MV: Mehr Gleichberechtigung bei Lohn, Arbeit und Rente
Bei Arbeitszeit, Gehalt und Rente liegen Männer und Frauen in Mecklenburg-Vorpommern näher beieinander als auf dem Arbeitsmarkt in vielen westdeutschen Regionen. Das NDR Datenteam verrät warum.
Für junge Familien ist die Rechnung klar: Wenn beide Eltern arbeiten wollen, brauchen sie für ihr Kind einen Betreuungsplatz. Nur so können Mütter und Väter auch mit kleinen Kindern berufstätig sein und Geld verdienen. Besonders Möglichkeiten zur Betreuung von Kindern unter drei Jahren nutzen Eltern in Mecklenburg-Vorpommern (MV) häufiger als in anderen Bundesländern im Norden.
Viele Eltern in Mecklenburg-Vorpommern geben ihre Kinder vergleichsweise früh in die Krippe oder zur Tagespflege. Rund 60 Prozent der unter Dreijährigen werden außer Haus betreut. Zum Vergleich: In Bremen ist es nur etwa jedes dritte Kind (31,3 Prozent).
Frauen am Arbeitsmarkt: Job-Tradition als DDR-Erbe
"Die DDR hatte 1989 eine der höchsten Frauenerwerbsquoten der Welt, fast alle Frauen waren berufstätig. Das hat Spuren hinterlassen, die bis heute nachwirken", sagt Katja Hoyer, Historikerin und Autorin des Buches "Diesseits der Mauer". Der Osten profitiere vom früheren System. Junge Menschen seien selbst mit arbeitenden Müttern aufgewachsen und auch die Betreuungsangebote seien bis heute in vielen ostdeutschen Regionen besser ausgebaut.
"Die Erwerbs-Biografien der Frauen in Ostdeutschland sind denen der Männer viel ähnlicher als im Westen", sagt Katharina Wrohlich, die am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und an der Uni Potsdam zu Ungleichheit am Arbeitsmarkt forscht. "Ostdeutsche Frauen unterbrechen ihre Arbeit kürzer für die Familie und arbeiten schneller wieder in Vollzeit, während Frauen in Westdeutschland oft bis ins Rentenalter in Teilzeit bleiben."
Die Daten zeigen: Frauen in Mecklenburg-Vorpommern arbeiten mehr Stunden als Frauen in westlichen Bundesländern, und der Unterschied zu Männern ist geringer.
In MV arbeiten Frauen durchschnittlich 133 Stunden im Monat und damit nur 15 Stunden weniger als Männer. In Niedersachsen beträgt der Unterschied mit 33 Stunden hingegen mehr als doppelt so viel.
"Das positive DDR-Erbe"
"Man merkt noch heute das andere Selbstverständnis von Frauen in Ostdeutschland", sagt Michaela Fuchs vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). "Zu arbeiten und auch mehr Stunden zu arbeiten als einen Halbtagsjob, ist normal. Das ist das positive DDR-Erbe."
Gender Pay Gap in MV kleiner: Unterschiede beim Gehalt
Auch in Mecklenburg-Vorpommern verdienen Frauen weniger als Männer. Der Abstand ist jedoch deutlich kleiner: Der Gender Pay Gap liegt bei etwa vier Prozent, im Bundesdurchschnitt sind es rund 16 Prozent.
"Das sieht zwar auf den ersten Blick nach Gleichberechtigung aus. Aber eigentlich liegt es auch an der schlechten Bezahlung der Männer im Osten", sagt Michaela Fuchs, die für das IAB die regionalen Unterschiede beim Gender Pay Gap untersucht hat.
Männer in Mecklenburg-Vorpommern verdienen gut fünf Euro pro Stunde weniger Gehalt als Männer im deutschen Durchschnitt, Frauen in MV hingegen nur etwa zwei Euro weniger als Frauen im deutschen Durchschnitt. "Männer, die immer noch eher Berufe in der Produktion wählen, haben in Ostdeutschland - und insbesondere in Mecklenburg-Vorpommern - schlechtere Karten", sagt Michaela Fuchs. Die Wirtschaftsstruktur in Ostdeutschland ist eine andere ist als in Westdeutschland, wo es mehr Industrieunternehmen, Konzernzentralen und hochbezahlte technische Berufe gibt und der Gender Pay Gap größer ausfällt.
Da Frauen aber eher Jobs in Verwaltung oder dem Bereich Gesundheit wählen, verdienen sie laut Michaela Fuchs auch in Ostdeutschland vergleichsweise gutes Gehalt, weil es in diesen Branchen Tarifverträge gibt. "Auch die kürzere Auszeit der ostdeutschen Mütter nach der Geburt eines Kindes spielt eine große Rolle für den kleineren Gender Pay Gap."
Care Arbeit: Gleichberechtigter bei Haushalt und Erziehung
Frauen leisten weiterhin deutlich mehr unbezahlte Arbeit: etwa 30 Stunden pro Woche gegenüber 21 Stunden bei Männern. Sie sind im Haushalt, bei der Kinderbetreuung oder bei der Pflege von Angehörigen nach wie vor stärker eingebunden. Dieser Unterschied bei der Sorgearbeit, der so genannte "Gender Care Gap", wächst nach Angaben von Katharina Wrohlich insbesondere nach der Familiengründung. In Ostdeutschland ist dieser Unterschied jedoch geringer als im Westen. Denn Frauen in Ostdeutschland nutzen stärker externe Betreuung, und Männer übernehmen laut Wrohlich etwas mehr Care Arbeit als westdeutsche Männer.
Die schon seit DDR-Zeiten geringen Unterschiede bei Gehalt und Arbeitszeit wirken sich letztlich auch auf die Rente aus: Frauen in MV bekommen mehr Rente als Frauen im deutschlandweiten Durchschnitt. Zwar müssen sie auch in Mecklenburg-Vorpommern im Alter mit weniger Rente auskommen als die Männer, jedoch ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern deutlich geringer: zehn Prozent weniger Rente für Frauen im Vergleich zu 23 Prozent weniger Rente für sie im Bundesdurchschnitt.
"Die geschlechts-spezifische Ungleichheit am Arbeitsmarkt ist in Ostdeutschland geringer", bilanziert Katharina Wrohlich vom DIW. Das habe mit Normen und Einstellungen zu tun, die sich laut Wrohlich immer noch unterscheiden zwischen Ost und West. "In Ostdeutschland sind Paare gleichberechtigter aufgestellt", meint auch Michaela Fuchs. Familienarbeit werde besser zwischen Männern und Frauen aufgeteilt.