Neue Romane: Die interessantesten Buchempfehlungen für 2026
Neue Bücher für 2026: Eine Übersicht auf die Romane und Bücher, die die NDR Kultur Literaturredaktion empfiehlt. Mit dabei: Neues von Siri Hustvedt, Anja Jonuleit, Fernando Aramburu, Birgit Birnbacher, Robert Menasse und Tine Melzer.
Das Literaturjahr hat einiges zu bieten. Hier die Tipps, auf die sich Maren Ahring, Alexander Solloch, Anna Hartwich, Jürgen Deppe und Joachim Dicks freuen.
Shida Bazyar: "Die Lücken"
Shida Bazyars Roman "Die Lücken" spielt im fiktiven Dorf Heimesbach und erzählt aus der Perspektive eines Geistes von den dortigen Bewohnerinnen und Bewohnern über einen Zeitraum von hundert Jahren. Die Erzählerin, die zu ihrer Schwester Lu spricht, beobachtet historische Ereignisse und legt verdrängte Geschichten über Nationalsozialismus, Flucht, Diskriminierung und Zugehörigkeit offen. Dabei verbindet Bazyar schmerzhafte Szenen mit Momenten von Freundschaft, Empathie und Annäherung. Inspiriert von historischen Recherchen über Bazyars Heimatstadt Hermeskeil ist der Autorin ein vielschichtiger, hochaktueller und zugleich zeitloser Roman gelungen.
Jaroslav Rudiš: "Wo die Toten sprechen"
Jaroslav Rudiš' Roman "Wo die Toten sprechen" folgt drei ruhelosen Figuren - Caspar, Lorenzo und Miss Detroit -, die gemeinsam von Friedhof zu Friedhof durch Europa reisen. Dabei setzen sie sich mit Verlust, Vergessen und dem Schweigen ihrer Familien über die Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Die Idee zum Roman entstand, als Rudiš auf einem Berliner Friedhof eine Grabinschrift entdeckte - sein Buch ist auch ein literarischer Roadtrip durch die Geschichte Mitteleuropas. In der Tradition von Kafka und Hrabal verbindet Rudiš Witz und Melancholie zu einer Liebeserklärung an die Literatur und einem Plädoyer, die Vergangenheit nicht ruhen zu lassen. Mit poetischen Bildern, starken Dialogen und großem Rhythmusgefühl erzeugt er einen Sog, der lange im Gedächtnis nachhallt.
Dörte Hansen: "Broder"
"Broder" von Dörte Hansen erzählt von zwei Zwillingsbrüdern - Henning übernimmt den elterlichen Hof, Broder wird Tierarzt und kehrt als sein Dienstleister zurück. Was einst tiefe Geschwisterliebe war, wird zur harten Rivalität. Hansen schildert dabei den Wandel in der Landwirtschaft, den wachsenden Leistungsdruck und den Verlust in Familie und Gemeinschaft mit bemerkenswerter Präzision. Ihre Sprache ist knapp, poetisch und von unwiderstehlicher Klarheit - kein Wort zu viel, keins zu wenig. "Broder" ist ein großer, packender Roman, den man unbedingt gelesen haben sollte.
Han Kang: "Der goldene Faden"
Han Kang, Nobelpreisträgerin 2024, zeigt sich in "Der goldene Faden" von ihrer persönlichsten Seite: In autobiografischen Skizzen gewährt sie Einblicke in ihr Leben, ihr Schreiben und die emotionalen Tiefen, die beides mit sich bringt. Ein goldener Faden - aus einem Kindergedicht, das sie Jahrzehnte später als Vorlage für ihre Nobelpreisrede nutzte - zieht sich als verbindendes Motiv durch das Buch und verleiht ihm seine leise, aber konsequente innere Logik. Wer Han Kang bisher als Chronistin von Gewalt und historischem Trauma kannte, begegnet ihr hier in einem neuen Licht: nachdenklich, verletzlich und immer wieder erstaunt darüber, was das Schreiben mit ihr macht.
