Bodo Kirchhoffs literarischer Trip in weibliche Intimität
Bodo Kirchhoff begibt sich mit seinem neuen Roman "Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt" auf dünnes Eis: Der mittlerweile 77-Jährige schreibt über Liebe und Sexualität - als Mann über eine Frau.
Er wäre nie auf die Idee gekommen, sagt Kirchhoff im Gespräch, als Ich-Erzähler von einer Frau zu schreiben: "Niemals! Sondern es ist immer natürlich ein Mann, der erzählt, wie er sich das denkt und vorstellt." Dafür greift Bodo Kirchhoff zu einem erzählerischen Kniff. Er lässt Vigo die Geschichte seiner Frau Tess erzählen, die sich nach langjähriger Ehe von ihm trennt.
Herr Kirchhoff, verraten Sie uns, wer da in Ihrem Buch eigentlich spricht?
Bodo Kirchhoff: Für mich war es ganz entscheidend, dass ich einen Erzähler habe. Ich wollte nicht als Autor selbst über eine Frau schreiben, sondern ich wollte ihren Mann über seine Frau schreiben lassen, weil er immer noch derjenige ist, der sie am allerbesten kennt. Natürlich ist das in gewisser Weise auch ein Kniff, aber gleichzeitig ist es auch so, dass ich als Autor meine Karten offenlege. Und darauf kam es mir ganz entscheidend an.
Vigo schreibt aus der Innenperspektive seiner Frau, die sich offenbar von ihm entfernt. Wie kann er all diese Bedürfnisse, diese Sehnsüchte, diese Gedanken rekapitulieren, wo doch aber offensichtlich eine relativ große Entfremdung zwischen den beiden stattgefunden hat?
Kirchhoff: Einerseits ist das eine sehr lange Ehe. Zum anderen ist es so, dass er die Schauplätze kennt. Er kennt sogar den Liebhaber, den sie in Mumbai gewinnt. Das ist ein Hotelier mit deutscher Mutter, bei dem er selber auch zehn Tage war. Er kann sich in Therese, aufgrund der langen Beziehung, die sie hatten, einfühlen, soweit das überhaupt möglich ist, dass sich ein Mann in eine Frau einfühlt. Dazu muss ich aber sagen, dass es mir nur möglich war, weil ich in einer fast täglichen Auseinandersetzung mit meiner eigenen Frau stand, die vieles bemängelt hat, die mir immer wieder zugesetzt hat und mir immer wieder die Augen geöffnet hat für das, was eine Frau empfindet oder was sie nicht empfindet.
Sie schreiben bis ins Allerintimste über das, was Tess denkt und empfindet. Das sind Sehnsüchte, das sind Begierden. Haben Sie die abnehmen lassen von Ihrer Frau?
Kirchhoff: Nein, so ganz strikt ist das Verhältnis nicht. Meine Frau hat das gelesen, und wenn ihr etwas gegen den Strich gegangen wäre, hätte sie es gesagt - und sie hat es auch in vielen Fällen gesagt. Abnehmen geht etwas zu weit. Aber es ist an manchen Stellen ein ganz wichtiges Korrigieren, ein kurzes Heben der Hand, wo der Autor spürt, das könnte in die falsche Richtung gehen und dann nochmal neu ansetzt. Schreiben muss er es, da hilft ihm kein Gott.
Es gibt eine Stelle im Roman, wo Vigo und Tess noch einmal eine Nacht miteinander verbringen und eindeutig nicht einvernehmlichen Sex miteinander haben. Sie wehrt sich anfangs, sagt deutlich nein, lässt es dann aber geschehen. Das Ganze spielt dann im Roman für mein Empfinden keine große Rolle mehr. Da ist doch eigentlich ein großer Aufschrei fällig, oder?
Kirchhoff: Nein, dazu kennen sie sich zu lange. Dieser Aufschrei wäre fällig, wenn sie sich nicht kennen würden. Dass sich Therese etwas später von ihm trennt, hat wesentlich auch damit zu tun, aber es erfolgt nicht der sofortige Aufschrei - dazu kennen sie sich zu lange. Mir kam es darauf an, dass auch das von Vigo erzählt wird, als würde er einen Blick auf sich selbst als handelnde Person werfen, wie auch auf seine Frau, dass er auch diese Szene so ehrlich und authentisch wie möglich erzählt.
Heißt aber: ohne jegliches Schuldbewusstsein.
Kirchhoff: Natürlich. Wenn er Asche auf sein Haupt streuen würde, wäre das langweilig. Das ist nicht der Punkt, sondern er erzählt es so, wie es in seiner Erinnerung in dieser Nacht war. Nur dadurch entsteht auch die Dynamik, aus der heraus Therese sich schließlich von ihm trennt.
Haben Sie nicht die Befürchtung, dass diese extrem männliche Sicht Ihnen von weiblicher, vielleicht sogar auch feministischer Seite harsche Kritik anbringen könnte?
Kirchhoff: Das ist keine extrem männliche Sicht, sondern eine nüchterne Sicht auf die Dinge, wie sie waren. Ich heiße das ja nicht gut, mit keiner einzigen Silbe, sondern ich versuche nur zu erzählen, was in dieser Situation war. Das ist ja keine sehr seltene Situation, dass es in einer Ehe unvernehmlichen Sex gibt oder dass der eine mehr will als der andere. Ich versuche das so ruhig wie möglich zu erzählen, aber ich bewerte es nicht, sondern die Bewertung nimmt die Frau am Ende vor, indem sie sich trennt.
Misslingt Vigo dann womöglich sein Projekt, sich in seine Frau hineinzuversetzen? Denn die nimmt es ganz anders wahr.
Kirchhoff: Natürlich nimmt sie es anders wahr, ihre Wahrnehmung wird im Nachhinein auch miterzählt. Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, als Ich-Erzähler von einer Frau zu erzählen, niemals. Sondern es ist immer ein Mann, der erzählt, wie er sich das denkt und vorstellt. Das ist das Wesentliche an diesem Buch. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass er diese Frau so gut kennt und so viel von ihr weiß, dass vieles von dem, was er erzählt, auch mit ihren Empfindungen übereinstimmt.
Das Gespräch führte Jürgen Deppe.