Prora: "Seebad der 20.000" - längstes Bauwerk der Nazis

Stand: 18.10.2026 05:00 Uhr

Als "Seebad der 20.000" hatten die Nazis die riesige Anlage im Binzer Ortsteil Prora auf der Insel Rügen geplant. Lange Zeit verfielen die denkmalgeschützten Gebäude - inzwischen sind sie wieder interessant, wie eine Doku zeigt.

von Jochen Lambernd

Viereinhalb Kilometer misst das längste Bauwerk der Nationalsozialisten. Auf der Insel Rügen legt die NS-Organisation Kraft durch Freude (KdF) am 2. Mai 1936 den Grundstein für die Ferienanlage in Prora, die aus acht aneinandergereihten baugleichen Häuserblocks besteht. Dabei handelt es sich um eines der wenigen Monumentalprojekte der Nationalsozialisten, das zumindest zum Teil verwirklicht worden ist. Die vorrangig vom Architekten Clemens Klotz entworfene Anlage an der Ostsee zwischen den Orten Binz und Sassnitz dokumentiert eindrucksvoll den Größenwahn der NS-Zeit. Der Gesamtentwurf wird auf der Weltausstellung in Paris 1937 sogar mit dem Grand Prix ausgezeichnet.

Größenwahn-Ferienanlage in Prora: Zimmer mit Meerblick

In Prora soll sich der deutsche Arbeiter zu günstigen Preisen erholen und neue Kraft tanken. Der "Koloss von Rügen", nur 150 Meter vom Strand entfernt, ist für 20.000 Menschen konzipiert. Jeder der acht Blöcke - ursprünglich sind sogar neun geplant - ist 550 Meter lang und verfügt über sechs Stockwerke. 10.000 Zimmer sollen am Ende fertiggestellt sein. Die geplante Ausstattung der nur 2,5 mal 5 Meter großen Zimmer ist - gemessen an heutigen Maßstäben - sehr einfach gehalten: zwei Betten, eine Sitzecke, ein Schrank und ein Waschbecken. Sanitäre Einrichtungen befinden sich in den Treppenhäusern der Blocks. Aufgrund der langgezogenen Bauweise bekommt jedes Zimmer Meerblick. Die Kosten für das Projekt werden damals auf etwa 237 Millionen Reichsmark taxiert, die heute rund 850 Millionen Euro entsprächen.

Gebäudereihe des Koloss von Prora
25 Bilder

Prora: Aufbau, Verfall und Sanierung

Bauarbeiten werden 1939 gestoppt

Gebäudekomplex der ehemaligen KdF Anlage "Koloss von Rügen" mit der sogenannten „Festhalle“ im Ortsteil Prora in Binz (22.07.2023
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs werden die Arbeiten in Prora gestoppt.

Der Zweite Weltkrieg verhindert allerdings eine Nutzung Proras als Ferienanlage. 1939 ist lediglich der Rohbau fertig, nicht jedoch die Schwimmbäder, die große Festhalle und die meisten Wirtschaftsgebäude. Geplant sind eigentlich auch ein Aufmarschplatz und Kaianlagen, die ein Anlegen von Seebäderschiffen ermöglichen sollen. Die Nazis stoppen die Bauarbeiten zu Kriegsbeginn. Sie nutzen Prora als Ausbildungsstätte für Luftwaffenhelferinnen und ein Polizeibataillon. 1943 werden Teile der südlichen Blocks ausgebaut, um Ersatzquartiere für ausgebombte Hamburger zu schaffen. Von 1944 an dient die Anlage der Wehrmacht als Lazarett. Gegen Ende des Krieges finden dort auch Flüchtlinge aus den früheren Ostgebieten eine Bleibe.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengt, aber nicht zerstört

Leerstehende Gebäuderuinen im Nordflügel 4 des denkmalgeschütztem ehemaligen KdF-Komplexes Prora in Binz auf der Insel Rügen (18.05.2017)
Der Nordflügel wird zum Teil schwer beschädigt, als die Rote Armee 1945 dort Sprengungen vornimmt.

Im Mai 1945 übernimmt die Sowjetunion die Konktrolle über Rügen. Die Rote Armee sprengt Teile des Nordflügels des Prora-Baus, die jedoch lediglich schwer beschädigt, nicht aber zerstört werden. Etwa 2,5 Kilometer Gebäude sind daraufhin noch nutzbar, die restlichen zwei Kilometer Ruine.

Die Anlage wird zur Internierung von Grundbesitzern und weiterhin zur Unterbringung von Heimatvertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten genutzt. Teile der Anlagen werden für den Abtransport als Kriegsreparationen demontiert. Zwischen 1948 und 1953 nutzt die Rote Armee die Bauten.

Prora zu DDR-Zeiten: Bis zu 10.000 NVA-Soldaten stationiert

Später zieht die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR in die Anlage. Das umliegende Areal wird über Jahrzehnte zum Sperrgebiet und somit unzugänglich für die Öffentlichkeit. Bis zu 10.000 NVA-Soldaten werden in Prora stationiert sowie ausgebildet und geschult. 1969 wird eine Technische Unteroffiziersschule gegründet. In den 1980er-Jahren sind zudem bis zu 500 Bausoldaten zeitgleich dort untergebracht. Sie arbeiten am Bau des Fährhafens Mukran. Der südlichste Teil der Anlage steht Angehörigen von NVA und Grenztruppen als Erholungsheim, Kinderferienlager und Ferienort zur Verfügung.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 übernimmt die Bundeswehr die Anlage, stellt die Nutzung Ende 1992 aber ein und verlässt Prora. Seit Anfang 1993 ist das Gelände öffentlich zugänglich. 1994 wird Prora unter Denkmalschutz gestellt.