Mirko Bonné: "Kanzlerkino"
Mit viel Humor und überbordender Fantasie, mit großem Vergnügen an kriminalistischen Verwirrspielen und mit verblüffender Milde blickt Mirko Bonné in seinem neuen Roman "Kanzlerkino" auf die Jahre des Mauerfalls zurück, auf jene Jahre, die das Leben in Deutschland, und nicht nur da, so maßgeblich verändert haben. Wo die Fakten aufhören, fängt die Imaginationskraft erst an.
Christian Ditloff: "Das Leichteste der Welt"
Mit dem Titel "Das Leichteste der Welt" lockt der Hamburger Autor Christian Ditloff seine Leserschaft zunächst mal in eine falsche Richtung. Eine Jugendliebe, die gleich mit einer Schwangerschaft aufwartet, verspricht wohl kaum das Leichteste der Welt. Oder doch? Die Geschichte von Ivo und Karla führt uns mitten hinein in das Leben der 90er-Jahre, nostalgiefrei, spürbar von Musik inspiriert, mit suchenden, aber findungsreichen Charakteren. Wenn es drauf ankommt, dann helfen Liebe, Freundschaft und Familie immer noch am besten.
Elena Fischer: "Wirf einen Schatten"
Elena Fischer legt mit "Wirf einen Schatten" einen einfühlsamen Roman vor, der am Heiligen Abend 1963 den einsamen Bergbauern Joseph in den Mittelpunkt stellt, der kurz vor dem Ende steht. Langsam blättert Fischer sein Leben auf - seine verlorene Familie, seine Sehnsucht und sein Trauma - bis die junge Birdie, auf der Flucht vor ihren Eltern, an seiner Tür klopft. Was nach einer sentimentalen Weihnachtsgeschichte klingt, ist es ganz und gar nicht: Fischer erzählt ohne Pathos vom harten Bergbauernleben und von zwei Menschen, die aneinander wachsen und den Mut finden, ihren eigenen Weg zu gehen. Die Dramen ihrer Figuren - Einsamkeit, Selbstbestimmung, Liebe - wirken zeitlos, denn was damals galt, gilt auch heute. Am Ende der Lektüre fällt der Abschied schwer - "Wirf einen Schatten" ist schlicht ein fabelhafter Roman.
Stefan Cordes: "Wir waren Wunder"
Ende Juli jährt sich der 275. Geburtstag von Mozarts Schwester Nannerl. Gerade ist ein neues Buch über sie und ihren berühmten Bruder erschienen - keine Fachliteratur, sondern ein lesenswerter Roman, mit dem wir eintauchen können in die Reisen und Erlebnisse zweier berühmter Kinder. Stefan Cordes hat dieses Buch geschrieben. Zuletzt hat er sich in "Billie" mit der Barockdichterin Sibylla Schwarz beschäftigt - nach einer mehrteiligen Fantasybuch-Reihe sein Debütroman. "Wir waren Wunder" heißt das frisch erschienene Mozart-Buch von Stefan Cordes.
"Contrapposto" von Dave Eggers
Dave Eggers’ neuer Roman "Contrapposto" erzählt von Rob, genannt Cricket, einem schüchternen begabten Zeichner, und der scharfzüngigen Olympia, die sein Talent erkennt und ihn über Jahrzehnte immer wieder herausfordert. Ihre gegensätzlichen Lebenswege - sie wird Galeristin, er sucht nach Sinn und künstlerischer Erfüllung - bilden eine spannungsreiche Beziehungsgeschichte voller Inspiration, Reibung und unausgesprochener Anziehung.
Eggers verbindet seinen leicht ironischen Ton mit einer Hommage an Kunst und künstlerisches Schaffen sowie kleinen Spitzen gegen einen kommerzialisierten Kunstbetrieb. An Eggers’ stärkere Werke reicht "Contrapposto" nicht heran, ist aber für Fans des Autors und Leserinnen und Leser mit Interesse an Kunst und komplexen Frauenfiguren durchaus lesenswert.
