33 Kumpel sterben 1960 in Bergwerk bei Salzgitter
Am 19. Juli 1960 bricht im Bergwerk "Hannoversche Treue" bei Salzgitter ein verheerendes Feuer aus. Es kostet 33 Kumpel das Leben. Über die Brandursache gibt es zunächst wilde Spekulationen.
Der letzte der vermissten Kumpel wird erst Tage nach dem Unglück aus 340 Meter Tiefe geborgen. Albert Biewer ist tot - wie 32 seiner Kollegen. Am 19. Juli 1960, kommt es im Erzbergwerk "Hannoversche Treue" bei Salzgitter zur Katastrophe. Am frühen Morgen, um 7.17 Uhr, wird Feuer gemeldet und sofort Großalarm ausgelöst. Die ersten Grubenwehren treffen gegen 9 Uhr ein. Doch für viele der Bergleute kommt jede Hilfe zu spät. Sie lassen ihr Leben unter Tage.
"Undurchdringliche Rauchschwaden"
Ein zeitgenössischer Bericht beschreibt die Ereignisse so: "Unmittelbar nach der Explosion hüllten starke Rauchschwaden den Förderungsschacht ein und behinderten das Einfahren der ersten Rettungskolonnen. Die Schwaden drangen dann in die Stollen vor und überraschten dort die an ihren Arbeitsplätzen tätigen Bergleute. Versuche der Eingeschlossenen, sich zu retten, scheiterten an den undurchdringlichen Rauchschwaden." So schildern Reporter des "Hamburger Abendblatts" das Unglück.
Die Retter können trotz Atemschutzmasken nur kurz unter Tage bleiben. Rund 200 Bergleute sind von den Rauchschwaden eingeschlossen. Immerhin: Gut 160 schaffen es aus eigener Kraft nach oben. Aber etliche ersticken sofort. Vor dem Gelände warten die Angehörigen in Ungewissheit über das Schicksal ihrer Liebsten. Sechs Tage lang hoffen sie auf Überlebende. Dann steht fest: 33 Bergleute sind ums Leben gekommen. "Es war ein trauriger Tag", sagt Helmut Kühle dem NDR 2020. Er hätte eigentlich auch in der Grube sein sollen, hatte seinen Dienst aber kurzfristig mit einem anderen Kumpel getauscht.
Spekulationen: War es ein Anschlag?
Nach dem Feuer beginnt das Rätselraten, das rund zwei Monate dauert. War es Sabotage? Gar ein Anschlag? Alles scheint möglich. Auch der Verfassungsschutz wird eingeschaltet, wie Eike Bruns, Sprecher des Landesamts für Bergbau, dem NDR 2020 sagt. "Weil es auch den Verdacht gab, es könnte ein kommunistisch motivierter Anschlag aus der sowjetischen Besatzungszone heraus gesteuert sein." Schließlich ist die damalige Zonengrenze nicht weit entfernt.
Kokelei aus Leichtsinn
Die Kriminalpolizei ist vor Ort, um die Brandursache zu untersuchen. Letztlich steht fest: Ein 17 Jahre alter Bergmannslehrling hat das Feuer verursacht, vermutlich aus Leichtsinn. Mit dem offenen Feuer seiner Karbidlampe hat er eine Pappe in Brand gesteckt. Als sich Kumpel nähern, will er die Flammen ausschlagen - und glaubt auch, es geschafft zu haben. Ein Irrglaube. Er wirft den Papprest gegen eine sogenannte Wetterblende aus Baumwollgewebe und entfernt sich. "Das Feuer muss dann in Sekundenschnelle wie ein Schornsteinbrand im Stollen aufwärtsgelodert sein", stellt die Kriminalpolizei später fest. Der Schrägstollen mit seinem Luftzug habe auf das Feuer wie ein Blasebalg gewirkt. Und der Stollen ist wie damals üblich mit Holz ausgekleidet gewesen.
Eröffnung des Hauptverfahrens abgelehnt
Im März 1962 erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage wegen fahrlässiger Brandstiftung in Tateinheit mit fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung. Neben dem Lehrling wird auch ein 34-Jähriger beschuldigt - wegen Beihilfe. Er soll Brandgeruch wahrgenommen, aber nichts unternommen haben. Doch die Jugendkammer des Landgerichts Braunschweig eröffnet das Hauptverfahren nicht, sie sieht eine "Verkettung unglücklicher Umstände", die der inzwischen 19 Jahre alte Lehrling nicht hätte absehen können. "Kein hinreichender Verdacht" so die Jugendkammer. Eine Beschwerde der Staatsanwaltschaft weist das Oberlandesgericht Braunschweig im Mai 1963 ab.
Grubenlampen auf den Särgen
Die geborgenen Opfer werden drei Tage nach dem verheerenden Brand beerdigt. Auf jedem Sarg steht eine brennende Grubenlampe. Niedersachsens Ministerpräsident Hinrich-Wilhelm Kopf (SPD) bezeichnet das Grubenunglück als den härtesten Schicksalsschlag, der den niedersächsischen Erzbergbau jemals getroffen habe.
Als Konsequenz aus dem Unglück werden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Offenes Feuer für das Geleucht wird später von Akku-Kopflampen abgelöst. Außerdem ist Rauchen unter Tage nun verboten. Der Holzausbau wird nach und nach durch Stahl ersetzt.
Stele erinnert an die Opfer
Die "Hannoversche Treue" wird im Mai 1967 stillgelegt. Die Grube ist heute mit Wasser geflutet, der Schacht mit Beton verfüllt. Zum Gedenken an das Unglück hat die Stadt Salzgitter auf dem Gelände des ehemaligen Schachtes 1 eine Gedenkstele errichtet.