#NDRfragt: Gut jede vierte Frau sah sich im Lohngespräch im Nachteil
Eine Umfrage zum Equal Pay Day zeigt: 29 Prozent der befragten Frauen haben sich in Gehaltsverhandlungen aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt gefühlt - und nur zwei Prozent der befragten Männer.
"Mir wurde bei einer Gehaltsverhandlung direkt gesagt, dass ich ja kein Familienernährer sei und daher keine Gehaltserhöhung bekommen werde", sagt Mareike (35) aus dem Landkreis Hildesheim. "Ich könne ja kündigen, aber es wurde bezweifelt, dass ich etwas Besseres finden würde." Mareike kündigte und arbeitet jetzt woanders - für mehr Gehalt.
Mareike ist eine der Frauen aus der #NDRfragt-Community, die in unserer Umfrage angegeben haben, sich bei einer Gehaltsverhandlung schon einmal durch das eigene Geschlecht benachteiligt gefühlt zu haben - so wie 29 Prozent der befragten Frauen. Von den befragten Männern betraf das nur zwei Prozent. Fast doppelt so viele Männer (58 Prozent) wie Frauen (30 Prozent) gaben an, keinen Einfluss wahrgenommen zu haben.
Frauen verdienen im Durchschnitt 4,24 Euro weniger pro Stunde
Alle Ergebnisse der nicht repräsentativen, aber gewichteten #NDRfragt-Umfrage können Sie hier nachlesen. An der Umfrage haben 21.398 Menschen teilgenommen. Anlass der Befragung ist der Equal Pay Day - der Tag der Lohngerechtigkeit, der in diesem Jahr am 27. Februar stattfindet. Er markiert symbolisch den Tag, bis zu dem Frauen rein rechnerisch im Vergleich zu Männern umsonst arbeiten. Laut Statistischem Bundesamt verdienten Frauen im Jahr 2025 durchschnittlich 22,81 Euro pro Stunde - und damit 4,24 Euro weniger als Männer (27,05 Euro). Der unbereinigte Gender Pay Gap lag damit 2025 bei 16 Prozent.
"Wirtschaftlich tragbar, wenn man nicht schwanger wird"
Auch Heike (38) aus dem Kreis Vorpommern-Greifswald hat eine schlechte Erfahrung gemacht, da war sie Ende 20: "Mir wurde im Gespräch gesagt, dass man mir nicht die nächste Gehaltsstufe anbieten kann. Denn diese ist nur dann wirtschaftlich tragbar, wenn man 'nicht schwanger wird und ständig wegen der Kinder ausfällt'." Auch sie arbeitet jetzt für einen anderen Arbeitgeber und verdient nun mindestens dasselbe wie Männer in vergleichbaren Positionen. Und: Sie sieht auch die Frauen in der Pflicht, die Lohnlücke aktiv zu verringern: "Frauen verkaufen sich unter Wert. Es ist ihnen teils peinlich, über Geld zu sprechen. Und teils hatte ich den Eindruck, dass Frauen einfach darauf hoffen, dass der Chef schon ein gutes Gehalt vorschlagen wird." Sie selbst legt sich vor Gehaltsverhandlungen immer Argumente für mehr Geld und Benefits zurecht.
Ursachen: Teilzeit, Berufswahl, Care-Arbeit, Patriarchat
Wir haben die Menschen aus der #NDRfragt-Community gefragt, welche Ursachen sie für den Gender Pay Gap sehen. Viele nannten Umstände, die auch vom Statistischen Bundesamt als Begründung für die Lohnlücke angeführt werden: Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit, in schlechter bezahlten Branchen und Berufen, erreichen seltener Führungspositionen als Männer und unterbrechen die Karriere häufiger und länger für die Familie und Care-Arbeit.
Andere sahen dahinter ein größeres strukturelles Problem. Zum Beispiel Bernd (51) aus Hamburg: "Auch unter 'modernen' Männern in entscheidenden Positionen gibt es noch zu viele Reste eines chauvinistischen Frauenbildes", sagt er. Und das betreffe auch Frauen: "Unter Frauen in entsprechenden Positionen - ebenfalls durch das Patriarchat geprägt - herrscht zu viel Konkurrenzdenken."
