Die deutsche Band "Tocotronic" aus Hamburg (01.04.1999)

Als Indie-Rock noch Schule machte

Stand: 21.10.2008 17:44 Uhr

1988 entsteht in Hamburg das Indie-Label L'Age D'Or. In den Folgejahren bekommt die Musik der "Hamburger Schule" mit Bands wie Tocotronic oder Blumfeld kräftigen Aufwind.

von Beatrix Hasse

Eigentlich dachten Carol von Rautenkranz und Pascal Fuhlbrügge nicht daran, ein Label zu gründen. Sie waren Musiker, kamen aus der Punkrockszene, spielten in eigenen Bands. Als die beiden Musikbegeisterten 1986 ihre Veranstaltungsreihe starteten, lag die Indie-Szene in Hamburg brach. Deutsche Bands spielten vereinzelt in Clubs, oft vor nur 30 Leuten. Englische Bands lockten das Drei- bis Vierfache an Fans an. "Das wollten wir ändern", erinnert sich Carol von Rautenkranz. "Wir haben uns gedacht, wir nehmen vier verschiedene Bands, da kommen schon vier mal dreißig. Und wenn wir das gut promoten, dann bringen die jeweils noch einen mit. Das macht es interessant, dann kommen mindestens 240." Der Plan ging auf: "Hamburg 86" - so der Name der Konzertreihe - sprach sich herum. Immer mehr Leute kamen in die Altonaer "Werkstatt 3".

L'Age D'Or: Ein Zuhause für Hamburger Bands

Zwei Jahre später hatten die beiden jede Menge Konzerte veranstaltet. Was fehlte, war ein passendes Label. "Letztlich ist dann meine Band, die eigentlich als letzte gegründet wurde, die erste Single-Veröffentlichung gewesen", erinnert sich Pascal Fuhlbrügge, damals Gitarrist der Band Kolossale Jugend. Das war am 22. Oktober 1988, dem offiziellen Gründungsdatum von L'Age D'Or. Einen externen Vertrieb gab es für die Single "Kein Schulterklopfen" noch nicht. "Wir sind mit der Tasche durch die Plattenläden gelaufen", so Fuhlbrügge. Bald veröffentlichten Bands wie Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs, Der Schwarze Kanal oder Huah! bei L'Age D'Or ihre Platten. Die Ideen entstanden eher spontan. Es sei gar nicht so sehr als Label geplant gewesen. "Diese Band finden wir toll, die findet kein Label, also müssen wir es machen", erklärt Fuhlbrügge. Produktion, Marketing, Vertrieb - was ging, machten die beiden frisch gebackenen Labelchefs selbst. Das sparte Kosten. Dennoch: Steigende Ausgaben trieben L'Age D'Or 1991 fast in die Pleite. Ein Vertrag mit dem Major-Label Polydor sicherte für drei Jahre das Überleben, es ging weiter.

Hamburger Schule - das "Etikett"

Ebenfalls 1991 kamen Die Sterne zu L'Age D'Or. Deren Sänger und Texter Frank Spilker stammte aus Ostwestfalen und hatte zuvor beim Indie-Label namens Fast Weltweit aus Bad Salzuflen Songs veröffentlicht. Dieses hatte im Vorfeld der späteren Hamburger-Schule-Musik einige Singles und Kassettensampler produziert, ganz bewusst mit deutschen Texten. Bernd Begemann, Mitbegründer von Fast Weltweit, war schon 1984 von Ostwestfalen nach Hamburg gekommen, um dort seine Band Die Antwort zu gründen. Über die Jahre war eine rege Verbindung entstanden, immer wieder kamen Künstler und Bands aus dem Westen der Republik in die Hansestadt.

Noch eine weitere Hamburger Band machte im selben Jahr von sich reden: Blumfeld, die Formation um den Songpoeten Jochen Distelmeyer, veröffentlichte auf Alfred Hilsbergs Indie-Label Zick Zack die Single "Ghettowelt". Ein Jahr später erschien die Platte "Reformhölle" der Band Cpt. Kirk &, nahezu zeitgleich zum ersten Blumfeld-Album "Ich-Maschine". Als Reaktion auf beide Werke entstand bald darauf der Begriff "Hamburger Schule" -  eine Wortschöpfung von Journalisten. Die meisten Bands lehnten den Begriff ab, bevorzugten stattdessen "Diskursrock". Noch im Punkrock war das Aufbegehren in Text und Musik mit viel Agression verbunden. In der Hamburger Schule war die Wut zwar nicht verklungen, doch Gesellschaftskritik funktionierte nun in den Texten differenzierter, über Anspielungen, Zitate und oft sehr philosophisch.