"Alles Liebe" von Ronja von Rönne
Ronja von Rönnes Roman "Alles Liebe" handelt von Menschen, die sich aus Schmerz, Einsamkeit oder Geltungsdrang in selbst erschaffene Illusionswelten flüchten. Die Autorin erzählt nüchtern von traurigen, verlorenen Existenzen, bewertet aber nie und lässt die Figuren für sich sprechen. Jede Hauptperson erhält ein eigenes Kapitel und schafft sich auf unterschiedliche Weise eine alternative Realität, etwa durch Dramen, Obsessionen oder Fluchten aus dem Alltag. Am Schluss bleibt die ernüchternde Erkenntnis: Illusionen machen nicht glücklich.
"Unter Tieren" von Elfriede Jelinek
Elfriede Jelineks neues Werk "Unter Tieren" knüpft an ihre Kapitalismuskritik an und nimmt die Pleite von René Benkos Signa-Gruppe als Ausgangspunkt für einen wütenden Blick auf das Finanzwesen. Der Text ist klar als Theaterstück angelegt, verteilt seine Stimmen auf Tierfiguren wie Fuchs, Hase, Bär oder Kuh, die jedoch sprachlich kaum voneinander zu unterscheiden sind. Trotz mancher wahllos erscheinender Schleifen überzeugt der Text immer wieder durch analytische Schärfe, etwa in der Verbindung von Kreditwirtschaft, Schuld und Religion. Als Lesevergnügen funktioniert "Unter Tieren" nur begrenzt, doch Jelineks intellektuelle und sprachliche Kraft bleibt beeindruckend.
"Königin der Nacht" von Lukas Bärfuss
Lukas Bärfuss erzählt in "Königin der Nacht" in nüchternem, beinahe dokumentarischem Ton von einer Kindheit ohne Mutterliebe. Er rekonstruiert die Gewalt und Vernachlässigung, die ihn mehrfach in Lebensgefahr brachte und schließlich mit 15 auf die Straße führte. Aus verschiedenen Perspektiven - Kind und erwachsener Mann - sucht er nach dem "Warum" hinter dem persönlichen Bruch. Dabei weitet sich die Geschichte zur Diagnose einer Gesellschaft, die alleinerziehende, marginalisierte Frauen und ihre Kinder systematisch im Stich lässt. Schreiben und Erzählen erscheinen als Überlebensstrategie und als Versuch, zwischen Unverständnis, Zuneigung und vorsichtigem Verzeihen einen Sinn zu finden.
"Michaela Kohlhaas" von Heike Geißler
Die Welt ist aus den Fugen. Da lehnt sich eine auf. Ihr Name: "Michaela Kohlhaas". Wer da an Heinrich von Kleists berühmten Michael Kohlhaas denkt, ist selbst schuld. Denn diese Michaela ist ganz anders. Sie braucht kein erlittenes Unrecht, um an dieser Welt zu verzweifeln und sich aufzulehnen. Das neue Buch von Heike Geißler verstört und zieht uns zugleich in seinen Bann.
"KiezBlues" von Tim Sohr
Tim Sohrs Roman "KiezBlues" erzählt den Hamburger Kiez der 1970er- und 1980er-Jahre als rauen, blutigen Ort voller Gewalt und Machtkämpfe. Im Mittelpunkt stehen Figuren wie der abgebrühte Reporter Katze und Frankie, der als brutale "Abteilung Stress" einer Zuhälterbande arbeitet, aber zugleich um das richtige Vorbild für seinen Sohn ringt. Sohr orientiert sich erzählerisch an Don Winslow und verfolgt weniger eine gerade Handlung, sondern zeichnet in Episoden die verschiedenen Phasen des Milieus und das besondere Flair St. Paulis nach.
