"Sie wollen uns erzählen": Eindringlicher Blick auf neurodiverse Gefühle
Birgit Birnbacher erzählt in ihrer vielfach ausgezeichneten Prosa von Menschen, die "ganz unten" sind oder zu sein scheinen. Ihr neuer Roman "Sie wollen uns erzählen" handelt von einer intensiven Mutter-Sohn-Beziehung.
Die Sommerferien stehen kurz bevor, als das Unglück passiert: Der zehnjährige Oz und seine Mitschüler entfernen sich unerlaubterweise vom Pausenhof und gehen zum Kaninchenstall hinter dem Schulgebäude. Weder die Lehrer noch der grimmige Schulwart, den alle nur HL nennen, haben mitbekommen, dass die Kinder die Tiere besucht und es versäumt haben, die Stalltür wieder zu schließen. HL wird gleich den Rasen rund um den Stall mähen und das freilaufende Kaninchen namens Flöte übersehen, vielleicht auch weil ihm die Karnickel egal sind. Die schuldbewussten Schüler aber beobachten aus nächster Nähe:
Wie Flöte vollkommen aufgescheucht vom Lärm, wild und im Zickzack, über die Wiese springt. Wie Flöte wild herumrennt, Hüpfer macht, höher, als sie das jemals gesehen haben. Mit angehaltenem Atem sehen sie, wie das arme Tier rast vor Schreck, davonspringen will. Wie es in seiner Panik beinahe gegen die Mauer kracht. Wie es stattdessen aber, in dem irren Zickzack, nicht davon-, sondern direkt zu HL hinspringt, in den Rasenmäher hinein, unter den Rasenmäher drunter. Leseprobe
Vom Kaninchen zum Konflikt
Damit ist das Hasendrama noch nicht vorbei. Denn Oz wird den Todeskampf des schwer verletzten Tiers beenden. Eine rabiate Tat, die Mitschüler und Lehrer gleichermaßen entsetzt. Daheim erzählt Oz zunächst nichts von dem Vorfall, auch wenn er weiß, dass Mutter Annegret darüber informiert wird. Ann hat eigentlich ein gutes Verhältnis zu Oz, auch weil sie ähnlich tickt wie ihr Sohn. "Vom Temperament her ist sie eher der Pulverfass-Typ", heißt es an einer Stelle. Ihre Medikamente will sie nicht länger nehmen, geht aber immerhin ins "Impulskontrolltraining". Zu ihrer Schulzeit galt sie als "energiegeladen", von ADHS hatte man damals noch nichts gehört.
Wenn Sprache die Unruhe der Figuren trägt
"Sie wollen uns erzählen" ist ein so bedrückendes wie erhellendes Familiendrama, das von der Einsamkeit neurodiverser Menschen handelt. Birgit Birnbacher findet eine angemessene Sprache für die Unruhe der Charaktere, entwickelt eine hochnervöse Syntax, die auch zum Symbol wird für die rasenden Zeitläufe insgesamt. Es ist eine ungemein berührende, manchmal unheimliche Geschichte, die gleichwohl ein bildstarkes und beruhigendes Ende findet.
Die manischen Monologe der Hauptfiguren gehen zum Schluss über in ein echtes Zwiegespräch. Mutter und Sohn begreifen, dass ein totes Kaninchen keine Katastrophe und dass ein Kind, das einen oder auch zwei Fehler gemacht hat, kein böser Killer ist. Wenn sich ein Pennäler nicht ans Regelwerk hält, kommt die Schule schnell an ihre pädagogischen Grenzen. Das kann, das muss man beklagen. Doch entscheidend ist, wie die engsten Vertrauten auf die kleinen und großen Krisen von Kindern reagieren, die unaufmerksam, hyperaktiv und manchmal erstaunlich impulsiv sind.
ADHS, das zeigt dieser herausragende Roman, ist mehr als eine Diagnose. Es bedeutet eine andere, vielleicht sogar intensivere Gefühlswelt, von denen Menschen mit einer längeren Zündschnur und andere, die sich aus welchen Gründen auch immer für normal halten, eine Menge lernen können.
Sie wollen uns erzählen
- Seitenzahl:
- 224 Seiten
- Genre:
- Roman
- Verlag:
- Zsolnay
- ISBN:
- 978-3-552-07521-4
- Preis:
- 24 €