Furioser Auftakt: Argonautensage "Fremde Sonne" in Hamburg
Mit "Fremde Sonne" startet Karin Beier am Hamburger Schauspielhaus ihre zweite Antikenserie. Im Zentrum steht die Argonautensage mit der Geschichte von Medea und Jason. Mit dabei: Bjarne Mädel und Devid Striesow.
Ein Schlag, dann gebannte Stille: Fast alle im Saal haben den ersten Antiken-Marathon gesehen, wissen, was auf sie zukommt: "Ich mag es, wenn man so richtig reingesaugt wird in die Geschichte und dann auch ganz andere Zusammenhänge erkennt", erzählt eine Besucherin.
Aufbruch in eine graue Welt
An diesem Abend fehlt der Mann, der zu Beginn in Zusammenhänge einführen soll. Michael Wittenborn ist bei einer Probe zusammengebrochen. Der Autor Roland Schimmelpfennig springt ein, dann die Kollegen, die seinen Text virtuos mit übernehmen. Es geht um das sagenumwobene goldene Vlies, das den Menschen Heil bringen soll und Licht in die graue, große Hafenstadt, in der die Sonne schon lange nicht mehr scheint.
Tatsächlich taucht einer auf, der Erlösung verspricht: Jason, hier mit breiter Brust gespielt von Devid Striesow. Jahre hat er versteckt in einer Höhle gelebt, in Mädchenkleidern, der Sohn eines gefallenen Königs.
Wir fahren nicht dort hinaus, um allein ein Vlies zu finden, ein geraubtes Fell, nein! Wir fahren dort hinaus, um die Welt zu ändern, oder nein, nein, nein: Wir fahren dort hinaus, um unsere Welt neu zu erfinden. Szene aus dem Theaterstück "Fremde Sonne"
Noch übt er das Anführen. Die Fahrt: quälend lang, ein Martyrium. Hunger, Langeweile, Lebensgefahr.
Große Bilder, tiefe Abgründe
Karin Beier inszeniert das in großen Bildern: Die Bühne ist mit Wasser geflutet, auf Leinwänden brechen sich die Wellen, Ruderer bringen das Schiff immer wieder mit langen, rhythmischen Schlägen voran.
Zuvor hat Beier gezeigt, wie Jason aufgewachsen ist in der Höhle des Zentauren Cheiron. Mirco Kreibich in dieser Rolle ist ein Ereignis. Virtuos stolziert er wie auf Hufen, in jeder Faser seines durchtrainierten Körpers steckt der Pferdemensch - alles ist Ausdruck: ein Wesen ebenso klug wie grausam, das den Jungen lustvoll erniedrigt und missbraucht.
Überforderung als Prinzip
Drei Teile hat dieser erste Abend, und er ist eigentlich eine einzige Überforderung, auch wenn Roland Schimmelpfennig und Karin Beier die komplexen Themen immer wieder gekonnt herunterbrechen. Themen, die heutiger kaum sein könnten: imperialistisches Streben, der Umgang mit dem Fremden, mit Freiheit. Ein Käfig, sagt der Zentaur, biete doch einen willkommenen Rahmen; der Koch an Bord der Argo philosophiert über Dosen und deren Inhalt:
Die Dose ist eine Dose, aber gleichzeitig ist sie auch keine Dose, denn sie ist viel, viel mehr. Szene aus dem Theaterstück "Fremde Sonne"
Der Auftakt macht Lust auf mehr
Bjarne Mädel hat anfangs die Lacher noch auf seiner Seite - am Ende bleiben sie im Halse stecken. Für befreites Lachen sorgt Lina Beckmann. Im ersten Marathon improvisierte sie eine Weinprobe, hier überbrückt sie während einer Umbaupause. Mühsam rollt sie unter dem Vorhang hindurch, dann gibt es Eiskonfekt.
Ein toll gespielter Abend, klug komponiert von Karin Beier: vielfältig in der Form, mit Tanz, Gesang, viel Nebel und Wasser - einerseits mit Lust am großen Bild gestaltet, andererseits im Höhlenteil dann ganz auf einen Schauspieler fokussiert. Das macht Lust auf mehr. Heute geht es weiter mit Jason und Medea.
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