"Die Straße" von Robert Seethaler
Robert Seethalers neuer Roman "Die Straße" verzichtet auf eine klassische Handlung und entfaltet stattdessen ein vielstimmiges Panorama aus inneren Monologen, Alltagsgesprächen und leisen Momenten der Hoffnung. Im Pflegeheim "Haus Abendschein" werden die Gedanken von Bewohnern und Pflegekräften hörbar und machen deutlich, wie nah Tod und Leben beieinander liegen. Seethaler betont, es sei "ein Buch übers Leben", in dem jede Figur um den nächsten Augenblick kämpft. Parallel dazu wehren sich die Bewohner der Heidestraße gegen Investoren, die mit perfiden Methoden die Straße entseelen. Durch diese Vielstimmigkeit entsteht ein Roman wie ein Resonanzkörper, in dem die Stimmen der Straßenbewohner zu einem schwingenden, poetischen Erlebnisraum werden.
"So, in etwa, ist es geschehen" von Sharon Dodua Otoo
Die Schwarze Deutsche Amata Haller, in der JVA Lübeck inhaftiert, gesteht, ihren Chef Heinz Brockhaus getötet zu haben. In vier Anläufen beschreibt sie eine tödlich endende Autofahrt zur Ostsee.
Sharon Dodua Otoos neuer Roman "So, in etwa, ist es geschehen" ist schmal im Umfang, aber groß in der thematischen Spannweite: Von Kolonialgeschichte bis Cap-Arcona-Gedenken verknüpft Otoo persönliche und historische Erfahrungen eindringlich. Besonders stark ist das Porträt von Amata Haller, die sich in Deutschland nie wirklich zugehörig fühlt. Die Autorin verweigert eine eindeutige Wahrheit und öffnet damit produktive Denkräume für Leserinnen und Leser.
"An den Rändern" von Elena Ferrante
In "An den Rändern" versammelt Elena Ferrante vier Essays, in denen sie ihre Lese- und Schreibgeschichte, den Konflikt zwischen normiertem und entfesseltem Schreiben und die Suche nach "wahrem Schreiben" beleuchtet. Sie analysiert weibliches Erzählen, reflektiert männlich geprägte Traditionen, diskutiert Autorinnen und Autoren und ihr eigenes Werk.
Zwar fehlt der Essaysammlung der rauschhafte Sog der Neapolitanischen Saga von Ferrante, sie bietet aber eine spannende literaturanalytische Ergänzung für Leserinnen und Leser, die Ferrantes Poetik verstehen wollen.
"Wo der Wind die Namen trägt" von Anja Jonuleit
Anja Jonuleits Roman "Wo der Wind die Namen trägt" erzählt von Inge, die als alte Frau mit Enkelin und Urenkel in die Lüneburger Heide zurückkehrt und sich ihrer verdrängten Vergangenheit stellen muss. Die Heide erscheint dabei als Erinnerungslandschaft, in der idyllische Kindheit und Schuld eng beieinanderliegen. Zentral sind die letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre, in denen Kinder Geschehnisse sehen, ohne sie wirklich zu begreifen, etwa hungernde Menschen in Zügen Richtung Bergen-Belsen. Der Roman basiert auf realen Ereignissen und stellt die Frage, wer was wusste oder ahnte. Sorgfältig recherchiert und atmosphärisch dicht zeigt das Buch, wie lange Schweigen nachwirkt und wie nah deutsche Geschichte an Familiengeschichten heranrückt.
"Wer hat uns je geliebt" von Helmut Krausser
Schriftsteller und Komponist Helmut Krausser entführt uns in seinem neuen Roman mitten ins pulsierende Berlin - in eine Stadt voller rätselhafter Figuren, unvorhersehbarer Schicksale und explosiver Momente. Gleich zu Beginn platzt dem arbeitslosen Lichttechniker Werner P. in einem Café beim Backgammon buchstäblich der Kopf, und der einzige Zeuge, ein geheimnisvoller Mann namens Enki, verschwindet spurlos. Mit "Wer hat uns je geliebt" entwirft Krausser ein teuflisches Tableau voller dramatischer Abgründe, das er mit todkomischer Leichtfüßigkeit erzählt und das die Leserinnen und Leser am Ende auch zu sich selbst führt.
