Otto Hahn (m) und Fritz Straßmann (l) erklären ihre Entdeckung.

Die Entdeckung der Kernspaltung

Stand: 13.04.2021 16:45 Uhr

Am 6. Januar 1939 erfährt die Fachwelt von der ersten erfolgreichen Kernspaltung. Die Wissenschaftler Otto Hahn und Fritz Straßmann informieren in der Zeitschrift "Naturwissenschaft" über die Bestrahlung von Uran mittels Neutronen.

Versuche zur Atomteilung waren da nicht mehr neu. 1919 "zertrümmerte" der Physiker Ernest Rutherford das erste Atom und verwandelte dabei Stickstoff zu Sauerstoff. Er hatte aus einem Element ein anderes gewonnen. Ein Sauerstoffatom ist jedoch nur wenig schwerer als ein Stickstoffatom. In den Folgejahren wandelten alle berühmten Atomlaboratorien Atome um.

Energiegewinnung mittels Atomspaltung lange aussichtslos

Dabei galt es als feststehendes Gesetz, dass beim Beschießen von Atomen nur solche Elemente entstehen, die sich im Gewicht wenig vom Ausgangselement unterscheiden. Dass sich der Atomkern in der Mitte spalten könnte, hielten Wissenschaftler für unmöglich. Darum galt es als aussichtslos, jemals die gewaltigen Energien, die beim Auseinanderplatzen eines Atomkerns auftreten müssten, freisetzen zu können.

Die erste Kernspaltung

Erfahrene Experimentalforscher, wie Enrico Fermi in Rom oder Lise Meitner und Otto Hahn in Berlin, experimentierten auf dieser Grundlage jahrelang vergeblich und stießen dabei auf immer neue Widersprüche. Im November 1938 glaubte Otto Hahn die Lösung zu kennen. In Kopenhagen traf er den berühmten Physiker und Nobelpreisträger Niels Bohr und fragte ihn, was er davon halte, wenn aus dem Uran Radium würde. Obgleich Radium nicht viel leichter ist als Uran, fand Bohr den Gewichtsunterschied zu groß.

Lise Meitner und Otto Hahn im Labor des Kaiser-Wilhelm-Instituts in Berlin, 1925.
Lise Meitner und Otto Hahn experimentierten 1925 im Labor des Kaiser-Wilhelm-Instituts in Berlin.

Hahn fuhr nach Berlin zurück und wollte beweisen, dass seine Vermutung richtig ist. Im Dezember 1938 versuchte Otto Hahn zusammen mit seinem Mitarbeiter Fritz Straßmann im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin durch den Beschuss von Uran-Atomen Radium zu gewinnen. Es gelang ihnen nicht. Doch dann geschah das völlig Unerwartete: Sie fanden beim Beschießen von Uran mit Kernteilchen das Element Barium, das nur noch halb so schwer ist wie Uran - also durch eine Kernspaltung entstanden sein musste.

Lise Meitner deutet die Ereignisse richtig

Wenige Tage danach schrieb Hahn seiner jahrzehntelangen Mitarbeiterin und Kollegin am Kaiser-Wilhelm-Institut, der Physikerin Lise Meitner von der Entdeckung. Meitner hatte Deutschland als Jüdin wenige Monate vorher verlassen müssen. Gemeinsam mit ihrem Neffen Otto Robert Frisch, der ebenfalls Physiker war, gab sie als Erste eine physikalische Deutung der Uranspaltung.

Anfang 1939 veröffentlichten Otto Hahn und sein Mitarbeiter Fritz Straßmann ihre Versuchsergebnisse. Der Artikel "Über den Nachweis und das Verhalten der bei der Bestrahlung von Uran mittels Neutronen entstehenden Erdalkalimetalle" erschien am 6. Januar 1939 in der Zeitschrift "Naturwissenschaft". Für seine Entdeckung wurde Otto Hahn 1944 der Nobelpreis für Chemie verliehen.

Atomenergie und Kernwaffen

Die Erforschung der Kernspaltung läutete eine neue Epoche ein - das Zeitalter der Atomenergie. Das Faszinierende an der Kernspaltung war damals die Aussicht, die in den Atomkernen gespeicherte Energie nutzen zu können. Die natürliche Radioaktivität war dazu nicht geeignet. "Bei der Kernspaltung ist es hingegen möglich, den Energie liefernden Kernprozess in einer Kettenreaktion zu vervielfachen. Denn jede Spaltung setzt einige Neutronen frei, die weitere Spaltungen auslösen können", heißt es etwa von der Universität Mainz.

International und insbesondere in den USA sorgte die Entdeckung für ungeheures Aufsehen. Der erste Kernreaktor ging am 2. Dezember 1942 in Chicago in Betrieb, realisiert unter der Aufsicht des italienischen Physikers Enrico Fermi. Die Umsetzung des Phänomens in Technik hatte damit gerade mal vier Jahre gedauert. Die Anlage in Chicago diente nicht der Stromerzeugung, sondern war Teil des Manhattan-Projekts, dessen Ziel der Bau von Kernwaffen war. Mit ungeheurem Aufwand wurde die Entwicklung und der Bau der Atombombe vorangetrieben. Im Zweiten Weltkrieges setzten die USA erstmals eine Atomwaffe ein.

Zivile Reaktortechnik

Die friedlichen Anwendungsmöglichkeiten der Atomenergie, zum Beispiel in der medizinischen Diagnostik wurden überwiegend erst nach dem Krieg bekannt und genutzt. Mit der Havarie des Atomreaktors in Tschernobyl im April 1986 geriet auch die zivile Reaktortechnik ins Zwielicht. Eine bis heute andauernde Diskussion über die Sicherheit von Atomkraftwerken begann.

Radioaktivität und Kernspaltung


Dieses Thema im Programm:

NDR Info | ZeitZeichen | 28.07.2018 | 19:05 Uhr

Lise Meitner und Otto Hahn im Labor des Kaiser-Wilhelm-Instituts in Berlin, 1925.

Für seine Entdeckung der Kernspaltung von Atomen erhielt Otto Hahn 1944 den Nobelpreis für Chemie (NDR Hörfunk, 08.12.1983).

Lise Meitner und Otto Hahn im Gespräch, 1962.

Am 27. Oktober 1968 starb die Physikerin Lise Meitner. Zusammen mit Otto Hahn hatte sie an der Erforschung der Kernspaltung gearbeitet, bis sie 1938 flüchten musste.

Die BBC spricht mit Otto Hahn über seinen Werdegang, die Max-Planck-Gesellschaft und die Atomforschung nach dem Zweiten Weltkreig. (NDR Hörfunk, 20.02.1958).

Otto Hahn

1938, am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, fanden Otto Hahn und seine Mitarbeiter heraus, dass Neutronen Uranatome spalten können (NDR Info, 22.12.2003).

Erlebnisse und Begegnungen: Viele bedeutende Physiker und Chemiker des 20. Jahrhunderts kreuzten seinen Weg (NDR Hörfunk, 12.11.1961).

Otto Hahn (re.) im Kernforschungszentrum Karlsruhe vor den Blaupausen des Forschungsreaktors FR2 mit Karl Wirtz, der den Reaktor entwickelt hat, 1959.

Karl Wirtz spricht über die Zeit der gemeinsamen Internierung in England nach dem Krieg und über die Verleihung des Nobelpreises für Physik (NWDR Hörfunk, 05.03.1952).

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