Viele Menschen aus der #NDRfragt-Community haben uns von ihren Erfahrungen erzählt oder ihre Meinungen geschrieben - vielen Dank dafür! Einige dieser Wortmeldungen finden Sie auf den folgenden Zitat-Kacheln. Um den ganzen Beitrag zu sehen, tippen Sie auf die jeweilige Kachel. Sie können die Kacheln sortieren nach Zitaten zu Ursachen für den Gender Pay Gap und zu möglichen Lösungen.
Gesetze und Transparenz gegen Gehaltsgefälle
Die meisten Teilnehmenden (56 Prozent) sehen gesetzliche Regelungen als effektivsten Schritt zur Verringerung der Lohnlücke. Dahinter folgen allgemeine Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf (43 Prozent) sowie der Ausbau von Kinderbetreuungsangeboten zur Ermöglichung von Vollzeitarbeit (36 Prozent). Auf Platz vier der Maßnahmen: gesetzliche Vorgaben zu mehr Transparenz von Gehältern (35 Prozent).
Sven (57) aus der #NDRfragt-Community hat gute Erfahrungen mit einer höheren Transparenz gemacht: "Ein neu eingeführtes transparenteres Entlohnungssystem hat einen eindeutigen Gender Pay Gap deutlich gemacht, der dann recht zügig behoben wurde. Der Geschäftsführung war das selbst gar nicht so bewusst."
"Zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit"
Einig waren sich fast alle Teilnehmenden bei der Frage, wie wichtig ihnen eine gleiche Bezahlung von Frauen und Männern ist. 99 Prozent der Frauen und 94 Prozent der Männer antworteten hier "sehr wichtig" oder "eher wichtig". "Wenn eine Frau dasselbe leistet wie die männlichen Kollegen, dann soll sie auch genauso bezahlt werden. Da gibt es keine zwei Meinungen", sagt Nadine (40) aus dem Kreis Segeberg. Und Daniel (43) aus Hamburg bezeichnet die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern als "zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit", der man unbedingt ein Ende setzen müsse.
Ein genauer Blick auf die Zahlen zeigt jedoch einen markanten Unterschied: Während 93 Prozent der befragten Frauen sagten, eine gleiche Bezahlung sei ihnen sogar "sehr wichtig", taten dies 77 Prozent der befragten Männer.
Mitarbeit
Umfrageerstellung: Kathrin Bädermann und Nora Köhler
Datenanalyse: Lisa Richter
Mitarbeit: Freya Rechter
Über diese Befragung
Die Antworten stammen aus der Umfrage "Gleiche Arbeit, ungleicher Lohn: Werden Frauen fair bezahlt?", an der sich 21.398 Menschen aus Norddeutschland beteiligt haben.
Für die Ergebnisse wurden Antworten ausgewertet, die vom 19. bis 23. Februar 2026 bis 6 Uhr abgegeben wurden. Unsere Analyse konzentriert sich auf das norddeutsche Stimmungsbild und wertet gezielt die Antworten aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen aus. Die Umfragen werden online ausgefüllt.
Die Ergebnisse der Befragung sind nicht repräsentativ. Wir haben sie allerdings nach den statistischen Merkmalen Alter, Geschlecht, Bundesland, Schulabschluss und Familienstand gewichtet. Das heißt: Antworten von Bevölkerungsgruppen, die unter den Befragten seltener vertreten sind als in der norddeutschen Bevölkerung, fließen stärker gewichtet in die Umfrage-Ergebnisse ein. Und die Antworten von in der Befragung überrepräsentierten Gruppen werden schwächer gewichtet. Insgesamt verteilen sich die Antworten dann am Ende eher so, wie es der tatsächlichen Verteilung der Bevölkerungsgruppen in Norddeutschland entspricht.
Abweichungen von 100 Prozentpunkten in Grafiken sind rundungsbedingt oder ergeben sich aus der Antwortoption "keine Angabe".