Cover: Lukas Rietzschel, "Sanditz"
AUDIO: Die Longlist des Deutschen Buchpreises steht fest (7 Min)

"Sanditz": Eine ostdeutsche Familie zwischen DDR, Wende und Pandemie

Stand: 12.08.2026 15:21 Uhr

Lukas Rietzschel gilt seit seinem Debüt "Mit der Faust in die Welt schlagen" als Beobachter und Deuter der Gesellschaft in Ostdeutschland. In "Sanditz" folgt Rietzschel der Familie Wenzel von den 1970er-Jahren bis zur Corona-Zeit. Das Buch steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

von Theresa Hübner

Sanditz ist eine fiktive kleine Stadt nahe der polnischen Grenze im Lausitzer Braunkohlerevier. Es ist 2021, Weihnachten, mitten in der Corona-Pandemie. Maria Wenzel wird Heiligabend mit ihrer Mutter Marion und ihrer Großmutter Erika verbringen, aber ohne ihren Zwillingsbruder Tom - weil er nicht geimpft ist.

Hast du mit Tom nochmal reden können?", fragt Mutter. Sie macht den Fernseher leiser.
"Nicht direkt, nein."
"Ich verstehe nicht, warum er sich nicht einfach impfen lassen kann. Wo ist denn das Problem? Will er uns nicht sehen?"
Maria ist zu müde, um dieses Gespräch zu führen. Wenn es das erste dieser Art wäre, vielleicht wäre sie dann motiviert.
Leseprobe

Ein Schutzraum für freie Gedanken

Die zweite Zeitebene in Lukas Rietzschels Roman "Sanditz" spielt Ende der 1970er-Jahre. Sanditz ist ein wichtiger Industriestandort mit Glasfabrik, Nähereien, einem Matratzenwerk und einer Maschinenfabrik. Familie Wenzel ist gläubig, aktiv in der örtlichen christlichen Gemeinde. Die ist ein Schutzraum für Oppositionelle, ein kleiner Freiraum für kritische Gedanken. Heimlich werden auch in der Gemeindebibliothek vom Staat verbotene Bücher kopiert. Die bringt Norbert Wenzel, der als Orgelbauer ins Ausland reisen darf, mit nach Sanditz:

Immer kam er zurück. Er ließ die Fragen bei der Einreise über sich ergehen, das teilweise stundenlange Verhör beim immer gleichen Grenzer (irgendwann duzten sie sich; der Mann hieß Michael, was ihn irrigerweise vermuten ließ, dass er ein Christ war). Die Bücher, die er in einem Einlegeboden versteckte, wurden auch dieses Mal nicht gefunden. Leseprobe

Von der Wendezeit bis zum Ukrainekrieg

Der Roman wechselt zwischen den letzten Jahren der DDR und schließlich der friedlichen Revolution 1989 und unserer Gegenwart bis zum Beginn des Ukrainekriegs. Nach und nach nimmt Lukas Rietzschel die einzelnen Mitglieder der Familie Wenzel und einige Bewohner der Kleinstadt in den Blick und erzählt ihre Geschichten. Sie hadern mit der Vergangenheit und arbeiten sich an der Gegenwart ab, sie entfremden sich und finden wieder zueinander - und natürlich geht es auch um Liebe: Tom wird verlassen, Marias Liebesleben ist ziemlich chaotisch, und der Vater der beiden verbarg jahrzehntelang, dass er eigentlich Männer liebt.

So entsteht nach und nach ein Panorama der Wendezeit bis heute. Dabei schreibt Lukas Rietzschel bemerkenswert detailliert. Er lässt sich Zeit für genaue Alltagsbeobachtungen zeichnet Landschaften und Menschen mit viel Präzision, Feingefühl und Respekt.

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Rietzschels Figuren sprechen für sich

Lukas Rietzschels Roman vertritt keine großen Thesen, es gibt keine moralischen Kommentare. Stattdessen lässt er seine Figuren sprechen, lässt sie auseinanderdriften und wieder zusammenfinden. Dabei geht es um große gesellschaftliche Fragen - um Heimat und Zugehörigkeit, und darum, wie sich Konflikte durch Familien und Freundschaften ziehen. Wer "Sanditz" liest, bekommt Ostdeutschland nicht erklärt, aber sehr genau erzählt. Und merkt dabei schnell: Viele der Konflikte, die hier verhandelt werden, sind längst nicht "nur ostdeutsch".

Sanditz

von Lukas  Rietzschel
Seitenzahl:
480 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
dtv
ISBN:
978-3-423-28516-2
Preis:
26 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Der Vormittag | 11.08.2026 | 10:20 Uhr

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