#Hyggepost aus Dänemark: Schwere Zeiten für die leichte Linie
Unsere Kolumnistin lebt in Dänemark und schreibt über ihren Alltag. Dieses Mal geht es um eine beliebte Weihnachtstradition, die schwer wiegt: das Julefrokost.
Alle Jahre wieder - ist die Vorweihnachtszeit in Dänemark schon längst in vollem Gang, während man in Deutschland noch die Kisten mit der Weihnachtsdeko aus dem letzten Jahr sucht. So hat etwa am 8. November (!) die weit über die Grenzen hinaus bekannte "Weihnachtsstadt Tondern" ihre Tore geöffnet und schickt den Weihnachtsmann in seinem Schlitten auf eine Tour über die Dächer der Stadt. Warum ich das alles erzähle? Weil mit der Vorweihnachtszeit in Dänemark auch eine allseits beliebte Tradition gelebt wird: das so genannte Julefrokost.
Die Frokostsche Täuschung
Wortwörtlich übersetzt heißt das Weihnachts (Jule) mittagessen (frokost). Es hat eine Weile gedauert, bis ich Frokost nicht mehr mit Frühstück verwechselt habe. Dann war ich erneut verwirrt, als ich eine Einladung zum Julefrokost bekam - mit Übernachtung. Ich fragte nach: Wieso übernachten, wenn wir uns schon mittags treffen? Nein, es gehe ja erst abends los, erfuhr ich.
Wieder bin ich schlauer: Julefrokost in Firmen findet gerne abends statt, während man sich im Familienkreis eher mittags trifft. Wo, ob im Restaurant oder Zuhause - man kann sich übrigens ein komplettes Julefrokost-Buffet nach Hause liefern lassen - ist Geschmackssache und auch eine Frage des Geldes. Oft kommt man zum Julefrokost schon im November oder auch erst im Januar zusammen, weil im Dezember bei den meisten sowieso schon so viel los ist.
Viele Js im Kalender
Das ist der Grund, warum in meinem Papierkalender - ja, ganz genau, Papier - schon an beachtlich vielen Tagen ein "J" geschrieben steht. Klein, harmlos, platzsparend, eine gewisse Leichtigkeit versprühend, dieses sanft geschwungene J. Mit der Leichtigkeit ist es allerdings schnell vorbei, kalorientechnisch zumindest, wenn man sieht, was beim Julefrokost so aufgetischt wird. Nichts für Kalorienzähler. Frokost im allgemeinen und Julefrokost im speziellen ist eine deftige Angelegenheit: Da macht auch das kulinarisch sonst gern als hip gefeierte Kopenhagen keine Ausnahme, wie mir ein dänischer Kollege erzählt. "Kopenhagen ist eher ein Schmelztiegel, was regionale Traditionen angeht."
Julefrokost in Sønderjylland
Ich klopfe bei meinem Nachbarn an - dem Mann namens Ove, um mehr über die hiesigen Julefrokost-Gepflogenheiten zu erfahren. Seine Frau Jonna öffnet die Tür. "Regional gibt es natürlich Unterschiede. Aber was auf keinen Fall fehlen darf, sind verschiedene Sorten Hering und Weißkohl", erklärt sie. Frikadellen, Leberpastete mit Champignons und Speck, dänischer Schweinebraten, eingelegtes Schweinefleisch. Das isst man gerne mit roter Bete und Senf. Verschiedene Sorten Würstchen und Fischfilet: Julefrokost ist nichts für Vegetarier und Kalorienzähler. Und man sollte auch etwas Platz im Magen lassen, denn zum Schluss gibt es noch Risalamande: ein Reisbrei mit Sahne, Zucker und Vanille. Darin ist eine Mandel versteckt. Wer sie findet, bekommt ein kleines Geschenk.
Ove freut sich auf den Julefrokost mit seinen Fußballkollegen im Dezember. Glaubt man einer gewissen Suchmaschine, wird dabei viel Bier und Schnaps getrunken. "Nein, das machen wir nicht", sagt Ove. Ist doch immer wieder gut, direkt nachzufragen und nicht alles zu glauben, was im Netz steht. Aber das ist eine andere Geschichte.
Hygge und Essen für die Seele
Wer sich beim Julefrokost durch das gesamte Buffet futtern will, sollte vor allem eins mitbringen: Zeit. Denn es geht natürlich, wie bei uns in Dänemark üblich, um Hygge. "Vi hygge os" - ein Satz, für den es keine so richtige wortwörtliche Übersetzung gibt. Es geht darum, Zeit miteinander zu verbringen, um Gemeinschaft. Das ist gut für die Seele. Und da spielt es doch am Ende auch keine große Rolle, dass für die leichte Linie jetzt schwere Zeiten anbrechen.
Diese Folge der Kolumne #Hyggepost wurde erstmalig am 22. November 2025 veröffentlicht.