"Sie wollen uns erzählen" von Birgit Birnbacher
Birgit Birnbachers Roman "Sie wollen uns erzählen" erzählt von der intensiven Beziehung zwischen der impulsiven Mutter Annegret und ihrem zehnjährigen Sohn Oz. Kurz vor den Sommerferien lassen Oz und seine Mitschüler im Schulhof versehentlich das Kaninchen Flöte aus dem Stall, das vom grimmigen Schulwart mit dem Rasenmäher tödlich verletzt wird. Oz beendet den Todeskampf des Tieres, was Mitschüler und Lehrer schockiert und einen Konflikt auslöst, den er zunächst vor seiner Mutter verschweigt.
Das Buch ist ein bedrückendes und zugleich erhellendes Familiendrama über Einsamkeit neurodiverser Menschen. Birnbachers nervöse, bildstarke Sprache spiegelt die innere Unruhe der Figuren wider. Am Ende finden Mutter und Sohn zu einem echten Gespräch und erkennen, dass ADHS mehr als eine Diagnose ist.
"Meine Liebe stirbt nicht" von Robert Saviano
Roberto Savianos Tatsachenroman "Meine Liebe stirbt nicht" erzählt die wahre Geschichte der jungen Studentin Rossella Casini, die sich in den Mafioso Francesco verliebt. Aus einer zunächst romantischen, sinnlichen Liebesgeschichte entwickelt sich schrittweise ein Blick ins Innere der Mafia, geprägt von Schweigen, patriarchalen Strukturen und einem brutalen Ehrenkodex. Saviano zeigt, wie Rossella aus Naivität und Liebe die Augen vor der Kriminalität verschließt, bis ihr klar wird, in welche Gewaltwelt sie hineingeraten ist. Rossella, die nach ihrer Aussage gegen die Mafia 1981 verschwindet und nie Gerechtigkeit erfährt, erhält durch das Buch eine Stimme und ein Stück Würde zurück. Saviano verwebt Interviews, Abhörprotokolle und Gerichtsakten mit einer sehr bildhaften, fast filmischen Erzählweise.
"Sanditz" von Lukas Rietzschel
Seit seinem Debütroman "Mit der Faust in die Welt schlagen" gilt Lukas Rietzschel zu den interessantesten deutschen Autoren und als Beobachter vor allem der ostdeutschen Gesellschaft. Diesen Ruf untermauert er mit seinem aktuellen Buch weiter. In "Sanditz" erzählt Rietzschel von einer fiktiven Kleinstadt im Lausitzer Braunkohlerevier und ihren Bewohner*innen. Im Mittelpunkt die Familie Wenzel. Dabei spannt er den Bogen von der DDR über die Nachwendezeit bis zum Beginn des Ukrainekriegs. Es geht unter anderem um große gesellschaftliche Fragen, um Heimat und Zugehörigkeit. Lukas Rietzschel beschreibt bemerkenswert detailliert und lässt sich Zeit für Alltagsbeobachtungen - mit viel Feingefühl und Respekt. Unbedingt lesen!
"Im ersten Licht" von Norbert Gstrein
Wie lässt sich über Krieg, über Schuld und Verstrickung und Moral schreiben? Diese Frage treibt den österreichischen, in Hamburg lebenden Autor Norbert Gstrein einmal mehr um in seinem neuen Roman "Im ersten Licht". Darin nimmt die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn abstruse Züge an, da der Vater partout verhindern möchte, dass der Sohn in den Krieg zieht. Die Kriege der Vergangenheit werden hier auch zu den Kriegen unserer Gegenwart, die Literatur ein Mittel, sich dagegen aufzubäumen.
