"So, in etwa, ist es geschehen": Eine Fahrt in den Abgrund
2016 gewann Sharon Dodua Otoo mit ihrem ersten auf Deutsch veröffentlichten Text den Ingeborg-Bachmann-Preis. Seit 20 Jahren lebt die Tochter ghanaischer Einwanderer in Berlin. Jetzt ist ihr zweiter Roman erschienen: "So, in etwa, ist es geschehen".
Die Fakten sind von Anfang an klar:
(...) ich werde in einer Stunde abgeholt, also komme ich direkt zum Punkt. Heute stehe ich endlich im Gerichtssaal und werde mich "schuldig im Sinne der Anklage" bekennen, denn: Ich habe Heinz Brockhaus getötet. Leseprobe
Bleibt die Frage, warum die in der JVA Lübeck einsitzende Schwarze Deutsche Amata Haller ihren Chef umgebracht hat. Antworten gibt sie in ihren "Erinnerungen", die sie in einer Nacht fieberhaft niederschreibt. Viermal nimmt sie Anlauf unter den Überschriften "Die Wahrheit", "Die ganze Wahrheit", "Und nichts als die Wahrheit", zuletzt: "Wahrer geht es nicht". Doch wie wahr sind Erinnerungen?
Eine Autofahrt, die tödlich endet
Amata, Ende 30, ist eine unzuverlässige, fast kindlich wirkende Erzählerin: So engagiert sie sich in der Initiative "Beyond Reparations", die sich unter anderem dafür einsetzt, dass in Berlin eine Straße nach dem Schwarzen Deutschen Theodor Wonja Michael benannt wird, ist jedoch vor allem mit ihren Gefühlen für Mitstreiter Kwame beschäftigt.
Der Mord geschieht am 3. Mai 2025. Amata will an die Ostsee, um dort gemeinsam mit der Mutter des Großvaters zu gedenken. Er überlebte den Untergang der Cap Arcona am 3. Mai 1945. Doch Amata hat vergessen, einen Mietwagen zu bestellen. Als Brockhaus das mitbekommt, bietet er ihr an, sie zu fahren. Normalerweise meidet sie ihn, doch dieses Angebot schlägt sie nicht aus. Es ist heiß, die Klimaanlage im Auto kaputt, der Verkehr zähflüssig. Und Brockhaus redet ohne Punkt und Komma die ganze Strecke von Berlin nach Timmendorfer Strand. Sie kommen zu spät, die Mutter ist nirgends zu sehen.
Alles drehte sich. Es war unendlich heiß. Eine Wespe klatschte immer wieder gegen die Scheibe. Dazu kam die dröhnende Stimme von Brockhaus, sein ständiges, ununterbrochenes Erzählen. Und dann: Stille. Aus. Vorbei. Leseprobe
Die "letzten Worte" eines weißen Mannes
Der Roman umfasst lediglich knapp 140 Seiten. Doch Sharon Dodua Otoo schlägt weite Bögen. Der Text strotzt vor Verweisen auf historische Ereignisse wie den Untergang der Cap Arcona oder die Kolonialgeschichte.
Alles, was ich mitbrachte, war der Schmerz vieler Generationen, den ich seit meiner Geburt mit mir herumschleppe. Für eine einzelne Person ist er viel zu groß, er muss sich irgendwann Bahn brechen, er muss irgendwohin ausweichen. Und Brockhaus saß ja an diesem Tag stundenlang direkt neben mir. Leseprobe
Auch Brockhaus kommt zu Wort, in dem fast 50 Seiten langen Transkript einer mit dem Mobiltelefon während der Fahrt aufgenommenen Audiodatei. Es sind die letzten Worte eines von sich restlos überzeugten weißen Mannes Anfang 60. Antworten auf Fragen findet er selbst, entsprechend hat er stets recht. Aus seiner Bewunderung für Amatas Schönheit macht er keinen Hehl, auch wenn "Mann" das kaum noch sagen dürfe. Unter anderem wegen dieser Erkenntnis hält er sich für aufgeklärt und offen.
"So in etwa ist es geschehen" wirkt lange nach
Die Lektüre dieses Transkripts ist harte Arbeit und bringt keine grundsätzlich neuen Erkenntnisse. Amata beschreibt Brockhaus bereits entsprechend. Allerdings wird dessen Penetranz hier auch für das Lesepublikum auf kaum erträgliche Weise spürbar sowie das Bedürfnis, ihm den Mund zu stopfen. Interessant ist der erste Teil des Romans: Hier gelingt Sharon Dodua Otoo das Porträt einer Schwarzen Frau in Deutschland, die sich nie zugehörig fühlt.
Brockhaus hingegen hätte mehr Tiefe vertragen. Doch der schmale Roman wirkt lange nach, hinterlässt vor allem Fragen: Warum hat Amata Brockhaus' Angebot, sie zu fahren, nicht einfach abgelehnt, warum konnte sie das nicht? Sharon Dodua Otoo eröffnet neue Perspektiven, und auch wenn Amata "Wahrheit" verspricht: Die Autorin verkündet sie nicht - und macht damit viele Denkräume auf.
So, in etwa, ist es geschehen
- Seitenzahl:
- 144 Seiten
- Genre:
- Roman
- Verlag:
- S. Fischer
- ISBN:
- 978-3-10-397705-9
- Preis:
- 22 €