Video: Helmscherode: Wanderer entdeckt Gedenktafel für Kriegsverbrecher (2025) (5 Min)

Kriegsverbrecher Keitel: Helmscherode und das Gedenken

Stand: 16.10.2026 05:00 Uhr

In Helmscherode in Südniedersachsen wurde lange Zeit des Kriegsverbrechers Wilhelm Keitel gedacht, der am 16. Oktober 1946 hingerichtet wurde. Das Gedenken wurde durch einen Zufall bekannt. Inzwischen informieren Tafeln über die Hintergründe.

von Ole Lerch

Als Nazi-Deutschland am 8. Mai 1945 bedingungslos kapituliert, steht auf deutscher Seite ein Mann im Mittelpunkt, der aus dem heutigen Niedersachsen stammt: Wilhelm Bodewin Johann Gustav Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht. Keitel stammt aus Helmscherode, einem kleinen Ortsteil von Bad Gandersheim in Südniedersachsen. Dort wurde er am 22. September 1882 geboren. In einer kleinen Kapelle mitten im Ort wurde des ehemaligen Generalfeldmarschalls lange Zeit ehrenhaft gedacht. Und niemand hat sich daran gestört. Erst durch einen Zufall wird die Öffentlichkeit auf das Gedenken an einen der Hauptkriegsverbrecher aufmerksam.

Das Dorf Helmscherode im Landkreis Northeim ist idyllisch und friedlich, 140 Einwohner leben dort. Ein Dorf wie viele andere in Niedersachsen. In der Ortsmitte befindet sich die kleine Kapelle. Erst ein genauerer Blick offenbart: Dieser Ort, diese Kapelle, hat eine ganz besondere, besonders dunkle Geschichte, die bis vor wenigen Jahren kaum jemand kannte.

Wandergruppe macht 2009 eine Entdeckung

Gedenksteine vor der denkmalgeschützten Gutskapelle von Helmscherode, von wo der Kriegsverbrecher Wilhelm Keitel stammt. (09.05.2023)
Ein Gedenkstein erinnert heute an die Opfer des Ersten Weltkriegs, ein weiterer an die des Zweiten.

Das gilt auch für Harald Benstem aus Hildesheim, bis er im Juli 2009 mit einer Wandergruppe durch Helmscherode kommt - und eine Entdeckung macht. "Ich bin fassungslos gewesen, ich habe das nicht glauben können: Da stand ein Stein [...] mit einem offenen Hitler-Zitat, kurzer Text, unterschrieben sozusagen von Generalfeldmarschall Keitel", sagt Benstem dem NDR 2025. Den Gedenkstein hatte Keitel am 2. August 1939 in Erinnerung an zehn Helmscheröder Gefallene des Ersten Weltkriegs vor der Kapelle einweihen lassen.

Heute erläutert eine Info-Tafel den Hintergrund: "Durch das Motto 'Jeder muß tun, was Allen nützt" (Adolf Hitler) und den Hinweis, dass die Gefallenen "im Glauben an Deutschlands Größe und Zukunft" gestorben seien, wurde ihre Ehrung an die nationalsozialistische Vorstellung einer bedingungslosen Opferbereitschaft für die deutsche 'Volksgemeinschaft' geknüpft", heißt es. Der Stein befindet sich inzwischen im Landesmuseum Braunschweig, ein anderer zum Gedenken an die "Opfer des Kriegs 1914-1918" steht nun an seiner Stelle.

Keitel verlangte ein rücksichtsloses Vorgehen gegen Juden

Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel (1882-1946) bei der Unterzeichnung der ratifizierten Kapitulationsbedingungen für das deutsche Militär in Berlin (1945)
Wilhelm Keitel wurde 1946 als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt.

