschnitt aus einer Aufnahme von 1944, die mehrere SS-Offiziere in ihrer Freizeit in der Nähe von Auschwitz zeigt)
SS-Offizier Rudolf Höß war von Mai 1940 bis November 1943 Lagerkommandant in Auschwitz. Er begann mit der Vergasung der Gefangenen.

Von besonderer Bedeutung für das Verständnis des KZ-Systems ist die Übertragung von Macht an sogenannte Funktionshäftlinge. Diese Kapos, wie sie vermutlich in Anlehnung an das italienische Wort für Führer oder Offizier genannt wurden, hatten als "Block-" oder "Stubenältester" die Ordnung im Lager im Sinne der SS aufrechtzuerhalten. Dies versetzte sie einerseits in eine kaum vorstellbare moralische Ausweglosigkeit, andererseits bot es nicht nur die Möglichkeit zu überleben, sondern auch eine nahezu unbeschränkte Machtfülle.

Viele Kapos waren bei den Häftlingen ebenso gefürchtet wie die SS-Wachen. Kapos hatten dafür zu sorgen, dass die völlig entkräfteten Häftlinge stets im Laufschritt arbeiteten, und sie taten dies, indem sie schrien und schlugen, nicht selten auch totschlugen. Dies stellte in der Logik der Konzentrationslager kein Problem dar, der Lagerleitung wurde lediglich ein "Abgang" gemeldet, damit beim Appell die Zahl stimmte. "Auf welche Art jemand zu Tode kommt, ist völlig unerheblich", berichtete der geflüchtete Häftling Rudolf Vrba während des Krieges dem polnischen Widerstand.

Gegenstände aus dem Besitz neu in Auschwitz eingetroffener Häftlinge werden nach Dingen durchsucht, die der SS im Lager zur Verfügung gestellt werden.
Hab und Gut der Deportierten wurde in Auschwitz von Häftlingen nach Gegenständen durchsucht, die der SS oder den Kapos zukommen sollten.

Auf diese besondere perfide Weise herrschte die SS auch dann im Lager, wenn sie gar nicht anwesend war. Die Funktionshäftlinge ihrerseits hatten keine Wahl: Sie waren der Lagerführung direkt verantwortlich und konnten für "Versäumnisse" ebenso hart bestraft werden wie alle anderen auch. Außerdem mussten sie fürchten, im Falle der Aberkennung ihrer Privilegien von ihren Mitgefangenen umgebracht zu werden, was auch häufig geschah.

Einige dieser "Prominenten", wie sie im Lagerjargon genannt wurden, führten inmitten des Hungers und des Elends, der Seuchen und des Massenmords ein Leben in Saus und Braus. Insbesondere in Auschwitz, wo die Plünderung des Eigentums der vergasten Juden kein Ende nahm, waren diese Häftlinge im Stande, sich mit dem heimlichen Einverständnis der SS praktisch alles zu "organisieren", wie das System von Raub, Schmuggel und Korruption im Lager genannt wurde.

Die Sozialstruktur des Konzentrationslagers

Die SS sorgte mit Bedacht dafür, dass zwischen den Gefangenen kaum Solidarität entstehen konnte. Zwar gibt es auch Beispiele für gegenseitige Hilfe und Beistand, aber in aller Regel entstand durch die permanente Lebensgefahr eine Situation, in der alle gegen alle ausgespielt wurden. Da der Einzelne im Lager zum permanenten Kampf um das nackte Überleben gezwungen war, war es nahezu unmöglich, anderen zu helfen. Nur wer auf eine politische Organisation oder eine andere gefestigte Gruppenidentität zurückgreifen konnte, war teilweise davon ausgenommen. So halfen sich die kommunistischen Häftlinge mithilfe von Untergrundorganisationen gegenseitig und versuchten, Schlüsselpositionen der Häftlings-Selbstverwaltung zu besetzen.

Verschärft wurde die Ungleichheit der Häftlinge zusätzlich durch die nach "rassischen" und anderen Kriterien der SS definierte Lagerhierarchie. An deren Spitze standen deutsche ("arische") Kriminelle - sogenannte Berufsverbrecher -, gefolgt von politischen Häftlingen und anderen "Ariern". Am Ende der sozialen Ordnung standen die Juden, die "Parias des Lagers", wie der Auschwitz-Überlebende Hermann Langbein schrieb. Bei der keineswegs homogenen Gruppe der Juden handelte es sich um Menschen, die aus den verschiedensten europäischen Ländern deportiert und zumeist in keinerlei Beziehung zueinander standen. Für sie bestand praktisch keine Aussicht, das Lager zu überleben.

