"Wir waren Wunder": Mozarts vergessene Schwester
Ende Juli jährt sich der 275. Geburtstag von Maria Anna ("Nannerl"), der älteren Schwester von Wolfgang Amadeus Mozart. In "Wir waren Wunder" erzählt Stefan Cordes von zwei Wunderkindern, ihren Reisen, dem Glanz und von der verborgenen Sehnsucht hinter dem Ruhm.
Es braucht beide Hände für die Musik, aber selbst die rechte Hand, die früher ein flinkes Vögelchen gewesen ist, fühlt sich wie eine verzogene Schranktür an. Wie ein Taubenpaar sind sie gewesen, ihre Hände, unzertrennlich, einander rufend, miteinander singend, und nun, da die eine nicht mehr mit den Flügeln schlagen kann, verkümmert auch die andere. Ausschnitt aus "Wir waren Wunder"
Ein Leben im Schatten des Genies
Fast 78 Jahre alt ist "Nannerl", die diese Worte denkt - Maria Anna Mozart, wie sie eigentlich heißt. Aus ihrer Perspektive zeichnet Stefan Cordes die Mozart-Geschichte nach. Maria Anna bekommt Besuch aus London an ihr Totenbett, es steht schlecht um sie. So beginnt der Roman, ein Rückblick auf eine Kindheit, die, wenn Maria Anna ein Mann gewesen wäre, womöglich anders ausgesehen hätte.
Ihr Vater hat ihr verboten, Klavier zu spielen. Wolfgang dürfe nicht gestört werden. Als sei es egal, dass sie sich von der Perfektion ihres Spiels entferne. Es gebe ohnehin keine Musikerinnen in einem Orchester, hat ihr Vater erklärt, keine Organistinnen in den Kirchen, nicht eine Komponistin auf der ganzen Welt. Die einzigen Frauen, denen man gestatte, musikalisch in Erscheinung zu treten, seien Sängerinnen, weil es so viele italienische Kastraten nun auch nicht gebe, aber so gut sei ihre Stimme nicht, hat er gesagt. Sie ist kein Wunderkind mehr, sie ist nun überflüssig. Ausschnitt aus "Wir waren Wunder"
Gefangen zwischen Applaus und Erwartung
Vieles hat sich aus heutiger Sicht verändert, aber das Familiendrama, das vom Ringen um Anerkennung geprägt ist, könnte genauso 2026 passieren. Besessen ist Leopold Mozart, der Vater, vom Streben nach Besserem, nach mehr Geld natürlich - verständlich, er will mehr sein, als nur der Salzburger Hofmusiker und vor allem soll die ganze Welt sehen, wie talentiert die Mozarts sind.
Maria Anna versucht sich darüber zu freuen, ihren Vater glücklich zu sehen, doch es gelingt ihr nicht. Er strahlt und bemerkt gar nicht, dass sie sich wie ein Schatten bewegt, wenn sie von prunkvollen Kutschen abgeholt werden, die sie zu den vornehmsten Familien der Stadt bringen, manchmal mehrfach am Tag. In prächtigen Palais lauscht ihnen die Wiener Gesellschaft, und sie machen Eindruck in ihren umgeänderten kaiserlichen Kleidern, sehen wohl vornehm aus, auch wenn es noch immer ihre Köpfe sind, die aus den Kragen schauen. Unterhalb des Kragens scheint ihr allerdings alles fremd zu werden, und ihr Spiegelbild kommt ihr schließlich wie das eines Mädchens vor, dem sie bloß zufällig gleicht. Ausschnitt aus "Wir waren Wunder"
"Nannerls" stille Wut
Oft hat Maria Anna den Weitblick: Sie rät zum Beispiel, nicht nach Paris zu fahren, weil dort ohnehin gerade die Welt Kopf stehe. Immer wieder sprechen sie und ihre Mutter sich dafür aus - und auch Wolfgang, nach Italien zu reisen. Doch Leopold Mozart weigert sich, sich der Mode zu fügen, unterschätzt, wie wichtig Freunde sind, unterschätzt die Gefahr der aufkommenden Pocken und setzt immer wieder das Projekt "Berühmt werden" und das Familienauskommen aufs Spiel.
Zweifellos hatte Wolfgang Amadeus viel Talent. Doch das seiner Schwester wurde nur bedingt gefördert. Als sie klein waren, vermarktete der Vater beide als Wunderkinder, kaum waren sie älter und auch wegen ausbleibender Erfolge ging es vor allem um Wolfgang Amadeus und sein Talent als Komponist.
In den Salons wuchs Maria Annas Sorge
In London treffen die Geschwister Bachs Sohn Johann Christian, in Wien später Johann Adolf Hasse, der Wolfgangs Talent erkennt - dank Maria Anna, die sich für ihn einsetzt. Intrigen, Familienverstrickungen, Krankheiten, Freundschaften, die zerbrechen, Macht und Hofzeremonien - man folgt gespannt den Gedanken und Gefühlen Maria Annas und hat dabei nie das Gefühl, einen historischen Roman zu lesen. Die Sprache ist im Ton leicht an die Zeit angepasst, aber doch modern. Ein Buch, das in den Bann zieht und - genau recherchiert - einen neuen Blick auf die Mozart-Familie wirft.
Wir waren Wunder
- Seitenzahl:
- 400 Seiten
- Genre:
- Roman
- Verlag:
- Penguin
- ISBN:
- 978-3-328-60525-6
- Preis:
- 24 €