Als Chef des Oberkommandos der Wehrmacht hat Wilhelm Keitel im Zweiten Weltkrieg den verbrecherischen Angriffskrieg Nazi-Deutschlands geplant und organisiert. Dieser Kampf, so befiehlt Keitel der Truppe damals, verlange ein rücksichtsloses Vorgehen gegen Juden, in einem weiteren Befehl auch gegen Frauen und Kinder. 1946 wird Wilhelm Keitel von den Alliierten als Hauptkriegsverbrecher verurteilt und am 16. Oktober desselben Jahres hingerichtet.

NDR Retro präsentiert dazu diese beiden Hörfunkstücke aus den Nürnberger Prozessen von 1946:

Keitel auf Farbfotos im Gottesdienst präsent

In der denkmalgeschützten Gutskapelle von Helmscherode befindet sich eine Tafel zu "Opfern" des Zweiten Weltkriegs, darunter Kriegsverbrecher Wilhelm Keitel (09.05.2023)
Auf dieser Tafel wird Keitel als "Opfer" des Kriegs bezeichnet.

Keitel hat auf einem Gut in Helmscherode gelebt, die Kapelle gehört seiner Familie bis 1982. Dann verkauft sie sie an die Kirchengemeinde. Bis Harald Benstem dort 2009 zufällig vorbeiwandert, ist Wilhelm Keitel noch immer sehr präsent. "Wir sind natürlich sehr schnell auf diese Gedenktafel gestoßen, mit dem letzten Eintrag - Keitel, Wilhelm Keitel, als Opfer des Weltkrieges. Das war genauso eine fassungslose Überraschung", sagt Benstem. Es habe dort 2009 auch eine Reihe Farbfotos von Wilhelm Keitel in Generalsuniform mit allen Orden gegeben. "Der hat also immer hier den Gottesdiensten zugeguckt von den Fotos. Jetzt ist ja nur noch ein Ölgemälde da", erklärt Benstem 2025.

13 Jahre vergehen

Das Innere der denkmalgeschützten Gutskapelle von Helmscherode, von wo der Kriegsverbrecher Wilhelm Keitel stammt. (09.05.2023)
Die historische Einordnung rund um die Kapelle erfolgte erst 2022.

Auf der Rückseite der Kapelle hat Harald Benstem außerdem eine bronzene Schale gefunden. Sie trug die ehrende Inschrift für "Deutschlands letzten Helden - den der Feind gerichtet hat mit rächender Hand". Infotafeln, historische Einordnungen - im Juli 2009 gibt es dort nichts dergleichen. Harald Benstem schreibt an die Evangelische Landeskirche Braunschweig. "Und ich habe dann relativ schnell damals Antwort bekommen, dass man das betroffen zur Kenntnis genommen hätte und dass es aber gar nicht bekannt sei." Nach diesem ersten Kontakt hakt Harald Benstem jahrelang immer wieder bei der Kirche nach. Doch erst 2022 - 13 Jahre später - werden in und um die Kapelle Info-Tafeln aufgestellt.

So heißt es zum Beispiel als Erläuterung zu den Versen auf der bronzenen Schale: "Sie stellen das Nürnberger Urteil als Rache der Alliierten und die hingerichteten Repräsentanten des NS-Regimes als Helden und Märtyrer, denen man das Grab verweigerte, dar. Das hohe Maß ihrer Verantwortlichkeit für die Planung und Durchführung des Angriffskriegs, für Verbrechen gegen den Frieden und die Menschlichkeit und für den Holocaust wird ebenso verschwiegen wie die Tatsache, dass zahllose Opfer dieser Verbrechen gleichermaßen eingeäschert wurden oder unbekannt in namenlosen Massengräbern ruhen."

Ungern in Verbindung zur NS-Vergangenheit

Warum hat diese Aufarbeitung so lange gedauert? Und warum musste erst ein Wanderer des Weges kommen, um die Kirche auf dieses dunkle Gedenken aufmerksam zu machen? Vom örtlichen Kirchenvorstand will darüber niemand sprechen. Die Evangelische Landeskirche Braunschweig hat die Angelegenheit übernommen. Pressesprecher Michael Strauß sagt dem NDR 2025: "Man muss sich eben immer irgendwie vor Augen halten, dass Menschen, die an einem solchen besonderen Ort wohnen, natürlich auch in besonderer Weise sensibel sind. Und natürlich eventuell sich nicht nachsagen wollen, dass sie hier in irgendeiner Weise in Verbindung mit NS-Vergangenheit stehen."

