Shortlist-Kandidat "Die Lücken" über Erinnerung und Vergessen
Shida Bazyars Roman "Die Lücken" steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis - und bekommt den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis. Er spielt in dem fiktiven Dorf Heimesbach im Hunsrück. Es ist kein Geheimnis, dass Bayzars Heimatstadt Hermeskeil dafür Pate stand.
"Die Lücken" ist ein ganz besonderer Roman ist - das wird schon in den ersten Sätzen klar:
Wenn wir es gewusst hätten, was hätte es geändert? Hätte unsere Mutter die Fenster geöffnet und der Sonne misstraut? Unser Vater aufgehört, den alten Nachbarn zu grüßen? Auszug aus "Die Lücken"
Diese unbequemen Fragen zeigen: Hier wird etwas verschwiegen, und diejenige, die das aufdecken will, ist ein Geist. Und sie spricht zu ihrer Schwester. Nach ihrem Tod ist sie nicht etwa im Paradies gelandet, sondern in Heimesbach im Hunsrück, und sie ist sich nicht sicher, ob das vielleicht die Hölle ist. Die Erzählerin wird in der Zeit hin- und hergeworfen, wird zur Zeitzeugin unterschiedlicher Szenen der letzten hundert Jahre und berichtet ihrer Schwester Lu davon, die Heimesbach natürlich ebenso kennt wie sie. Wir erfahren, dass sie nur drei Jahre dort verbracht haben. Glückliche Kinder sind sie dort gewesen, dorthin geflüchtet, aber wieder gegangen, bevor man sie wegschicken konnte.
Der Geist als Zeugin der Geschichte
Autorin Shida Bazyar war es wichtig, eine Erzählinstanz zu haben, die das Geschehen, auch die Abgründe, in die sie blickt, kommentieren kann: "Ich wollte aber das nicht selber sein. Ich wollte, dass klar ist, wer hier spricht. Und der Geist, der erzählt, kann ganz viel, der kann sich erlauben, innerhalb von einem Satz die Perspektiven zu wechseln. Der kann viel mehr sehen als alle anderen, der springt durch die Zeiten. Aber der Geist hat auch ein begrenztes Wissen, weil sie immer nur die Szenen mitbekommt, die wir als Lesende mitbekommen."
Dieser Erzählgeist war eine großartige Idee der Autorin, die im Buch perfekt funktioniert: Häufig nimmt sie sich zurück, erzählt, was sie sieht, ordnet aber gleichzeitig ein. Sie macht ihre Schwester Lu und uns mit vielen Bewohnerinnen und Bewohnern Heimesbachs bekannt, beginnend in den 1920er-Jahren, bis in die Gegenwart. Wie viele besondere Bücher, so erfordert auch dieses Geduld: Es dauert eine Weile, bis man wiederkehrende Personen erkennt, auch weil sie vielleicht inzwischen gealtert sind, bis man versteht, wer mit wem verwandt oder befreundet ist. Oder befreundet war, aber diese Freunde an die Ideologie verrät. So wie Lore, die ihre nationalsozialistische Gesinnung bis ins hohe Alter nicht wird ablegen können. Von ihrer einst besten Freundin Johanna, die jüdischen Glaubens ist, wird sie sich abwenden.
Ein Roman voller Kontraste
Shida Bazyar hat sich beim Schreiben und der Ausgestaltung der Figuren und Szenen ganz auf ihre Intuition verlassen: "Ich hätte gar nicht so richtig geplant, dass es zwei geflüchtete Familien aus Iran sind, um die es geht, weil man nach Jahrzehnten Geschichtenerzählen so ein Quotendenken hat: Eine Familie reicht, um das zu repräsentieren. Ich habe beim Schreiben aber gespürt, dass das überhaupt nicht funktioniert. Ich habe da noch eine Familie in der Hinterhand, und die haben andere Perspektiven auf diesen Ort und andere Themen, andere Schwierigkeiten."
Gut 500 Seiten sind es geworden, und man möchte keine davon missen. So vielschichtig, so reich ist dieses Buch geworden. Shida Bazyar hat sehr schmerzhafte Szenen geschrieben, Szenen von Diskriminierung, unmenschlicher Strenge, Verbohrtheit und Fremdsein. Gleichzeitig aber gibt es zarte Szenen sanfter Annäherung, die von offener Neugier erzählen, von Freundschaft und Zugehörigkeit.
Recherche trifft Empathie
Den Anstoß für ihren Roman hat Shida Bazyar durch das Buch "Juden im Gaumusterdorf - Auf den Spuren ehemaliger jüdischer Nachbarn in Hermeskeil" von Heinz Ganz-Ohlig bekommen. Von dessen akribischer Recherche konnte die Autorin profitieren, mit "Die Lücken" fügt sie die emotionale, die menschliche Dimension hinzu. Und selbst wenn ihr Erzählgeist über das Geschehen traurig oder empört ist, erhebt er keinen durchsichtigen Zeigefinger, verurteilt nicht, sondern sagt, was ist. Wie etwa, als die jüdischen Jungen Emil Ackermann und Heinz Kahn der Schule verwiesen wurden, noch bevor die antisemitischen Gesetze der Nationalsozialisten es verlangten:
Vorher fragte der Lehrer die Klasse noch, welche Note man Heinz Kahn zum Abschluss geben solle, die Kinder sagten: Eine Eins. Er war ein guter Schüler, jeder wusste das. Der Lehrer gab ihm eine Drei. Warum hat er überhaupt gefragt? Frag‘ nicht nach einem Warum. Weil er es wollte. Die Höhere Schule also unterrichtete keine jüdischen Schüler mehr, während man die Volksschule auf dem Acker der Familie Heimann baute. Auszug aus "Die Lücken"
Hochaktuell und zeitlos zugleich
Die Arbeit an ihrem Roman habe den Blick auf ihren Heimatort Hermeskeil verändert, sagt Shida Bazyar. Sie sieht die Lücken der bislang nicht erzählten Schicksale, denkt die Vergangenheit immer mit. "Die Lücken" hält die Erinnerung wach, ein hochaktuelles und zugleich zeitloses Buch, das wir genau jetzt brauchen und immer brauchen werden.
Wilhelm-Raabe-Preis für "Die Lücken"
Ob es mit dem Buchpreis klappt, ist noch offen - aber ausgezeichnet ist der Roman dennoch: Er erhält den diesjährigen mit 30.000 Euro dotierten Wilhelm-Raabe-Literaturpreis, den der Deutschlandfunk gemeinsam mit der Stadt Braunschweig vergibt. "Aus den verschiedenen Perspektiven und Biografien von Opfern und Tätern entsteht auf diese Weise das Bild eines Ortes, in dem sich historische Kontinuitäten kreuzen", heißt es in der Jury-Begründung. Die Verleihung ist am 7. November im Braunschweiger Staatstheater geplant.
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