Die verschiedenfarbigen Winkel, die jeder Häftling auf der Brust trug, kennzeichneten seine Gruppenzugehörigkeit. Nur die Häftlinge an der Spitze dieser sozialen Ordnung hatten eine gewisse Chance, vorläufig am Leben zu bleiben. Man musste einen Platz in einem der wenigen, besseren Arbeitskommandos wie der Schreibstube bekommen, um mehr als ein paar Wochen zu überstehen. Die graue Masse aller anderen Insassen verhungerte, ging an Seuchen zugrunde, schuftete sich zu Tode, wurde erschlagen oder vergast. Für die allermeisten gab es keine Rettung. "Der Überlebende ist nicht repräsentativ", stellt der französische Überlebende Maurice Cling fest. "Der repräsentative jüdische Deportierte ist ein Toter."

Das Ende der sozialen Welt

Auschwitz ist heute der größte Friedhof der Menschheitsgeschichte. Mindestens 1.100.000 Menschen wurden hier ermordet. Die Dimension des Verbrechens, aber auch seine moderne Organisationsform, die die Errungenschaften der Zivilisation für das Mordwerk nutzbar machte, begründen seine Einzigartigkeit. Das Konzentrationslager aber war eine flächendeckende Erscheinung während des Nationalsozialismus. Nicht weniger als 13 Stammlager mit zeitweise bis zu 662 Neben- und Außenlagern wurden bis 1945 in ganz Europa errichtet. Ihre Existenz war der Bevölkerung bestens bekannt und entfaltete erfolgreich eine zutiefst abschreckende Wirkung. Das Lager war - wie Sofsky schreibt - "eine Kolonie des Terrors am Ende der sozialen Welt".

Eine Gruppe überlebender Kinder im KZ Auschwitz nach der Befreiung im Januar 1945

Am 27. Januar 1945 rückte die Rote Armee zum KZ vor, wo über eine Million Menschen ermordet wurde. Seit 1996 wird am Tag der Befreiung der Opfer gedacht.

Esther Bejarano

In der Nazi-Zeit hatte sie das KZ Auschwitz überlebt, weil sie im Orchester mitspielte. Esther Bejarano starb am 10. Juli 2021 in Hamburg.

Davidstern an der Jüdischen Gedenkstätte, Konzentrationslager Dachau

Mehr als sechs Millionen Juden wurden während der NS-Zeit ermordet. Daran erinnert jedes Jahr am 27. Januar ein Gedenktag.

Gebäude der Wannsee-Konferenz in Berlin

Die Judenverfolgung und -vernichtung wurde systematisch geplant - unter anderem auf der berüchtigten Konferenz am 20. Januar 1942.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | DIE REPORTAGE | 27.01.2025 | 08:48 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

NS-Zeit

Zweiter Weltkrieg

Das Kreuzfahrtschiff TS "Maxim Gorki" vor der Küste Mykonos, aufgenommen im Mai 1999.

1968 läuft das erste große Passagierschiff nach dem Krieg vom Stapel: die "Hamburg". Als "Maxim Gorkiy" geht sie in die Geschichte ein.

Planten un Blomen während der Niederdeutschen Gartenschau 1935

1935 als "Planten un Blomen" im Zentrum der Hansestadt angelegt, wurde der Park allein bis 1973 drei Mal umgestaltet. Eine NDR Doku beleuchtet seine Geschichte.

Programmhefte, Opern-Partituren und ein Foto des Komponisten Engelbert Humperdinck liegen auf dem Tisch.

Mit seiner Märchenoper "Hänsel und Gretel" gelang ihm der große Wurf. Am 27. September 1921 starb der Spätromantiker in Neustrelitz.

Schiffswrack im Watt vor der Insel Amrum

Im 19. Jahrhundert strandete ein Schiff vor der Insel Amrum. Seine Überreste liegen noch heute im Watt. Ein Historiker hat seine Geschichte recherchiert.