Nachträgliche Kommentierung positiv

Harald Benstems Engagement hat sich gelohnt. Aus der Kapelle Helmscherode, aus dem unkommentierten Gedenken an Wilhelm Keitel, einen Hauptkriegsverbrecher, ist ein Ort des Erinnerns an die Schrecken des Nationalsozialismus geworden. "Es hat sich sehr viel zum Positiven verändert durch diese Kommentierung. Wir haben ja doch Tendenzen, die vielleicht in diese Richtung ausarten und da ist ein kritischer Rückblick mit Sicherheit hilfreich", meint Harald Benstem mit Blick auf die politische Lage in Deutschland.

Collage: Jonathan Berlin, Katharina Stark und der Sitzungssaal der Nürnberger Prozesse.
Ein erweitertes Denkmal auf einem Friedhof im Dorf Ramlingen

80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa wurde ein Gefallenendenkmal in der Region Hannover erweitert. Es erzählt bewegende Geschichten.

Wehrmachtssoldaten ergeben sich 1945 und halten weiße Tücher hoch.

Am 8. Mai 1945 kapituliert die deutsche Wehrmacht. Viele Städte und Lager sind von den Alliierten da bereits befreit worden.

Ausschnitt der Europa-Karte vom 1. Mai 1945 aus dem "Atlas of the World Battle Fronts in Semimonthly Phases" des United States War Department, 1945, der die Gebietslage in zweiwöchigen Abständen dokumentiert.

Im Frühjahr 1945 ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Wie verliefen die letzten Kriegsmonate? Welche überregionalen Ereignisse waren relevant?

Siegesparade der 8. Armee in Warschau am 5. Oktober 1939. - Vorbeimarsch vor der Führertribüne. -

Mit dem deutschen Überfall auf Polen beginnt am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Weltweit kostet er mehr als 50 Millionen Menschen das Leben.

SA-Männer kleben ein Plakat mit der Aufschrift 'Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden' an die Schaufensterscheibe eines jüdischen Geschäfts.

1933 wird der Nationalsozialist Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Fortan setzt das NS-Regime seinen absoluten Führungsanspruch durch - mithilfe von Terror und Propaganda.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen/Hallo Niedersachsen | 06.05.2025 | 19:30 Uhr --- Online-Beitrag zuerst veröffentlicht am 07.06.2025 | 11:00 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

NS-Zeit

Die 2000er-Jahre

Die 40er-Jahre

Zweiter Weltkrieg

Geschichte

Manfred Krug im Porträt (undatierte Aufnahme)

Fernfahrer, Anwalt und Tatort-Kommissar: Manfred Krug schlüpfte in unzählige Rollen. Am 21. Oktober 2016 starb der Schauspieler.

Stolperstein, Bornstraße 22 in Hamburg für Alfred Pein

Stolpersteine erinnern an NS-Opfer. Ihre Namen sind in kleine Messingplatten eingraviert. Seit 20 Jahren erforschen in Hamburg Ehrenamtliche die Biografien.

Schauspieler und Regisseur Eberhard Fechner

Er gilt als einer bedeutendsten Dokumentarfilmer des 20. Jahrhunderts. Am 21. Oktober 1926 wurde der Schauspieler und Regisseur geboren.

Zwei Soldatinnen der Bundeswehr am 16.04.2015 im Rahmen ihrer Grundausbildung im Spezialpionierbataillon 164 in Husum

Seit 2001 stehen alle Bereiche der Truppe für Frauen offen. Doch 25 Jahre später liegt der Frauenanteil trotzdem nur bei etwa 13 Prozent.