Funktionierende Szene, große Außenwirkung

Die Band Tocotronic war 1993 gegründet worden. Sie tingelte zunächst durch sämtliche Hamburger Läden, bevor sie 1994 von Carol von Rautenkranz entdeckt wurde. "Unser erstes Konzert war in der Roten Flora", erzählt Jan Müller, Bassist der Band. "Da haben wir mehrmals gespielt. Und dann hat auch schon recht bald 'Heinz Karmers Tanzcafé' aufgemacht. Dort haben wir wirklich oft gespielt." Man war unter Hamburger Musikern, Freunden, man kannte sich. Auf ihrer zweiten Platte "Nach der verlorenen Zeit" spielt das Lied "Ich bin neu in der Hamburger Schule" auf die Etikettierung an. "Der Song reagiert darauf, weil das ja irgendwie ein merkwürdiger Begriff ist: Schule. Gerade, wenn man eben noch nicht so lange erwachsen ist", kommentiert Jan Müller. "Alle Musiker hassen es, in irgendeine Schublade gesteckt zu werden - egal wie der Begriff heißt." Tocotronic ging es nicht um ihre Herkunft. Wichtiger sei der Austausch mit anderen gewesen, die mit einer ähnlichen Geisteshaltung Musik betrieben, so Müller.

Schlagzeuger Daniel Koch spielte damals in einer Bochumer Band, deren Musik von der Hamburger Schule beeinflusst wurde, und war selbst ein großer Fan. "Als Bochumer habe ich da mit wohlwollendem Neid hingeguckt, weil ich das einfach großartig fand", sagt er. "Ich denke, das ging allen Musikern so. Die haben auf Hamburg geschaut und sich gedacht: 'Mensch, die haben eine total funktionierende Szene.' So würden wir das am liebsten in unserer Stadt auch haben." Die immense Außenwirkung ließ sich nicht verleugnen. Hamburger Schule war Mitte der 90er-Jahre zum Begriff geworden - weit über die Grenzen der Hansestadt hinaus.

Die Nachfolger

Was ist geblieben von der Hamburger Schule? Von den Bands der ersten Stunde wie Huah! oder Die Regierung hört man heute nichts Neues mehr. Jochen Distelmeyers Formation Blumfeld löste sich 2007 auf. Geblieben sind wichtige Alben wie "L'état et moi" (1994) oder "Jenseits von Jedem" (2003). Die Sterne gibt es nach wie vor. Tocotronic macht erfolgreich Musik, brachte 2007 mit "Kapitulation" das achte Studioalbum heraus. Bei Bands wie Erdmöbel, Spillsbury, Tomte oder Kettcar sind die Einflüsse der Hamburger Schule in Text und Musik deutlich zu spüren, sie zählen heute zu ihren Nachfolgern.

Neue Strategien für Indie-Labels

Für Indie-Labels sind die Zeiten schwieriger geworden, das bekam auch L'Age D'Or zu spüren. Im vergangenen Jahr entging das Unternehmen nur knapp der Insolvenz. "Die Situation der Independent-Labels in Hamburg unterscheidet sich nicht von denen aus anderen Regionen und Ländern", erklärt Andreas Rautenberg vom Verband unabhängiger Tonträgerunternehmen, VUT Nord. Die Verlagerung vom physischen Tonträger zum Download aus dem Internet habe die wirtschaftliche Situation stark verschlechtert. "Wer heute sein Label gründet, weiß nicht, womit er morgen sein Geld verdient", so Rautenberg.

Dass es dennoch funktionieren kann, zeigen positive Beispiele aus der Hansestadt. Bei Tapete Records etwa konzentriert man sich nicht nur auf CD-Verkäufe, sondern hält sich auch mit Promotion und Tourbooking für Bands über Wasser. Mit der Gründung von Grand Hotel van Cleef (GHvC) haben Tomte-Sänger Thees Uhlmann und die Kettcar-Musiker Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff 2002 etwas Ähnliches gewagt wie L'Age D'Or vor 20 Jahren. Sie sind Musiker und Indie-Labelbetreiber in einem. Mit eigenem Bandbooking, einem MP3-Shop und als Festivalveranstalter hat sich GHvC auf nahezu alle Anforderungen des Marktes eingestellt. Das Konzept geht auf: "Wir machen wenig Platten und nur solche, bei denen wir wissen, dass wir gut für die Künstler arbeiten können", erklärt Thees Uhlmann. "Wir machen nur Platten, die uns gefallen. Und scheinbar trauen die Leute unserem Geschmack."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Nachtclub | 03.10.2015 | 23:05 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Rock und Pop

Das Kreuzfahrtschiff TS "Maxim Gorki" vor der Küste Mykonos, aufgenommen im Mai 1999.

1968 läuft das erste große Passagierschiff nach dem Krieg vom Stapel: die "Hamburg". Als "Maxim Gorkiy" geht sie in die Geschichte ein.

Planten un Blomen während der Niederdeutschen Gartenschau 1935

1935 als "Planten un Blomen" im Zentrum der Hansestadt angelegt, wurde der Park allein bis 1973 drei Mal umgestaltet. Eine NDR Doku beleuchtet seine Geschichte.

Programmhefte, Opern-Partituren und ein Foto des Komponisten Engelbert Humperdinck liegen auf dem Tisch.

Mit seiner Märchenoper "Hänsel und Gretel" gelang ihm der große Wurf. Am 27. September 1921 starb der Spätromantiker in Neustrelitz.

Schiffswrack im Watt vor der Insel Amrum

Im 19. Jahrhundert strandete ein Schiff vor der Insel Amrum. Seine Überreste liegen noch heute im Watt. Ein Historiker hat seine Geschichte recherchiert.