Museen erzählen Geschichte des "Kolosses von Rügen"

Dokumentationszentrum im KdF-Seebad Prora auf Rügen (26.04.2017)
Im Dokumentationszentrum wird die Geschichte von Prora anschaulich dargestellt.

Die Anlage fristet lange Zeit ein stiefmütterliches Dasein und wird unterschiedlich genutzt. Privatleute ergreifen 1994 die Initiative und gründen die Museumsmeile Prora, die neben Museen auch Cafés, Galerien und Ausstellungen umfasst. Noch heute können sich Interessierte in verschiedenen Ausstellungen über die DDR informieren. Außerdem ist in den Gebäuden unter anderem das Dokumentationszentrum Prora untergebracht, das im Jahr 2000 gegründet worden ist. Es zeigt unter anderem die Dauerausstellung MACHTUrlaub, die Prora und die staatliche Organisation der Freizeit im Nationalsozialismus in den machtpolitischen Rahmen einordnet. Außerdem gibt es eine Sonderausstellung zu den Plänen des Seebades.

Zusätzlich gibt es das Prora-Zentrum, das sich seit 2003 mit der NS- und DDR-Geschichte befasst. Das Zentrum gerät im Laufe der Zeit in finanzielle Schwierigkeiten und muss 2024 Insolvenz anmelden.

Über diese Nutzungen hinaus stehen die meisten Blöcke lange Jahre leer und verfallen.

Prora heute: Längste Jugendherberge der Welt

Luftaufnahme von 2018 von Block 1 des denkmalgeschützten ehemaligen KdF-Komplexes Prora in Binz auf der Insel Rügen
Im August 2018 wird Prora - hier Block I - offiziell zum staatlich anerkannten Erholungsort ernannt.

Im Jahr 2003 findet das Jugendtreffen "Prora03" auf Rügen statt. Damals kommen rund 15.000 Jugendliche. Daraufhin entsteht die Idee, die Ruine in eine Jugendherberge umzubauen. Die Pläne werden einige Jahre später Realität: Am 4. Juli 2011 wird die Herberge mit 100 Zimmern und 400 Betten am Nordende der Prora-Bauten in Block V eröffnet. Sie ist die größte Mecklenburg-Vorpommerns und die längste der Welt. Ein internationaler Jugendzeltplatz mit 250 Plätzen besteht bereits seit September 2007.

In unmittelbarer Nachbarschaft der ehemaligen KdF-Anlage befindet sich seit 2013 das Naturerbe-Zentrum, das mit seinem Baumwipfelpfad ein Touristenmagnet geworden ist.

Moderner Komfort zieht in Prora ein

Block II des ehemaligen KdF-Seebades Prora nach seiner Sanierung im Juli 2015
2015 saniert: Block II des ehemaligen KdF-Seebades Prora.

Nach und nach werden Gebäudeteile verkauft und anschließend saniert - wie etwa die Blöcke I und II. Ein Investor zahlt etwa für Block I Ende März 2012 bei einer Versteigerung 2,75 Millionen Euro. In dem Komplex entstehen unter anderem etliche Eigentums- und Ferienwohnungen sowie ein Hotel. Die Architekten müssen dabei den Denkmalschutz berücksichtigen und trotzdem modernen Wohnkomfort in den geschichtsträchtigen Wänden gewährleisten. Die Preise für diese zumeist luxuriösen Wohnungen erreichen bis zu 6.500 Euro pro Quadratmeter. Kritiker sprechen von Wohnraum für die "oberen Zehntausend".

Der Blick auf die Ostsee ist aber wie schon in den 1930er-Jahren eigentlich unbezahlbar. Heute wie damals fasziniert und verstört Prora mit seinem Monumentalbau die Menschen.

Video: Prora: Luxus-Wohnungen im Nazi-Bau (7 Min)

Prora - ein Monumentalbau am Ostseestrand

Ein sehr langes weißes Hochhaus vor grüner Landschaft reicht vom linken zum rechten Bildende.

Luxusapartments statt KdF-Koloss. Die Vergangenheit des vier Kilometer langen Bauwerks soll keine Rolle mehr spielen.

Der marode Eingang des Dokumentationszentrums Prora, daneben eine historische NS-Fotografie.

Fördermittel wurden dafür schon 2021 vom Bund eingeplant. Wegen der langen Planungszeiträume droht aber ein Verfall der Förderzusage.

Die Blöcke des Kolosses von Prora aus der Luft aufgenommen.

Wegen zu langer Planungszeiträume sind die Fördermittel für ein neues Ausstellungs- und Bildungszentrum in Gefahr.

Menschen mit Hunden auf dem Baumwipfelpfad in Prora.

Die Hundetrainerin Sara Westphal und ihr Mann Tom begleiten Hundebesitzer an ausgewählten Terminen auf dem Pfad.

Sanierte Ferienimmobilien in Prora auf der Insel Rügen

Einst von den Nazis geplant, wurden Teile der riesigen Anlage zu Ferienquartieren umgebaut. Pluspunkt: die direkte Strandlage.

Blick auf die Küste am Kap Arkona auf Rügen.

Nationalpark mit Welterbestatus, Bäderarchitektur und feiner Sandstrand: Die größte deutsche Insel hat viel zu bieten.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | die nordstory | 18.10.2026 | 20:15 Uhr

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