"Nelka" von Svenja Leiber
Wie lässt sich über die Zeiten des Nationalsozialismus schreiben, wenn sich die letzten lebenden Zeitzeugen allmählich verabschieden? Diese Frage treibt die nachrückenden Schriftstellerinnen-Generationen immer wieder um. Svenja Leiber zeigt, dass in ihrem neuen Roman "Nelka" eindrucksvoll, dass es möglich und notwendig ist. Denn nur wer die Vergangenheit kennt, hat die Chance früher gemachte Erfahrungen nicht zu wiederholen. Literature engagée im besten Sinne des Wortes!
Kristof Magnusson: "Die Reise ans Ende der Geschichte"
Auch in seinem neuen Roman "Die Reise ans Ende der Geschichte" beweist Kurt Magnusson, wie milieugetreu er seine Figuren verorten kann. In diesem Abenteuerroman mit Agententhrillerzutaten lässt er es wieder krachen. Seine Inspirationen hat er dafür bei John le Carré, bei der "Schatzinsel" und beim "Graf von Monte Christo" entlehnt und diese in die Welt der 1990er-Jahre übertragen. Höchst wirkungsvoll!
Leïla Slimani: "Trag das Feuer weiter"
Der abschließende dritte Teil der großen, autobiografisch grundierten Familiengeschichte der Prix-Goncourt-Trägerin: Die Protagonistin, eine erfolgreiche Schriftstellerin aus Paris, reist zurück ins Land ihrer Kindheit, nach Marokko, und lässt sich von Erinnerungen überfluten. "Trag das Feuer weiter" ist aus verschiedenen Perspektiven erzählt, und die einzelnen Geschichten sind klug und ganz selbstverständlich ineinander verschränkt. Die Sprache ist schnörkellos und eingängig, und Amelie Thoma hat den spannenden Roman in ein fließendes Deutsch übertragen.
Heike Geißler: "Michaela Kohlhaas"
Eine Revitalisierung des Kleist-Klassikers für unsere heutige Zeit! Michaela Kohlhaas wird in ohnmächtiger Wut zur Aufsässigen - und muss bald merken: Als Frau geziemt sich das offensichtlich nicht. Neuer, spannender Stoff also von Heike Geißler, der Leipziger Autorin, die mit ihrem fulminanten Roman "Die Woche" vor drei Jahren so viele Menschen bewegt hat.
Judith Hermann: "Ich möchte zurückgehen in der Zeit"
Judith Hermann ist eine Meisterin der kurzen Form. Ihre Kurzgeschichten (z.B. in "Sommerhaus, später") sorgten Ende der 1990er-Jahre für viel Begeisterung. Auch in ihren Romanen ist ihr Stil knapp und oft lakonisch. Nun widmet sich Judith Hermann einem Kapitel ihrer Familiengeschichte: ihrem Großvater, der im Zweiten Weltkrieg für die SS in Polen stationiert war. Eine Spurensuche mit literarischem Gehalt.
Bodo Kirchhoff: "Nahaufnahme einer Frau, die sich entfernt"
Zum ersten Mal wagt sich der Großmeister der Männer-Literatur an die Perspektive einer Frau: Terese, seit über 50 Jahren mit Vigo verheiratet, reist ihrem Mann nach Indien hinterher. Dorthin hat sich der Egomane zurückgezogen, um zu sortieren, was von ihrer Beziehung geblieben ist. Und er beginnt einen Roman aus der Sicht seiner Frau zu schreiben. Das verspricht wieder großes Gefühlsliteratur!
Robert Menasse: "Die Lebensentscheidung"
Nach seinen großen gewichtige Europa-Romanen hat sich Robert Menasse, der Buchpreisträger von 2017, nun für die kleinere Form entschieden: In seiner Novelle erzählt er von einem Ruheständler, der erfährt, dass er sterbenskrank ist. Nur muss er es irgendwie schaffen, seine uralte Mutter zu überleben. Kann man also die Entscheidung treffen, länger zu leben, als es eigentlich "vorgesehen" ist?